Buchvorstellung

Bilder lesen lernen

Konrad O. Bernheimer hat der Reihe »Gebrauchsanweisung« des Piper-Verlags, die zunächst Städten, Ländern und lebensbegleitenden Phänomenen gewidmet war, mit seinem Leitfaden zum Museumsbesuch ein wichtiges Element hinzugefügt.

Denn »die Kunst darf nicht fehlen«, wie Bettina Feldweg, Programmleiterin bei Malik und zuständig für die Gebrauchsanweisungen, betont. Sie begleitete Konrad O. Bernheimer, den international renommierten Kunstsachverständigen, der ein erzählerisches Naturtalent ist, bei seiner Buchpräsentation im Jüdischen Gemeindezentrum als Moderatorin.

dynastie Herzliche Willkommensworte fand an diesem Abend Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, für den Gast aus der traditionsreichen Kunsthändlerdynastie Bernheimer, »die über Generationen den Glanz der Isarmetropole mitgeprägt hat«.

Knobloch verschwieg nicht, dass das alles »unter den Nazis nichts mehr galt und die Bernheimers als jüdische Familie verfolgt, beraubt, enteignet, misshandelt und schließlich vertrieben wurden«. Großvater, Vater und mehrere Onkel waren nach der sogenannten Kristallnacht ins Konzentrationslager Dachau verschleppt worden.

Während der Nazizeit wurde die Familie enteignet und vertrieben.

Dass Konrad aber, als zweites Kind von Kurt Bernheimer und seiner venezolanischen Frau Mercedes 1950 im Exil geboren, in München aufwuchs, hat viel mit der Rückkehr seines Großvaters Otto zu tun. Dieser war gleich nach Kriegsende 1945 nach München remigriert und trug damit zur »Rückkehr dieses Landes aus dem Abgrund der Barbarei in den Kreis der zivilisierten Staaten« bei. Den kleinen Konrad habe er, weiß Knobloch, »schon früh in die Lehre, das heißt in seine Kunsthandlung und vor allem in die Münchner Museen mitgenommen«.

patina Konrad O. Bernheimer fühlte sich spürbar wohl und verstanden. Tatsächlich habe er schon mit sechs Jahren den Unterschied zwischen Genueser und Florentiner Samt gekannt. Parallel zum Schuleintritt führte ihn der Großvater, der sich weniger für Malerei als für Kunsthandwerk interessierte, jeden Sonntag ins Museum, oft ins Bayerische Nationalmuseum. Bei jedem Besuch stand ein anderes Thema im Mittelpunkt: Mal waren es Beschläge oder die Patina auf Bronze, ein anderes Mal Majolika. So lernte Bernheimer jr. das Sehen, und zwar im Detail.

Seine Gebrauchsanweisung fürs Museum führt den Leser ans »Bilderlesen« heran. Geht es in ein Museum im Ausland oder mit Kunst aus einer unbekannten Epoche, lohnt sich Vorbereitung. Noch immer hat Bernheimer die Worte seines Großvaters im Ohr, wie er Bilder anschauen solle – lieber wenige, aber dafür genau.

Zu Konrad Bernheimers Lieblingswerken zählt »Die Verkündung Mariae« von Fra Filippo Lippi (um 1443/45) aus der Alten Pinakothek in München. Bernheimers Begeisterung ist ansteckend, wenn er erzählt, dass er – obwohl er glaubte, dieses Gemälde in- und auswendig zu kennen – erst spät entdeckte, dass ein Teil des blauen Mantels von Maria unter ihrem Gebetbuch liegt. Über die Bedeutung dieses Details – denn nichts in der Kunst sei ohne Grund – denke er noch immer nach.

alte meister Man hört ihm gebannt zu, weil man seine Leidenschaft für die Alten Meister spürt. Danach gefragt, was er damit meine, weist Bernheimer darauf hin, dass selbst Klassiker der Malerei Welt- und Unterhaltungsliteratur prägen könnten: Man denke beispielsweise an den »Da-Vinci-Code«.

Im Kapitel »Ist Picasso ein Klassiker?« spürt er selbst der alten Frage nach: Bis wann sind Alte Meister Alte Meister? und stellt dabei fest: »Die Entwicklung eines Malers vom Neuerer zum Klassiker ist ein langsamer Prozess, der auch durch entscheidende Ereignisse und einzelne Personen eine plötzliche Wendung nehmen kann.« Picasso habe sich vom Revolutionär zum Klassiker entwickelt.

In nur wenigen Seiten skizziert Bernheimer den Weg eines künstlerisch noch am Anfang stehenden Talentes über dessen unterschiedliche Mal-Phasen bis zu »seinem wohl bedeutendsten Gemälde: Guernica«.

Bernheimer hat es als junger Mann im Museum of Modern Art (MoMA) in New York bewundert. Das dreieinhalb Meter hohe und knapp unter acht Meter breite Gemälde gegen das Grauen des Kriegs durfte laut Picassos Verfügung nicht in Spanien gezeigt werden, bis das Franco-Regime vorüber sei. Anfang der 80er-Jahre war es so weit. Bernheimer sah es auch im neuen Museo Reina Sofia in Madrid, mit Tränen in den Augen.

restitution Im Oktober erst musste das Bayerische Nationalmuseum zähneknirschend die Eigentumsrechte an einem prächtigen Sekretär aus dem Besitz von Bernhards Großvater, den es nur wenige Monate zuvor ohne angemessene Prüfung der Herkunft von einem Händler aus Bamberg angekauft hatte, an die Familie Bernheimer restituieren. Konrad O. Bernheimer, seit Langem Mitglied im Freundeskreis dieses Museums, ist kämpferisch, aber nicht nachtragend. Als Dauerleihgabe darf es im Haus bleiben. Zu seinen Wünschen zählt, dass München als Kunststadt weiter in der Topliga von New York, London, Paris mitspielt.

Mit seinem Großvater ging Bernheimer jeden Sonntag ins Museum.

Charlotte Knobloch hatte in ihrer Einführung angemerkt, dass man den Gattungsbegriff Gebrauchsanweisung wohl eher mit auf dünnem Papier gedruckten, schlecht übersetzten technischen Vorgaben assoziiere. Dabei gehe es hier doch um »die hohe Kunst der Kunstbetrachtung«.

Das sahen die Zuhörer ähnlich. Am Ende des Abends war der reichlich bestückte Büchertisch leer. Konrad O. Bernheimer arbeitet bereits an seinem nächsten Buch – einem Kriminalroman. Ein Kunstkrimi, versteht sich.

Konrad O. Bernheimer: »Gebrauchsanweisung fürs Museum«. Piper, München 2019, 224 S., 15 €

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