Porträt der Woche

Sommer in Berlin

Alexandra Grechina ist Schülerin in Aachen und freut sich auf das EMG-Machane

von Christine Schmitt  07.07.2015 12:19 Uhr

»Im Jugendzentrum habe ich endlich Freunde auf einer Wellenlänge gefunden«: Alexandra Grechina (18) Foto: Jochen Mommertz

Alexandra Grechina ist Schülerin in Aachen und freut sich auf das EMG-Machane

von Christine Schmitt  07.07.2015 12:19 Uhr

Den Sportbeutel habe ich sicherheitshalber schon mal herausgesucht und beiseitegelegt. Auch meine Turnschuhe, Hose und Shirt. Denn auf der Bestätigung, dass ich zum EMG-Machane fahren kann, steht, dass man seine Sportsachen mitnehmen soll. Ich bin schon so gespannt auf diese Reise. Denn ich war noch nie bei einer jüdischen Freizeit – und nun darf ich nach Berlin und die tollen Maccabi Games erleben! Ich bin einfach glücklich.

Ich hoffe, dass ich viele jüdische Leute kennenlernen werde. Zumal es für mich als 18-Jährige die letzte Chance ist, als Machane-Teilnehmerin mitzufahren. Welche Wettkämpfe ich mir anschauen werde, weiß ich aber noch nicht. Mal sehen, was das Machane-Programm anbietet. Bei uns in Aachen ist Makkabi mit sieben Sportarten vertreten, darunter Badminton, Schach und Basketball. Aus der Gemeinde fahren aber nur ein Junge und ich zu dem Machane.

Bis vor Kurzem hatte ich nicht so viel mit der Aachener Jüdischen Gemeinde zu tun. Im Jugendzentrum war ich jahrelang nicht mehr, da es mir damals nicht gefallen hat. Doch vor Kurzem hatte mein Stiefvater in der Gemeinde zu tun. Als er nach Hause kam, erzählte er, dass das Jugendzentrum wieder ein Anziehungspunkt für Jugendliche geworden sei. Er meinte, meine zwei jüngeren Geschwister und ich sollten unbedingt dort vorbeischauen. Das haben wir daraufhin getan – und zwischen mir und dem Jugendzentrum hat es sofort gefunkt. Nun habe ich endlich Freunde gefunden, mit denen ich 100-prozentig auf einer Wellenlänge bin. Das bedeutet mir sehr viel.

einschnitt Bis ich sieben Jahre alt war, hatte ich ein intensives jüdisches Leben. In der Ukraine, wo ich geboren wurde und teilweise aufgewachsen bin, ging ich mit meiner Mutter – mein Vater ist kein Jude – immer in die orthodoxe Synagoge, ich besuchte einen jüdischen Kindergarten, hatte nur jüdische Freunde und wechselte später zur jüdischen Grundschule. Dort habe ich mich wohl und geborgen gefühlt. Doch dann kam der Bruch.

Eigentlich hatte ich zwei Einschnitte zu verkraften. Als ich drei Jahre alt war, starb mein Vater. Er war Alkoholiker und starb an seiner Sucht. Zuvor hatte er meiner Mutter und somit auch mir das Leben schwer gemacht. Allerdings habe ich kaum Erinnerungen an ihn. Meine Mutter fand nach einiger Zeit einen neuen Freund, der heute mein Stiefvater und der Vater meiner zwei jüngeren Geschwister ist.

Vier Jahre später emigrierten wir von Odessa nach Aachen-Stolberg, das ist der zweite Einschnitt. Der Stadtteil ist vom Zentrum einige Kilometer entfernt. Wir brauchten Jahre, bis wir erfuhren, dass es in der Stadt eine Synagoge und eine Jüdische Gemeinde gibt.

neubeginn Ich musste die erste Klasse wiederholen, da ich kein Deutsch konnte. Ich war schüchtern und fühlte mich zeitweise unwohl. Ich dachte, dass meine Klassenkameraden über mich lästern und mich nicht mögen würden, aber heute glaube ich, dass ich mir das nur eingebildet habe. Mittlerweile besuche ich die zehnte Klasse und will unbedingt Abitur machen. Leider werde ich 20 Jahre alt sein, bis ich es in der Tasche habe – also schon ziemlich alt. Ehrgeizig war ich schon in der ersten Klasse. Mir hatte es überhaupt nicht gepasst, sie wiederholen zu müssen – obwohl ich ja nichts dafür konnte.

