Bildung

Eine Art Tikkun Olam

Der Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Verena Sarre bei dem Festakt im Münchner Amerika Haus Foto: David Friedmann

Rund 7000 Teilnehmer, 270 Bildungsveranstaltungen, 21 jüdische, christliche und muslimische Zusammenkünfte, 13 interkulturelle Kunstbegegnungen, zehn internationale Jugend-, Familien- und Fachkräfteprogramme und acht Bildungsreisen für junge Erwachsene: Die Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA) kann seit ihrer Gründung im Jahr 2009 eine außerordentlich positive Bilanz vorzeigen. Am vergangenen Sonntag feierte die jüdische Bildungseinrichtung mit Sitz in München nun ihr fünfjähriges Bestehen.

»Zum Fest des Tages halten wir kurz inne, atmen einmal tief durch und horchen in uns hinein: Hat die Korczak-Akademie eine Berechtigung? Erfüllt sie eine gesellschaftliche Funktion?«, fragte EJKA-Präsidentin Eva Haller – und gab gleich selbst eine Antwort: »Wir sagen dreimal Ja und werden kein bisschen rot dabei!«

gründung Geboren wurde die Idee zur Gründung des Vereins nach den Worten von Eva Haller in einem Café in der Münchner Leopoldstraße, als sie mit Stanislav Skibinski, dem heutigen Akademie-Direktor und Repräsentanten des Bildungspartners Jewish Agency zusammen saß. Schon damals ließen sie sich von einem Leitsatz Janusz Korczaks inspirieren: »Kinder werden nicht zu Menschen, sie sind Menschen.«

Inzwischen, so Haller in ihrer Ansprache, sei mit der EJKA eine Bildungsplattform daraus geworden, die einen offenen und respektvollen Dialog mit allen Menschen unabhängig von Religion und ethnischer Herkunft pflege und zur inneren Stärkung der jüdischen Gemeinde beitrage. Die Bedeutung interkultureller und interreligiöser Kommunikation, die für Janusz Korczak stets Richtschnur war, betonte auch Akademie-Direktor Skibinski: »Korczak steht für Tikkum Olam, für den Willen, bewusst das Gute in die Welt zu bringen, sie besser zu machen. Für die Akademie sind Janusz Korczak und Tikkun Olam nicht zu trennen.«

Der Name Janusz Korczak und seine Ideale bestimmen das Programm der Bildungseinrichtung, die längst zur festen Größe des gesellschaftlichen Lebens in München geworden ist. In seinem Grußwort schreibt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer: »Mit ihrem vielfältigen Programm leistet die Akademie einen wichtigen Beitrag für ein befruchtendes Miteinander der Kulturen und Religionen.« Karl Freller, Mitglied des Bayerischen Landtags, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Mitglied im Beirat der EJKA, bezeichnete die Akademie in seiner Laudatio unter anderem als »offenes Forum für den Austausch von Ideen«.

Lebensfreude Auch Münchens zweiter Bürgermeister Josef Schmid ordnete die Bedeutung der Einrichtung für die Landeshauptstadt ein: »Die Europäische Janusz Korczak Akademie trägt ganz entscheidend dazu bei, dass München eine Stadt der Lebensfreude, der Toleranz und der Weltoffenheit darstellt.« Von einer »fantastischen Erfolgsgeschichte« der EJKA spricht auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Janusz Korczak, der der Akademie seinen Namen gibt, war ein polnischer Arzt, Kinderbuchautor, Leiter eines Warschauer Waisenhauses zu Zeiten des Nationalsozialismus – und vor allem ein bedeutender Pädagoge. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter würdigte ihn in ganz besonderer Weise. »Vor 25 Jahren wurde die UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben und von fast allen Ländern ratifiziert. Janusz Korczak war einer derjenigen, der mit seinen Wirken dafür den Weg bereitet hat«, betonte Reiter.

Schon 1920 habe er auf die uneingeschränkte Achtung der kindlichen Persönlichkeit gepocht. Dass Janusz Korczak später an der Seite seiner jüdischen Waisenhaus-Kinder im Warschauer Ghetto geblieben sei und sie freiwillig in den Tod ins Vernichtungslager Treblinka begleitet habe, »macht ihn und seine Mission für alle Zeiten zu einem leuchtenden Vorbild der Menschlichkeit«.

Jugendchor Auf die Kinder und Jugendlichen, die den Festakt zum fünfjährigen Bestehen der EJKA mitgestalteten, wäre Janusz Korczak mit Sicherheit stolz gewesen. Der Kinder- und Jugendchor unter Leitung von Verena Sarre und instrumentaler Begleitung von Studenten der Hochschule für Musik und Theater beeindruckten die Festgäste, genauso wie der Film Ein Mensch von Sarah Shtaiermann und die Eigenkomposition »Ein Lied für Janusz Korczak« von den Schülern Elias Vollmer und Mert Basar.

Katrin Diehl präsentierte das Buch Janusz Korczak. Geschichten und Bilder von Kindern und Jugendlichen. Ein besonderes Glanzstück der Feier lieferte am Ende die Theatergruppe »The American Drama Group Europe«, die das beklemmende Bühnenstück The Wave des Dramatikers Morton Rhue aufführte. Darin geht es um die Manipulation von Menschen bis zur Aufgabe jeglicher Menschlichkeit – eine bedrückende Parallele zu NS-Zeit und Holocaust.

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