Konstanz

Wetterleuchten am Bodensee

Naturschauspiel: Blitze zucken uber dem Bodensee. Eitel Sonnen schein ist auch zwischen den liberalen und orthodoxen Juden in Konstanz noch nicht abzusehen. Foto: imago

Eine friedliche Feier am See: Zahlreiche Gäste waren der Einladung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) am vorletzten Juli-Sonntag zum großen Sommerfest nach Konstanz gefolgt. Die Zeichen, so berichtete die lokale Zeitung Südkurier am folgenden Tag, hätten bei diesem Feier eindeutig auf Versöhnung gestanden.

Ein Einvernehmen nämlich der beiden zurzeit am Bodensee existierenden Gemeinden, der Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz (IKG) und der Jüdischen Gemeinde Konstanz (JGK). Die sollen nach langen Jahren des Streites demnächst wieder zu einer einzigen Gemeinde verschmolzen werden. Und so den Weg freimachen für den Bau der schon lange geplanten neuen Synagoge im Zentrum der Bodensee-Stadt.

Einspruch Sogar ein Termin für Neuwahlen eines fusionierten Vorstandes der neuen Einheitsgemeinde wurde beim Sommerfest verkündet: Am 18. September sollen sie stattfinden. Nur: Daraus wird wohl nichts werden. Wie die Jüdische Allgemeine erfuhr, hat die JGK beim Schiedsgericht des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen die vom Oberrat der IRG Baden geplante Fusion Einspruch erhoben. Und damit zumindest den vorgesehenen Zeitplan gehörig durcheinandergebracht.

Man habe sich in den vergangenen Jahren eben in eine andere, in die liberalere Richtung entwickelt, so die JGK-Vorsitzende Minia Joneck zu den Gründen für diesen Einspruch. Äußeres Zeichen dafür, so die Vorsitzende, sei etwa, dass es bei den Gottesdiensten der JGK keine Mechiza (Trennwand zwischen Männer und Frauen) gäbe wie zum Beispiel bei der IKG.

Aber auch jenseits der religiösen Riten hätten die Mitglieder der JGK teilweise andere Vorstellungen als die orthodox geführte IKG: »Uns war es stets wichtig, die Stadt und die weitere Öffentlichkeit in unser Tun einzubeziehen«, sagt Minia Joneck. Es sei ihr zum Beispiel ein Anliegen, bei Vorträgen oder ähnlichen Veranstaltungen, auch ausdrücklich nichtjüdische Kreise anzusprechen.

Würden die beiden Gemeinden wieder zu einer Einheitsgemeinde zusammengeschlossen, so fürchtet die JGK-Vorsitzende, dann würde ihren Mitgliedern dort eine geistige Heimat fehlen. Tiefe Bedenken, die Wolfgang Fuhl, Vorsitzender des Oberrates der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden mit Sitz in Karlsruhe, überhaupt nicht teilen kann. »Mittelfristig hat nur eine Einheitsgemeinde in Konstanz eine Chance zu überleben«, sagt er. Und das vor dem Hintergrund von gerade einmal 400 Juden im gesamten Landkreis Konstanz. Die jüdische Gemeinschaft müsse wieder mit einer Stimme sprechen, betont Fuhl.

Die Ironie bei der Geschichte ist allerdings, dass die liberalere Gemeinde, die sich gegen ihre Auflösung wehrt, eigentlich ein Konstrukt des Karlsruher Oberrates ist: Denn ihre Gründung war Folge des Streits, den der Oberrat vor einigen Jahren mit der früheren Konstanzer Gemeinde beziehungsweise mit deren damaligen Präsidenten Gideon und Benjamin Nissenbaum ausgetragen hatte. Heute sagt Fuhl dazu, schon damals habe man den Mitgliedern der JGK reinen Wein eingeschenkt: Zwei Gemeinden am Bodensee für 400 Juden, »das kann und darf kein Dauerzustand sein«.

Fusionspläne Der IRG-Vorsitzende ist denn auch nicht bereit, seine Fusionspläne derzeit einfach zu streichen: »Wir warten jetzt sicher einmal die Entscheidung des Schiedsgerichtes ab.« Sollte die für den Oberrat negativ ausfallen, werde man über finanzielle Konsequenzen nachdenken müssen. »Schließlich erhält die JGK Geld vom Oberrat, um ihre Aktivitäten zu bestreiten.«

So bezahle Karlsruhe beispielsweise auch die Miete der Räumlichkeiten, in denen sich die Mitglieder der jüngeren der beiden Konstanzer Gemeinde treffen. Den JGK-Verantwortlichen stünde es laut Wolfgang Fuhl selbstverständlich jederzeit frei, sich als privater Verein zu organisieren. Dieser müsse dann allerdings auch selbst schauen, wie er zu den nötigen Finanzen komme.

Dass es zwischen den beiden Gemeinden trotz allen sommerfestlichen Hoffnungen offenbar weiter hakt, hat auch einen nicht unwichtigen Einfluss auf den geplanten Synagogen-Neubau im ehemaligen Gasthof »Anker« in der Konstanzer Altstadt. Für den standen die Ampeln eigentlich nach Jahren der Stagnation wieder auf Grün. Wolfgang Fuhl bremst auch da die allzu große Vorfreude.

Zwar stünden die Vertragsverhandlungen mit der Stadt und dem Land kurz vor dem Abschluss – die Kostenschätzungen für den Neubau seien allerdings um eine Million Euro höher als mit 1,8 Millionen Euro ursprünglich geplant: »Es gab viele zusätzliche Wünsche aus den Gemeinden, die haben sich eindeutig auf die Kostenseite ausgewirkt.« Eventuell werde man – die dann fusionierte – Gemeinde noch zur Kasse bitten müssen

Bruderpaar Noch nicht klar ist, ob bei einer Versöhnung auch die »zeitweise eher ausgegrenzten« (Südkurier) Brüder Nissenbaum wieder eine Rolle in einer vereinten Gemeinde spielen würden. Sie hätten sich ihm gegenüber dahin gehend geäußert, dass sie das eigentlich nicht mehr anstreben würden – aber da müsse man abwarten, meint Fuhl.

Am Sommerfest nahmen sie jedenfalls teil und hörten, wie die anderen Gäste, dass sich Konstanz’ Oberbürgermeister Horst Frank, mit Verweis auf die Vorkommnisse in Norwegen, in Bezug auf jüdisches Leben in seiner Stadt optimistisch gab, als er meinte: »Die Menschlichkeit wird triumphieren.«

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