Stuttgart

Tanz bis in den frühen Morgen

Umringt: Bei der Tombola gab es wieder wertvolle Preise zu gewinnen. Foto: Brigitte Jähnigen

Ganz still wird es im Saal »Elysée« im Hotel Le Méridien, als Saporta Liran, Sängerin der »Express Band«, das Gebet »Avinu Malkeinu« anstimmt. Sie verlässt die Bühne, geht langsam zu den runden Gästetischen und macht halt vor »Mister ZWST« Benjamin Bloch und Martin Widerker, dem Ersten Vorsitzenden des TSV-Makkabi Stuttgart und Gastgeber an diesem Abend.

»Avinu Malkeinu« (Unser Vater, unser König) – Barbra Streisand hat es mit ihrer Interpretation einem großen Zuhörerkreis bekannt gemacht – bedeutet an diesem Abend in Zeiten verstärkter Israelfeindlichkeit in Deutschland eine Verneigung vor Israel. Das Publikum ist gerührt, es versteht und applaudiert.

gäste Ein leiser, stiller und besinnlicher Moment am vergangenen Samstag, an dem Mitglieder des TSV-Makkabi Stuttgart und ihre Gäste den 39. Purimball feiern, sich geistigen und körperlichen Genüssen hingeben, tanzen, Freunde treffen und von der Tombola überraschen lassen. Die »Express Band« aus Israel heizt den Gästen mächtig ein, die Stimmung ist berauschend, dann dieser Moment der Konzen­tration auf die Sängerin und das Lied.

»Avinu Malkeinu – Unser Vater, unser König« ist auch eine Referenz an die Geschichte, die dem Purimfest ihren Namen gibt. Per Losentscheid sollte der Tag der Judenvernichtung vor 2500 Jahren unter König Achaschwerosch bestimmt werden.

»In der Purimgeschichte, die wir vor einigen Tagen in der Synagoge gelesen haben, ist es der Minister Haman, der vor dem persischen König Achaschwerosch ein Feindbild entwirft, doch die Vernichtung, die er plante, wandte sich dank Esther gegen ihn«, sagt Martin Widerker zur Begrüßung der Gäste. Anders sei es in der Weltgeschichte keinem ergangen, der die Vernichtung eines Volkes plante, so der Vereinsvorsitzende des TSV-Makkabi Stuttgart.

sieg »Unser Purimball, den wir seit Bestehen des Vereins, also seit 39 Jahren, feiern, ist ein Beitrag zur Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Religionen«, sagt Widerker. Wo jüdische und nichtjüdische Menschen gemeinsam den Sieg des freien Menschen über die Unterdrückung und Verfolgung feierten, würden Vorurteile abgebaut, Brücken errichtet und Freundschaften geschlossen.

Als Mittel gegen die wachsende Judenfeindlichkeit schlug Widerker ein neues Pflichtfach zu »Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit« in den Schulen vor. »Natürlich begrüßen wir die Berufung von Antisemitismusbeauftragten, aber damit wird der Judenhass nicht abzuschaffen sein«, ist Widerker überzeugt.

Nur eine neue, aufgeklärte Generation in Deutschland sei die Chance für eine Gesellschaft mit demokratischem Bewusstsein und demokratischen Werten, ohne Hass und Vorurteile. »Damit muss man auch nach Brüssel gehen und die Europäische Union anstecken«, sagt der Makkabi-Vorsitzende weiter. Der Appell richtet sich jedoch auch an die Bildungspolitiker im Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart, in der 172 Nationen zu Hause sind.

Grüße Mit Grußworten hatten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn dem TSV-Makkabi Stuttgart für seine Integrationsarbeit und den interreligiösen Dialog gedankt. Mit »Purim Sameach« begrüßte Beni Bloch als einer der Schirmherren die Gäste. 2500 Jahre nach dem fehlgeschlagenen Plan, die Juden auszurotten, werde mit dem Purimfest der Sieg über das Böse gefeiert.

»Heute geht die Gefahr für Israel vom Iran aus, leider sehen die meisten westlichen Länder die Bedrohung nicht«, so der aus Frankfurt mit seiner Frau Mariam angereiste Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Doch der Staat Israel sei stark genug, die Gefahr abzuwenden. Letztlich trügen auch Vereine wie der TSV-Makkabi mit ihrem integrierenden Charakter dazu bei, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen und Vorurteile zu mindern.

