Besuch

Heubisch hört zu

Bewegt: Wolfgang Heubisch im »Gang der Erinnerung« Foto: Miryam Gümbel

Tief bewegt verharrte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch bei seinem Besuch am Dienstag vergangener Woche im »Gang der Erinnerung«. Die Lichtinstallation von Georg Soanca‐Pollak auf dem Weg zur Synagoge im Gemeindezentrum beeindruckte ihn: Auf immer wieder von Neuem bewegende Weise sind die unterschiedlich stark in Erscheinung tretenden Namen weit mehr als eine nur eine bloße Auflistung der in der Schoa von den Nazis ermordeten Münchner.

Nach der Besichtigung der Synagoge ging es zum Treffen mit dem Vorstand der IKG und den wichtigsten Repräsentanten der jüdischen und israelischen Einrichtungen in München. »Wir freuen uns über Ihren Besuch und die Möglichkeit, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen«, begrüßte Präsidentin Charlotte Knobloch den Gast, der unter dem Motto »Heubisch hört zu« zum Gedankenaustausch eingeladen wurde.

Interesse Knobloch stellte Heubisch den Anwesenden als einen Mann vor, der Juden und Israel sehr verbunden ist. Sie erzählte von seiner Begeisterung bei einer Reise durch den jüdischen Staat, von dem Interesse, das er immer wieder an Land und Leuten gezeigt hat und von seiner Freude bei der Eröffnung des neuen Flügels des Tel Aviv Museum of Art, das auch vom deutschen Förderkreis um das Münchner Ehepaar Hélène und Samy Gleitman unterstützt wird. Dieser ist ein guter Bekannter des Politikers – die beiden sind Parteikollegen in der FDP. Genug Berührungspunkte also, die Samy Gleitman als Moderator des Abends empfahlen.

Für Heubisch war es denn auch ein wichtiges Anliegen, die jüdische Gemeinschaft in Bayern näher kennenzulernen – nicht zuletzt auch deshalb, weil Charlotte Knobloch anlässlich der Beschneidungsdebatte im vergangenem Herbst in der Süddeutschen Zeitung gefragt hatte, ob Juden in Deutschland noch erwünscht seien. Darüber hinaus kam der Umstand hinzu, dass die bayerische Staatsregierung regelmäßige Treffen mit den katholischen Bischöfen und der evangelischen Landeskirche pflegt – warum also nicht auch mit der jüdischen Gemeinschaft, so Heubisch.

Lehrplan Es war eine angeregte und anregende Fragerunde, die nun unter Beteiligung vieler der Anwesenden folgte. Als Erster ergriff Michael Brenner das Wort, der Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der Münchner Ludwig‐Maximilians‐Universität (LMU). Er plädierte für einen weiteren Lehrstuhl für Israel‐Studien, zumal das Thema Israel seit einigen Jahren in den Lehrplänen für die Oberstufe fester Bestandteil sei. »Woher nehmen die Lehrkräfte ihr Wissen darüber?«, fragte Brenner.

»Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin!«, kommentierte Heubisch »diese ausgezeichnete Idee«. Allerdings respektiere er die Freiheit der Wissenschaft, deshalb müsse die LMU in dieser Richtung eigeninitiativ tätig werden – auch wenn er als Wissenschaftsminister einen solchen Vorstoß unterstütze, sofern die Finanzierung geregelt sei.

Schnell war man über das Thema Israel auch bei der FDP und ihrer Politik angelangt. Michael Fischbaum sprach eine fragwürdige Äußerung der Jungen Liberalen Regensburg über die Brit Mila an, anderen ging es um Parteichef Philipp Röslers Äußerungen zum NPD‐Verbot. Zu diesen und weiteren Einlassungen wollte Heubisch sich informieren. Was das NPD‐Verbot betraf, sei der Vizekanzler nicht richtig zitiert worden. Heubisch hat Rösler so verstanden, dass die Argumente für ein Parteiverbot nicht stichhaltig genug sein könnten.

datenschutz Charlotte Knobloch sprach noch ein weiteres Thema an: die Vorratsdatenspeicherung. Eindringlich bat sie Heubisch, das Thema noch einmal mit Justizministerin Sabine Leutheusser‐Schnarrenberger zu besprechen, deren Einsatz in der Beschneidungsdebatte die Präsidentin erneut lobte. Knobloch forderte, dass den Sicherheitsbehörden kein technisches Instrument verwehrt werden dürfte, um Terroristen das Handwerk zu legen. Sie erinnerte an den Ermittlungserfolg beim geplanten Attentat von Neonazis auf die Grundsteinlegung des Gemeindezentrums.

Helene Habermann, Überlebende der Schoa, sprach die Notwendigkeit an, das Wissen um die Vergangenheit den Jugendlichen weiter zu vermitteln. Iris Salzberg und Anita Kaminski, beide in Organisationen engagiert, die medizinische Einrichtungen in Israel unterstützen, sprachen die veränderte Einstellung vieler Deutscher gegenüber Israel an. Dabei kämen auch viele unerträgliche Vorurteile zum Tragen, erklärten Salzberg und Kaminski. Dass bei der Aufklärung über Israel die Schulen eine wichtige Rolle spielen müssen, wurde schnell deutlich.

Wolfgang Heubisch aber ist nicht für die Schulen verantwortlich – er ist für Wissenschaft, Kunst und Denkmalpflege zuständig. Forschungen und Erfindungen von IKG‐Mitgliedern aus den GUS‐Staaten thematisierte im Anschluss Ariel Kligman. Mit diesem Thema neigte sich ein an Gesprächen reicher Abend schließlich dem Ende zu. Und so viel stand fest: Nach dem großen Erfolg der Première mit Wolfgang Heubisch können sich die Gemeindemitglieder eine regelmäßige Begegnungsreihe »… hört zu« durchaus vorstellen.

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