Kino

Mazze, Challe und Null Bock

»Wir zeigen Filme über ›Jews and Food‹, aber wir gehen danach nicht essen. Unsere Filme stoßen auf.«: Festivalleiterin Nicola Galliner Foto: Uwe Steinert

Fast 50 Vorführungen und 33 Filme – abseits von Klischees: Auch in diesem Jahr wird das Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam seinem Ruf wieder gerecht, als einziger Veranstalter einem deutschen Publikum einen aktuellen Überblick über internationale Filmproduktionen mit jüdischer und israelischer Thematik zu geben. Während bei der Berlinale 2015 nur ein einziger langer Spielfilm made in Israel gezeigt wurde und bei »jüdischen« Themen die Schoa dominierte, kann Nicola Galliner, Leiterin des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Potsdam, wieder einen Strauß an Spiel- und Dokumentarfilmen präsentieren, bei dem (fast) kein Wunsch offenbleibt.

Die Gästeliste umfasst auch Spitzenpolitiker: An diesem Sonntagabend, den 10. Mai, werden Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman das Filmfestival eröffnen – bei der traditionellen Gala im Hans Otto Theater in Potsdam. Außerdem sind die beiden Festivalpaten, der Schauspieler Fahri Yardim und die Regisseurin Sherry Hormann, beim Auftakt dabei.

auftakt Passend zu 70 Jahren nach Kriegsende wird zur Eröffnung The Eichmann Show gezeigt, ein Dokudrama der BBC. Der Film mit Martin Freeman (Der Hobbit) in der Rolle des TV-Produzenten Milton Fruchtman erzählt im Wechsel von Spielfilm- und Dokusequenzen, wie der Prozess gegen Adolf Eichmann, den Organisator der »Endlösung«, 1961 in Jerusalem zu einem internationalen Fernsehereignis wurde, das gerade in Deutschland vielen Zuschauern zum ersten Mal die Verbrechen der Schoa vor Augen führte.

Gerade für jüngere Zuschauer, so Galliner, eignet sich der Film als Einstieg in das, »was der Mord an den Juden wirklich war«. Die Festivalleiterin hatte die BBC-Produktion beim European Film Market der Berlinale gesehen und war sofort angetan: »Er lief in einem Riesenkino mit 300 Leuten. Keiner hat gewagt, zu atmen. Alle waren ergriffen.«

motto Auf der Webseite des Festivals ist ein junger Mann mit Stoppelbart zu sehen, der sich Popcorn in den Mund stopft und ihn dann weit aufreißt. Dazu das Motto »Lecker Film – Filme, die aufstoßen«. Als »Kulinarisches Kino« wie bei der Berlinale möchte Galliner ihren Ansatz aber nicht verstanden wissen: »Wir zeigen Filme über ›Jews and Food‹, aber wir gehen danach nicht essen.«

Allerdings arbeitet das Jüdische Filmfestival zum ersten Mal mit der Berliner Zeitschrift »Ess Press« zusammen. Und einige der Filme machen durchaus Appetit auf die jüdische (und teilweise sogar auf die koschere) Küche: Deli Man von Erik Greenberg Anjou führt ein in die Welt der Delicatessen Stores in den USA; der charmante Spielfilm Dough erzählt von einem koscheren Bäcker und Challe-Spezialisten in Manchester, den Konkurrenz durch einen Supermarkt fast zum Aufgeben zwingt, bis ein muslimischer Lehrling die Wende herbeiführt.

In Jerusalem On A Plate führt der bekannte israelisch-britische Koch Yotam Ottolenghi durch die Küchen der israelischen Hauptstadt. »Herausragend«, findet Nicola Galliner die Doku Famous Nathan über Nathan Handwerker, den Gründer eines legendären Hot Dog Joint in Coney Island. Und Streit’s, eine Dokumentation über ein mehr als 100 Jahre altes New Yorker Mazze-Imperium in Manhattan, dürfte nicht nur eingeschworene Fans des ungesäuerten Brotes ansprechen.

filme Schwerpunkt Israel: Zero Motivation (»Null Bock«) von Talya Lavie schildert die Dilemmata von Rekrutinnen in der israelischen Armee. In Next to Her brilliert die israelische Schauspielerin Dana Ivgy, während Sacred Sperm das Verbot der Masturbation im Judentum aus der Sicht von Ori Gruder, einem ehemals säkularen und inzwischen orthodox lebenden Regisseur, beleuchtet.

Außerdem spannend: Die BBC-Spionageserie The Honorable Woman mit Maggie Gyllenhaal. Diesmal laufen die Filme nicht im Kino Arsenal am Potsdamer Platz, dafür aber an elf Spielstätten in Berlin und Potsdam.

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