9. November 1938

Möglichst unauffällig bleiben

Zeitzeugen berichten, wie sie die Pogromnacht erlebt haben

08.11.2018

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Für Adi Bader, Esther Bejerano, Ruth Meros, Ruth Dräger, Ruth Klüger und Ruth Westheimer und für viele andere bedeutete der 9. November 1938 eine radikale Wende in ihrem Leben. Sie spürten Hass, sahen brennende Synagogen und erlebten, wie ihre Väter verhaftet wurden. Vor 80 Jahren waren sie Kinder im Alter zwischen sieben und 16 Jahren und haben die Geschehnisse dieser Zeit ihr Leben lang in ihrem Gedächtnis behalten.

»Ich habe nichts vergessen«: Adi Bader, Köln
Auf dem Weg zur Schule – ich war damals sieben Jahre alt – kam ich am 10. November 1938 an einem Geschäft vorbei, das einem Juden gehörte. Die großen Fensterscheiben waren alle zersplittert, das Geschäft verwüstet. Oft hatten wir dort an der Ecke Weyerstraße/Mauritiussteinweg gestanden und durch die großen Glasscheiben die Waren betrachtet. Ein Gefühl der Bedrohung habe ich in der Zeit eigentlich nicht gespürt. Ich habe auch nicht die Zusammenhänge erkannt. Unter den jüdischen Jugendlichen herrschte zwar eine gewisse Angst, aber bis dahin hatte ich immer nur zu hören bekommen, dass ich mich gut und unauffällig benehmen soll. Das sagte mein Vater immer, wenn wir an der Litfaßsäule unweit der Synagoge an der Roonstraße standen und auf die dort ausgehängten Seiten des »Stürmer« guckten. Was das aber alles genau bedeutete, und warum er sich so verhielt, verstand ich damals nicht. Mein Vater ließ mich kurz vor Kriegsbeginn nach Belgien schmuggeln, wo ein christliches Ehepaar mich bei sich aufnahm und als seinen Sohn ausgab. Dort erreichte mich eine Karte meines Vaters. Er schrieb, dass er im Gefängnis Müngersdorf sei. Ich wusste erst überhaupt nicht, warum. Später brachte mich meine Pflegemutter in ein orthodoxes jüdisches Kinderheim in Antwerpen. Sie meinte, dass ich nun einen gelben Stern tragen müsse, und dass sie das nicht wolle. Ich habe nichts vergessen. Mein Vater und meine Stiefmutter – meine leibliche Mutter war kurz nach meiner Geburt gestorben – wurden, wie auch ein Bruder, nach Minsk deportiert und dort ermordet. Ein weiterer Bruder wurde in Auschwitz getötet. Ich habe nur ein Wort für meinen Lebensweg nach dem Holocaust: »Überleben!« cgh/ugh


»Ich schlich mich auf die Straße«: Esther Bejarano, Ulm
Ich war 14 Jahre alt und erlebte, wie die Gestapo die Wohnung stürmte und meinen Vater Rudolf Loewy verhaftete. Sie haben ihn aus der Wohnung gezerrt und ins Auto gestoßen und dabei furchtbar misshandelt. Das kann ich bis heute nicht fassen. Geholfen hat niemand. Die Nachbarn haben hinter den Gardinen gestanden und tatenlos zugesehen. Wie ich erfuhr, wurde er ins Ulmer Gefängnis eingeliefert, dann nach Augsburg gebracht, einer Außenstelle des KZs Dachau. Er zeigte den NS-Schergen sein Eisernes Kreuz, 1. Klasse, aus dem Ersten Weltkrieg, doch die Gestapo-Männer sagten nur: »Halt’s Maul!«. Zum Glück hat ihn die Gestapo als sogenannten Halbjuden eingestuft und ihn nach drei Tagen wieder entlassen. Mein Vater war Kantor. Auch unser Rabbiner Dr. Cohn, der die Ulmer Gemeinde leitete, wurde krankenhausreif geschlagen und ist daran gestorben. Meine Mutter verbot mir nach der Verhaftung des Vaters, die Wohnung zu verlassen. Ich schlich mich trotzdem auf die Straße. Andere Juden berichteten mir von Gewalt gegen Juden und von Plünderungen jüdischen Eigentums aus Geschäften, Wohnungen und Häusern. Die Ulmer Synagoge brannte, und die Nazis haben jüdische Männer, darunter auch den Rabbiner, mit Schlägen um einen Brunnen gejagt, der noch heute dort vor der ehemaligen Synagoge steht. Das war am helllichten Tag, und niemand schritt ein. Nach der Verhaftung meines Vaters war ich mit meiner Mutter allein. Aus Sorge um den Vater wurde sie nervenkrank. Meine ältesten Geschwister wanderten bereits 1937 aus, die ältere Schwester ins britische Mandatsgebiet Palästina, der Bruder in die USA. Nur meine jüngste Schwester Ruth blieb. Auch sie wurde geschlagen, konnte aber flüchten. Sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet, meine Eltern 1941 in Kowno. hll


