Interview

»Sie war eine starke Frau«

Marie Jalowicz Simon Foto: Privatbesitz: Hermann Simon

Herr Simon, Sie haben in »Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945« die Tonbandaufzeichnungen Ihrer Mutter, Marie Jalowicz Simon, über ihr Leben zu Papier gebracht. Warum?
Meine Mutter hat irgendwann einmal – und ich bin daran nicht unschuldig – ihre Lebensgeschichte zu Protokoll gegeben. Von ihrer Kindheit über einen kleinen Ausflug in die Familiengeschichte bis zum Sommer 1945. Dann konnte und wollte sie nicht mehr. Sie hat sich in diesen vielen kleinen Vorlesungen – ich würde das Vorlesungen nennen, denn sie hatten den Charakter einer Vorlesungseinheit, auf die sie sich besonders vorbereitet hat – sehr geöffnet und ist mit sich selbst schonungslos ins Gericht gegangen. Das gab ihr aber auch die Freiheit, ebenso schonungslos über die Menschen zu sprechen, denen sie begegnete und die ihr geholfen haben. Daraus erwächst natürlich für den Empfänger der Botschaft, also für mich, die Verpflichtung, dies nicht für sich zu behalten. Und so ist dieses Buch entstanden.

Hatte sie sich privat zuvor derart geöffnet, wie sie es in den Aufzeichnungen tut?
Nein, das glaube ich nicht.

Können Sie vermuten, warum nicht?
Sie selbst sagte, dass Dinge Zeit brauchen, bevor man sie berichten kann – manchmal sogar ein halbes Jahrhundert. Ich erinnere mich nicht, dass meine Mutter jemals zuvor in Gänze und derart schonungslos ihre Geschichte erzählt hat.

Marie Jalowicz Simon hat als junge Frau viele schwierige und lebensbedrohliche Situationen erleben müssen. Wie war sie als Mutter?
Sie war eine starke Frau, aber auch ganz normale Mutter, von der ich mir zum Geburtstag meinen Lieblingskuchen wünschen konnte. Ich kann nicht beurteilen, was meine Mutter von anderen Müttern unterschied. Es gab gewisse »Ansagen«, die nun mal galten, wenn es darum ging, wann wir zum Beispiel als Kinder abends zu Hause sein mussten. Sie war rückblickend eine gute Mutter, die sich um ihre Kinder kümmerte.

Das Leben Ihrer Mutter ist auch von historischem Interesse. Wie haben Sie das Buch ediert?
Alle Namen und Sachverhalte – sofern man sie überprüfen konnte – habe ich überprüft. Die Zwangsarbeit, die sie bei Siemens leisten musste und der sie sich dann entzog, ist historisch von besonderem Interesse. Carola Sachse hat meine Mutter 1993 für das Buch Als Zwangsarbeiterin in Berlin dazu interviewt. Damals wollte meine Mutter aber noch nicht, dass ihr Name in diesem Zusammenhang erscheint. Sie hat einige Dinge verallgemeinernd zu Protokoll gegeben. Und das macht ihre Erinnerungen aus: Meine Mutter war in der Lage, ihre eigene Geschichte zu erzählen und gleichzeitig auch zu abstrahieren. Sie konnte, und das hat sie genau ein einziges Mal gemacht, einen theoretischen Vortrag über das Überleben in Berlin halten. Sie war in der Lage, beide Ebenen voneinander zu trennen.

Ihre Mutter hat insgesamt 77 Kassetten besprochen, die Sie abschrieben ließen. Was war der nächste Schritt?
Danach habe ich alle Abschriften gründlich gelesen und in vielen Fällen mit den Kassetten abgeglichen. Insbesondere dann, wenn ich mir unsicher war, ob sie das wirklich so gesagt hatte. Dieses nochmalige Reinhören in die Aufzeichnungen fiel mir nicht leicht. Ich habe bereits beim Diktat ein Inhaltsverzeichnis geführt, um die Möglichkeit zu haben, gewisse Dinge auf den Bändern zu finden. An ein Buch habe ich damals noch nicht gedacht. Irene Stratenwerth hat dann viel später aus der umfangreichen Transkription einen in sich geschlossenen Text entstehen lassen.