In Deutschland lernte ich die Sprache mithilfe von Karteikarten. Ich war ganz stolz, in der vierten Klasse die Beste in diesem Fach gewesen zu sein. Eigentlich lerne ich schnell Sprachen und habe als Leistungskurse nun Deutsch und Englisch gewählt. Französisch habe ich als Grundkurs. Nur im Hebräischen bin ich nicht so gut, da ich es kaum praktiziere und nur am Anfang meiner Schulzeit in der Ukraine gelernt habe.

In den vergangenen Jahren musste ich zwei Schulpraktika machen. Das erste absolvierte ich im Aachener Tierpark, was mir überhaupt nicht gefiel. Ich hatte das Gefühl, dass ich immer die Ställe und Gehege ausmisten musste. Ich mag zwar Tiere, aber diese Arbeit interessierte mich überhaupt nicht. Beim zweiten Mal bekam ich einen Platz bei der Stolberger Lokalzeitung. Meine Mutter war in der Ukraine Journalistin und Schiffsbauingenieurin. Sie hat mir immer erzählt, wie toll der Beruf eines Journalisten ist. Abwechslungsreich, man trifft viele Leute – aber ich durfte nur kurze Meldungen schreiben und fand es dann eher langweilig.

hobby Meine Mutter macht heute eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie hat eine große Leidenschaft: das Puppentheater. Sie baut die Figuren selbst, und wir drei Kinder mussten ihr früher bei Aufführungen helfen und mitspielen. Sie gab auch Workshops für Kinder aus Tschernobyl, die hier zu Besuch waren. Ich mache lieber Sport.

Früher habe ich Rhönrad trainiert. Derzeit habe ich ein Faible für Hip-Hop und Breakdance. Mit einer Freundin aus dem Jugendzentrum gehe ich regelmäßig zum Training. Wenn ich Musik höre, dann muss ich mich bewegen. Das war schon immer so.

In diesem Sommer fahre ich zum ersten Mal nicht mehr mit meiner Familie in die Ukraine, sondern mit meinen Freunden ins EMG-Machane nach Berlin. Ansonsten sind wir fünf immer in unsere alte Heimat gereist. Bisher war ich im Pass meiner Mutter eingetragen, doch da ich nun 18 Jahre alt bin, brauche ich einen eigenen Ausweis. Kürzlich war ich im ukrainischen Konsulat, um mich ausbürgern zu lassen. Nun habe ich einen deutschen Pass beantragt.

familie Von meinem leiblichen Vater habe ich zwei ältere Halbgeschwister. Meine Schwester lebt noch in Odessa. Sie kam mich früher in der Ukraine oft besuchen, doch nach unserem Umzug nach Aachen brach der Kontakt ab. Sie hatte meine neue Adresse anscheinend nicht mitgeteilt bekommen. Aber sie hat immer an mich gedacht und mich gesucht. Erst Jahre später fand sie mich über Facebook, und wir trafen uns vor zwei Jahren in der Ukraine wieder. Das war eine große Freude.

Ich mag keine schlecht gelaunten Menschen oder Leute, die immer negativ drauf sind. Denen gehe ich am liebsten aus dem Weg und beachte sie nicht. Ich genieße es, in den Tag hineinzuleben. Richtige Ziele habe ich nicht, außer, das Abitur zu schaffen. Ich lebe im Hier und Jetzt. Andererseits möchte ich gerne bald eigenes Geld verdienen und viel reisen.

Meine Familie hat ein bescheidenes Einkommen, und wir leben zu fünft in einer Dreizimmerwohnung, sodass ich mir mit meiner zehnjährigen Schwester ein Zimmer teilen muss. Aber mit ihr und meinem 13-jährigen Bruder verstehe ich mich richtig gut. Bisher kenne ich nur England und Frankreich, wo ein paar Verwandte von mir leben. Und natürlich Belgien und Holland, weil Aachen im Dreiländereck liegt. Da kann ich auch zu Fuß über die Grenze gehen. Ich würde gerne noch viele andere Kulturen kennenlernen.

freunde Die Schule nimmt viel Zeit in Anspruch. Da ich morgens gerne lange schlafe, muss ich mich dann abhetzen, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Nach dem Mittagessen – manchmal kocht meine Mutter vor, manchmal koche ich auch ganz einfache Gerichte für meine Geschwister und mich – mache ich meine Hausaufgaben und lerne etwas, gehe tanzen oder ins Jugendzentrum.

An manchen Nachmittagen treffe ich mich auch mit meinen Freunden am Elisenbrunnen im Zentrum der Stadt, wo wir Eis essen oder Kaffee trinken. Dort ist immer etwas los, da sich ganz viele Jugendliche an diesem Ort verabreden. Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl in Aachen und weiß nun, dass ich hier viele Freunde habe.

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