Würzburg

»Kämpfen für die Demokratie«

Zentralratspräsident Schuster und Kirchenvertreter erinnerten an die Opfer des 9. November 1938 und riefen zu Engagement gegen rechts auf

Aktualisiert am 09.11.2018, 11:38 – von Gisela BurgerGisela Burger

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Wird der Holocaust das kollektive Bewusstsein Deutschlands weiter so stark prägen wie bisher? Wie kann eine lebendige Gedenkkultur an die Schoa künftig aussehen, mehr als 73 Jahre nach deren Ende?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich der Zentralrat der Juden und die beiden christlichen Kirchen in Deutschland: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Auschwitz Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 hatte der Zentralrat der Juden die Podiumsdiskussion zum Thema »Keine deutsche Identität ohne Auschwitz? Erinnerungskultur 80 Jahre nach der ›Reichspogromnacht‹« am Donnerstag im Shalom Europa, dem Zentrum der jüdischen Gemeinde in Würzburg und Unterfranken, organisiert.

Unter der Moderation der Journalistin Ilanit Spinner tauschten der Zentralratspräsident und die kirchlichen Amtsträger ihre Gedanken zur Bedeutung des Erinnerns an den Holocaust aus. Zuvor hatten sie an einer Gedenkveranstaltung am einstigen Standort der ehemaligen Synagoge in der Würzburger Domerschulstraße teilgenommen.

Josef Schuster hält besonders die in den letzten Jahren gestarteten lokalen Initiativen des Gedenkens für wichtig für die Zukunft. Denn aufgearbeitete Einzelschicksale vor Ort machten die Nazi-Verbrechen gerade jungen Menschen deutlich, die keine Zeitzeugen mehr erleben.

Gedenkort In Würzburg waren es engagierte Bürger, die die Initiative »Gedenkort Aumühle« ins Leben riefen. Zur Deportation gingen viele Juden einen Weg von der Sammelstelle bis zu einer Rampe am Güterbahnhof. Entlang dieses Weges erinnern seit einem Jahr mehrere Tafeln an deren Verschleppung und Ermordung.

»Die Schulen sollten das Thema in einer Weise nahebringen, die Empathie, Mitgefühl erzeugt«, sagte Schuster. Filme und Aufnahmen von Zeitzeugenberichten seien besonders geeignete Mittel, die emotionale Ebene anzusprechen.

Schuster sagte des Weiteren, dass er »eine demokratische Aufbruchstimmung« in Deutschland spüre. Unter anderem die Aufmärsche von Neonazis in Chemnitz, der Streit um die Flüchtlingspolitik oder die verbalen Ausfälle einiger AfD-Politiker hätten die Menschen im Land »wach gemacht«. Die Menschen »kämpfen wieder für die Demokratie, sie schauen nicht weg. Das sind ermutigende Signale.«

Der Zentralratspräsident dankte Marx und Bedford-Strohm und den Angehörigen der Kirchen für das Signal der Teilnahme. Sie zeigten zum einen, dass auch Christen der jüdischen Opfer gedenken. Zum anderen drückten sie Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft aus.

Gewaltakte Die Frage, wie sicher jüdisches Leben in Deutschland ist, habe heute wieder an Aktualität gewonnen, sagte Schuster. Doch so beunruhigend manche Entwicklung auch sei, so müsse man die Unterschiede deutlich benennen: »Damals handelte es sich um staatlich initiierte und staatlich gelenkte Gewaltakte gegen Juden.«

Die breite Bevölkerung habe dem schweigend zugesehen, betonte Schuster. »Heute hingegen stellt sich der Staat schützend vor die Minderheiten.« Zu arglos solle man das Erstarken des rechten politischen Randes aber nicht sehen, man müsse vielmehr eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft verhindern.

»Es wird sich zeigen, ob unsere Republik langfristig weiter nach rechts driftet oder nicht. Wir müssen es auf jeden Fall verhindern, dass die Gesellschaft noch tiefer gespalten wird! Weder dürfen Hetze gegen Muslime noch Antisemitismus normal werden«, so Schuster weiter.

gedächtnis Beide Kirchenvertreter betonten, dass sie die Erinnerung an die Schoa zu einer politischen Kultur in Deutschland rechnen, die sie als positiv bewerten. »Unser kulturelles Gedächtnis ist davon geprägt, dass wir auch auf die dunklen Seiten der Geschichte schauen«, sagte Heinrich Bedford-Strohm.

Das Hinschauen auf die schlechten Seiten und Schwächen der Vergangenheit sei nicht selbstverständlich. So habe Südafrika die Zeit der Apartheid noch kaum aufgearbeitet, ebenso wenig Amerika den Umgang mit den Ureinwohnern. »Durch die furchtbare Geschichte ist immerhin etwas in Gang gekommen, das wir bewahren müssen«, sagt Reinhard Marx. »Geschichte war sonst eher eine Geschichte der Sieger.«

Allerdings ist – wie weltweit – auch in Deutschland der Populismus auf politischer Ebene massiv erstarkt. Die AfD ist im Bundestag und allen 16 Landtagen vertreten. »Viele Menschen gehen aber bei uns auf die Straße gegen diese Entwicklung«, sagte Bedford-Strohm. »Sie stehen für eine Demokratie ein, zu der diese Erinnerungskultur gehört, weil sie an etwas ermahnt, das die Würde des Menschen im Kern und damit unser Wertsystem verletzt.«

In der Nacht auf den 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen Juden im damaligen Deutschen Reich über. Es brannten Synagogen und Geschäfte. Wohnungen jüdischer Menschen wurden verwüstet und sie selbst misshandelt. Das öffentliche Leben der Juden in Deutschland kam danach völlig zum Erliegen. Die Pogrome in der NS-Zeit waren ein Vorbote der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa. (mit epd)

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