Wie wirkte Ihre Mutter während der Aufzeichnungen?
Sie war zwar während des Diktats emotional sehr erregt, verneinte dies aber für die Zeit, von der sie sprach und an die sie sich erinnerte. Es fiel ihr schwer, ihre Geschichte zu erzählen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich ihr Gesundheitszustand während der Zeit der Aufnahmen rapide verschlechterte. Die Schilderung, dass es Zeiten und Situationen gab, in denen sie am Verzweifeln war, hat mich ganz besonders bewegt.

Allerdings hat sie auch immer wieder Menschen getroffen, die ihr geholfen haben.

Das war ein Punkt, der mich interessiert hat: Wer waren diese Menschen? Wann wurden sie geboren und wann sind sie gestorben? Mit viel Zeit und Geduld ist es mir gelungen, eigentlich alles herauszufinden. Am Ende des Buches gibt es ein Namensregister, in dem, um nur ein Beispiel zu nennen, auch der Leiter des deutschen Arbeitseinsatzes für Bulgarien, Hans Goll, erwähnt wird. Er hat meiner Mutter in Bulgarien geholfen, in dem er ihr unter anderem einen Pass auf den falschen Namen Johanna Koch ausstellen ließ. So hatte sie echte falsche Papiere.

Haben Sie diesen Hans Goll gefunden?
Ja, allerdings ist er bereits 1989 gestorben. Aber mit seiner Familie habe ich gesprochen. Das war sehr interessant, denn man musste ja auch erst einmal ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Der Sohn und die Tochter kannten diesen Teil der Geschichte ihres Vaters nicht. Oder zum Beispiel der Sohn eines holländischen Fremdarbeiters, mit dem meine Mutter fast zwei Jahre zusammengelebt hatte. Er kannte die Geschichte etwas anders – vielleicht als große Liebe seines Vaters.

Die Wohnung Am Oberbaum, wo Ihre Mutter zwei Jahre lang unterkam, war nicht der einzige Ort in Berlin, an dem sie sich verstecken musste. Sie war fast immer allein in fremden Wohnungen. Wie hat sie das ausgehalten?
Sie hat sicherlich über vieles sehr intensiv nachgedacht, hatte ja nichts zum Lesen und durfte sich in den Wohnungen nicht bewegen, denn das Knarren der Dielen in den alten Häusern hätte sie verraten können. Sie hat sich ihre Geschichte ganz bewusst gemerkt, hat ihr persönliches Tagebuch geführt. Denn sie hatte das Gefühl, sie müsse das im Gedächtnis behalten.

Haben sich Ihre Eltern eigentlich über ihr Leben ausgetauscht?
Sicher. Mein Vater war übrigens bei den Aufzeichnungen meiner Mutter mit dabei, hat es dann aber vorgezogen, den Raum zu verlassen. Aber auch er hat – vermutlich als Reaktion darauf – seine Geschichte aufgeschrieben.

»Untergetaucht« ist ein Berlin-Buch. Und Marie Jalowicz Simon ist immer in dieser Stadt geblieben. Hatte sie nie das Bedürfnis, woanders hinzugehen?
Sie hat sehr früh, bereits Ende Januar 1946, an einen Freund im Exil geschrieben, warum sie bleiben wolle. Unter allen Umständen. Es ging jedoch hin und her, bis sie sich endgültig entschloss, in Berlin zu bleiben. Dazu trug die Tatsache bei, dass mein Vater aus Palästina, aus Eretz Israel nach Berlin zurückkehrte.

Wie wollen Sie der jüngeren Generation die Lebenserinnerungen vermitteln?
In gewisser Weise geschah dies bereits. Ein Lehrer des Gymnasiums Villa Elisabeth in Wildau hat gemeinsam mit seinen Schülern eine Ausstellung erarbeitet. Besonders haben sich die Schülerinnen und Schüler mit einem Versteck meiner Mutter bei einer Artistin in Zeuthen beschäftigt.

Haben Sie das Buch Ihren eigenen Kindern zum Lesen gegeben?
Ja, eine unserer Töchter hat sogar die über 900-seitige Urfassung gelesen und war sehr beeindruckt. Letztendlich waren es die Kinder, die gefragt haben: Wann wird das denn nun etwas mit dem Buch unserer Großmutter?

Mit dem Historiker sprach Katrin Richter.

Marie Jalowicz Simon: »Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945«. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, 416 S., 19,99 €

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