Porträt der Woche

»Nürnberg ist meine Heimat«

Solomon Kulok kam als Kind mit seinen Eltern aus der Ukraine und studiert Wirtschaft

von Gerhard Haase-Hindenberg  28.07.2019 00:24 Uhr

»In die Gemeinde gehe ich selten, denn dort gibt es kaum jemanden in meinem Alter«: Solomon Kulok (23) lebt in Nürnberg. Foto: Peter Roggenthin

Solomon Kulok kam als Kind mit seinen Eltern aus der Ukraine und studiert Wirtschaft

von Gerhard Haase-Hindenberg  28.07.2019 00:24 Uhr

Ich wurde in Donezk geboren, ganz im Osten der Ukraine, dort, wo heute Krieg von prorussischen Milizen geführt wird. Im Alter von dreieinhalb Jahren kam ich mit meiner Familie, meinen beiden Großeltern und weiterer Verwandtschaft nach Deutschland. An die Zeit davor habe ich keine aktive Erinnerung. Ich weiß, dass mein Vater in der Ukraine als Neurochirurg gearbeitet hat. Heute arbeitet er als Klinikarzt für Unfallchirurgie, Orthopädie und Allgemeinmedizin.

Mutter Meine Mutter war Bauingenieurin, konnte hier aber den Beruf wegen diverser staatlicher Anforderungen nicht weiter ausüben. Deshalb hat sie sich, nachdem ich etwas größer war, zur Steuerfachgehilfin ausbilden lassen. Über eine Zwischenstation kamen wir nach Nürnberg.

Ich weiß natürlich, dass Nürnberg in der Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Rolle gespielt hat. Wenn man hier aufwächst, wird man damit in dieser oder jener Form konfrontiert – nicht nur als Jude. Es gibt hier noch immer das Reichsparteitagsgelände, das ich natürlich besucht habe. Außerdem war ich im Museum und habe auch an Führungen teilgenommen.

In der Schule war die Geschichte unserer Stadt ebenfalls ein Thema – auch die jüngere Geschichte. Aber es ist nicht so, dass ich mich durch die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Nürnbergs jüdischer gefühlt hätte. Ich war auch nicht emotionaler davon berührt, als wenn ich mich sonst mit der Schoa beschäftigt oder etwa einen Film aus dieser Zeit gesehen habe.

Nach dem Abitur diente ich neun Monate bei der Bundeswehr.

Vielleicht liegt das daran, dass meine Familie nicht in gleichem Maße von der Verfolgung betroffen war wie die deutschen Juden – wenngleich der Vater meines Großvaters und zwei seiner Brüder im Kampf gegen die Hitlerarmee gefallen sind. Und die Familie meiner Großmutter musste weiter nach Osten in die Sowjetunion fliehen, als Hitlers Truppen in der Ukraine einfielen. Aber von der Schoa waren sie nicht direkt betroffen, vom Krieg aber schon. Was Nürnberg betrifft, so ist das in erster Linie meine Heimatstadt. Und es ist ja auch eine sehr schöne Stadt.

SOWJETUNION In der Sowjetunion war das Judentum nicht sehr präsent, wie Religion allgemein nicht sehr präsent war. Meine Urgroßeltern waren noch gläubig und haben die Tradition sehr eingehalten. Aber meine Eltern waren schon nicht mehr gläubig. In Deutschland war es dann so, dass sich die größere Familie zu den Hohen Feiertagen zusammengefunden hat, auch zu Pessach und Chanukka. Es war aber immer mehr ein Familientreffen als ein religiöses Fest.

Der größte Teil meines Freundeskreises während meiner Schulzeit war nicht jüdisch. Mein Jüdischsein spielte damals keine große Rolle. Manchmal haben sie mich etwas zum Judentum gefragt, allerdings spielte sich die Unterhaltung noch auf einer sehr kindlichen Ebene ab. Ich habe mich auch nie angegriffen gefühlt, selbst wenn wir in religiösen Fragen einmal uneinig waren. Das war alles sehr entspannt.

Wenn ich mich heute selbst in einem jüdischen Kontext definieren sollte, so würde ich mich auf gar keinen Fall als einen orthodoxen Menschen bezeichnen. Ich halte sehr viele Traditionen, die die Orthodoxen für wichtig halten, nicht ein, weil ich sie eben für nicht so wichtig halte. Dennoch fühle ich mich als Jude, und ich verheimliche es auch nicht. Ich gehe im Gegenteil damit sehr offen um.

Hin und wieder besuche ich die Synagoge, bete auch gelegentlich für mich allein zu Hause. Ab und zu lege ich sogar Tefillin an, studiere die Tora und spreche das Schma Jisrael.

GEMEINDE Als Kind war ich natürlich in der Nürnberger Gemeinde im Reli‐gionsunterricht. Wir hatten mit German Djanatliev einen wunderbaren Lehrer, der mir das Judentum nähergebracht hat. Auf meine Barmizwa wurde ich dann von Baruch Grabowski vorbereitet, der mich auch lehrte, die Haftara zu lesen. Er war damals der Kantor in der Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg. Ich weiß nicht, ob er es heute noch ist, denn ich gehe kaum noch hin.