Roman Chernousov ist zum ersten Mal zum Purimball gekommen und bestätigt die Worte der Redner. Dass er als russisch-orthodoxer Christ in einem jüdischen Verein Fußball spielt, habe noch nie jemanden gestört. »Wir sind Juden, Christen, Muslime, wir wollen trainieren, neue Freunde kennenlernen und Spaß haben«, sagt der 39-Jährige. Dimitri Polski, »unsere Seele«, wie Chernousov den Trainer nennt, habe ihm gesagt, er solle zum Purimball kommen, er werde es nicht bereuen. »Und jetzt bin ich da, und es gefällt mir sehr gut, es ist ein gelungenes Fest«, sagt der gebürtige Ukrainer.

makkabi-cup Im Winter trainieren die Fußballer in der Halle, von Mai bis Oktober zweimal in der Woche auf dem Vereinsplatz im Feuerbacher Tal. »Nach dem Training sitzen wir zusammen und lernen uns kennen«, sagt Roman Chernousov. 30 Mitglieder zählt die Abteilung Fußball derzeit.

Chernousov erinnert sich gut an das Turnier beim Makkabi-Cup 2017 in Nürnberg. »Wir haben leider nur den dritten Platz erspielt«, bedauert er. Fußball spielt der Grundschullehrer, seit er acht ist. 22 Jahre alt war er, als er nach Deutschland kam. Stuttgart gefällt ihm. »Es ist eine schöne und sichere Stadt«, sagt Chernousov. Mit Schrecken hört er immer neue Meldungen aus der Ukraine, wo seine Eltern leben. »Dort ist Krieg«, sagt er.

In Stuttgart fand er Arbeit als Saalbauer im Haus der Wirtschaft und kann mit seinem Gehalt auch seine Eltern unterstützen. Und hier, im Schwäbischen, hat er sich einen lange gehegten Traum erfüllt. »Seit drei Wochen habe ich ein eigenes Restaurant, das ist hart neben der Arbeit«, bekennt der neue Gastronom. Für den Traum wirtschaftlicher Selbstständigkeit habe er »gespart, gespart, gespart« und das Restaurant in Waiblingen bei Stuttgart ohne Schulden eröffnet. Vermutlich ist die Unternehmung auch eine Art sportlicher Ehrgeiz, meint der schlanke, fließend Deutsch sprechende Familienvater.

sportarten Außer Fußball bietet der TSV-Makkabi Stuttgart noch die Sportarten Tennis, Tischtennis und Volleyball an. »Es bleibt unser wichtigstes Anliegen, im TSV-Makkabi Stuttgart einen Ort der Begegnung zu schaffen, in dem ohne Einschränkung Sportler in der Region und der Stadt sportliche Beziehungen in freundschaftlichem Wettbewerb pflegen können«, betont Vorstandsmitglied und Pressesprecher Ischo Rosenberg.

Dass beim Purimball, dem wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Vereins in der Öffentlichkeit der baden-württembergischen Landeshauptstadt, in diesem Jahr ein paar Kinder mehr als in den vergangenen Jahren ihre Eltern begleiteten, freut vor allem Mina Gampel.

Die nimmermüde Tombola-Verantwortliche schart bei den Losziehungen die Kinder um sich und lässt sie die Geheimnisse der Zahlen auf den Losen entschlüsseln. Flüge nach Israel, wertvoller Schmuck und viele andere Preise gehen so den Weg von den Sponsoren zu den Gewinnern.

Jubiläum Nach dem Purimball ist vor dem Purimball. »Im nächsten Jahr feiern wir ein Jubiläum, nämlich 40 Jahre Verein Makkabi und 40 Jahre Purimball«, sagt Vereinsvorsitzender Widerker. Damit es »ein grandioses Fest« wird, müssen alle Verantwortlichen schon heute an den Start gehen.

Die Tänzer des 39. Purimballs weichen bis weit nach Mitternacht nicht von der Tanzfläche. Michael Sosner und seine »Express Band« haben in diesem Jahr viele Songs aus Israel, aber auch international bekannte Popsongs mitgebracht und sie hinreißend interpretiert. »Hoffentlich sind die im nächsten Jahr wieder dabei«, wünscht sich eine junge Dame auf dem Parkett.

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