Meine Urgroßeltern waren noch gläubig, meine Eltern schon nicht mehr.

Das hat einen Grund. Dort liegt das Durchschnittsalter der Beter so um die 60 Jahre – also deutlich über meinem Alter von 23 Jahren. Deswegen gehe ich häufiger zu Chabad, weil sich dort mehr Leute in meinem Alter oder solche, die nur wenig älter sind als ich, treffen. Es ist für mich deutlich interessanter, mich mit denen zu unterhalten.

Was ich bei Chabad in Nürnberg sehr angenehm finde, ist, dass sie uns jungen Leuten die Möglichkeit geben, das Judentum auszuleben, wie etwa durch einen Studenten‐Schabbat. Sie sind daran interessiert, dass wir verschiedene Traditionen einhalten.

Es kommen bei Chabad in Nürnberg sehr unterschiedliche Menschen zusammen, also sowohl orthodoxere als auch liberale Juden mit sehr verschiedenen Ansichten. Das hat dann wiederum zur Folge, dass man sich mit den unterschiedlichen Richtungen des Judentums austauschen und unterhalten kann. Dabei wird durchaus auch über aktuelle weltliche Themen gesprochen.

ENTSCHLUSS Nach dem Abitur war ich zunächst neun Monate bei der Bundeswehr und habe einen freiwilligen Wehrdienst abgeleistet. Ich wollte nicht nach zwölf Jahren Schule sofort studieren. Aber die Option, untätig zu Hause herumzusitzen, bestand für mich nicht.

In dieser Zeit fiel mir ein Flyer der Bundeswehr in die Hand. Das bot mir die Möglichkeit, mein eigenes Geld zu verdienen und unabhängig zu sein. Das war ein wesentliches Motiv für meinen Entschluss. Natürlich wusste ich, dass es dort auch Leute aus dem rechten politischen Spektrum gibt, trotzdem habe ich nicht verschwiegen, dass ich Jude bin.

Weil es in der Gemeinde kaum Leute in meinem Alter gibt, gehe ich häufiger zu Chabad.

Allerdings habe ich keine antisemitischen Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: Man war mir gegenüber immer sehr freundlich. Danach habe ich an der Friedrich‐Alexander‐Universität Erlangen‐Nürnberg begonnen, Wirtschaftswissenschaft zu studieren. Mein Schwerpunkt liegt auf Wirtschaftsinformatik.

Bis vor Kurzem habe ich noch bei meinen Eltern gelebt, habe inzwischen aber eine eigene Wohnung bezogen. Im Frühjahr nächsten Jahres werde ich meinen Bachelor machen.

TÄTIGKEITEN Parallel dazu mache ich derzeit eine Ausbildung zum unabhängigen Finanzberater. Nach einer Prüfung im Herbst werde ich dann selbstständig unternehmerisch tätig sein. Da die Selbstständigkeit ein gewisses Risiko darstellt und ich ja monatliche Fixkosten habe, arbeite ich schon seit zweieinhalb Jahren auch bei Siemens.

Zunächst war ich als Werkstudent in der Informatik als Programmierer tätig: Aktuell arbeite ich 19 Stunden in der Woche im Controlling bei Siemens Logistics. Außerdem habe ich kürzlich – gemeinsam mit zwei anderen jüdischen Studenten – die Leitung des Jüdischen Studierendenverbandes Franken übernommen, der vor zehn Jahren von Ilia Choukhlov gegründet worden ist.

Derzeit sind viele unserer Mitglieder schon gar keine Studenten mehr, sondern bereits sogenannte Young Professionals, sie stehen also schon im Berufsleben. Deshalb wurde ich von Ilja gefragt, ob ich zusammen mit zwei jüngeren Studierenden, die sich sehr für das Judentum interessieren, den Verband übernehmen will.

An der Uni organisiere ich einen monatlichen jüdischen Stammtisch.

Wir sehen unsere Aufgabe nun darin, andere junge jüdische Studenten für unseren Verband und seine Aktivitäten zu interessieren und sie zu einer Gemeinschaft zu verbinden.
Wir organisieren Events wie zum Beispiel einen monatlichen Stammtisch, sind aber darüber hinaus auch eine Plattform für jüdische Studierende, um sich miteinander auszutauschen. Die Mitglieder können auch an ihren jeweiligen Universitäten in Franken eigenständig Veranstaltungen organisieren und auf unserer Plattform annoncieren.

FAMILIENPLANUNG Ich habe eine nichtjüdische Freundin. Sollte es eines Tages dazu kommen, dass wir uns eine Familiengründung vorstellen können, würde ich die Frage eines Übertritts ansprechen. Aber ihr Entschluss, egal wie er ausfallen würde, wäre derzeit für mich kein Kriterium, ob ich mit ihr zusammenbleibe oder nicht.

Im Moment wäre es mir also nicht so wichtig, ob meine Frau Jüdin ist, allerdings kann sich das in einem Jahr auch wieder ändern. Ich bin sicher, dass wir eine gemeinsame Lösung in der einen oder anderen Richtung finden würden.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase‐Hindenberg

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