»Die Leute guckten einfach nur«: Ruth Meros, München
Ich erinnere mich noch ganz genau. Ich war 16 Jahre alt, ein junges Mädchen. Damals war ich schon nicht mehr in der Schule. Da ich Kindergärtnerin werden wollte, habe ich in der jüdischen Gemeinde in der Herzog-Rudolf-Straße im jüdischen Kindergarten gearbeitet. In der Früh des 10. November 1938 war ich auf dem Weg dorthin. Synagoge, Schule und Kindergarten befanden sich in der Herzog-Rudolf-Straße nebeneinander. Von Weitem schon sah ich eine Riesenmenge von Menschen. Ich bin ein bisschen näher gegangen, da sehe ich, wie die Synagoge noch oder schon brannte. Und ich bemerkte auch Feuerwehrleute, die zwar da waren, aber nicht löschten. Außerdem standen da auch noch SA- und SS-Leute in Uniform und Leute, die guckten einfach zu. Die haben sich zum Teil gefreut, dass es brannte. Ein anderer Teil stand einfach stumm da und schaute zu. Was mit dem Kindergarten passiert ist, weiß ich nicht, weil ich nicht dorthin kam. Ich bin danach auch nicht gleich wieder nach Hause zurückgegangen, sondern bin ein bisschen durch die Straßen gelaufen, und da habe ich gesehen, wie die SA-Leute »Judensau« auf die jüdischen Geschäfte geschrieben, die Schaufenster eingeworfen haben. Das war einfach schrecklich. Und wenn ich heute in der Gegend der Herzog-Rudolf-Straße oder auch in der Maximilianstraße spazieren gehe, dann erinnere ich mich an damals. In der Maximilianstraße war zum Beispiel ein Geschäft für Bett- und Tischwäsche, feine Stoffe, mit dessen Inhaber meine Eltern befreundet waren. Dieses Geschäft war demoliert worden. Ein paar Tage nach der Pogromnacht habe ich miterlebt, wie mein Vater in der Früh um halb sechs abgeholt und ins KZ Dachau gebracht wurde. kad


»Ich wurde zur bewussten Jüdin«: Ruth Klüger, Wien
Die Zäsur war nicht die »Kristallnacht«, sondern der Einmarsch der Deutschen am 12. März 1938 in Wien. Ich war sieben Jahre alt, erst ein paar Monate in der ersten Schulklasse, und mir wurde mit einem Schlag bewusst, dass ich nicht mehr zu dieser Kinder- und Lehrergemeinde gehörte. Dabei hatte ich keine Feindseligkeiten erlebt. Es war aber das Bewusstsein von einem ungeheuren Umschwung, Umsturz. Aus der Schule wurde ich in den ersten Wochen ausgewiesen. Vor der Gewalt auf der Straße war ich geschützt. Die Erwachsenen hielten mich fern von der Zerstörung der Synagogen und den vielen Feindseligkeiten. Nur war plötzlich vieles nicht mehr erlaubt, etwa Kino oder Prater. Dann wurde mein Vater verhaftet, wir mussten ausziehen, und meine Welt brach sozusagen stückweise auseinander. Nach der »arischen« Schule kam ich in eine jüdische Schule, aber die war auch unsicher, denn die Familien wanderten aus – wenn sie konnten – oder wurden verhaftet und deportiert. Vor allem wurde ich damals bewusst zur Jüdin, und zwar ganz positiv. Ich bestand darauf, bei meinem zweiten Namen, Ruth, und nicht mehr Susi genannt zu werden. hso


»Ich war doch erst zehn«: Ruth Dräger, Hamburg
Da meine Mutter Asta Geistlich zu jung war, um ein Kind zu erziehen, lebte ich – damals zehn Jahre alt – im jüdischen Kinderheim Paulinenstift am Laufgraben 37 in Hamburg. Dort wuchs ich behütet und in jüdischer Tradition auf. Mein nichtjüdischer Großvater Paul Geistlich lud mich jeden Sonntag in die Familie ein. Der Hamburger Rabbiner Joseph Carlebach lud mich und andere Heimkinder zu Sukkot in seine Sukka an der Hallerstraße 76 ein. Bis zur Schließung 1942 besuchte ich die höhere jüdische Töchterschule an der Karolinenstraße. Doch seit Beginn 1938 wurden die jüdischen Kinder, die den gelben Stern tragen mussten, auf der Straße beschimpft und mit Steinen beworfen. Als ich einmal von den Großeltern allein zurück ins Kinderheim über die Kaiser-Wilhelm-Straße ging, pöbelte mich ein SS-Mann an: »Bist du Judensau immer noch hier!« Ich war doch nur ein Kind von zehn Jahren. Auch am 10. November ging ich vom Waisenhaus zum Haus der Großeltern in der Wexstraße nahe der Kaiser-Wilhelm-Straße. Wir durften ja keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, und ich sah die Zerstörung in den Straßen, es war furchtbar. hll


»Die Eltern sah ich nie wieder«: Ruth Westheimer, Frankfurt
Im November 1938 war ich zehneinhalb Jahre alt. An die »Kristallnacht« selbst kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich erinnere mich aber, dass es Spannungen gab und dass ich im Zimmer meiner Eltern geschlafen habe, um mich wohler zu fühlen. Ein paar Tage später wurde mein Vater von den Nazis abgeholt und in ein Lager gesteckt. Von dort schickte er eine Postkarte, dass ich mich am 5. Januar 1939 unbedingt der Gruppe von Kindern anschließen muss, die im Rahmen eines Kindertransportes in die Schweiz gebracht wurden. Wenn ich nicht in diesem Zug gewesen wäre, hätte ich nicht überlebt. Zu dieser Zeit nahm Großbritannien 10.000 jüdische Kinder, Belgien, Frankreich und die Schweiz jeweils 300 auf. Meine Eltern oder Großeltern oder andere Verwandte habe ich nie wiedergesehen. Die Bedeutung des Erinnerungstages 9. November sehe ich darin, dass er uns lehren soll, dass so etwas nie wieder vorkommen darf. Und es macht mich sehr traurig, die Geschichten von Flüchtlingen aus der ganzen Welt zu sehen, die keinen Platz haben. Wenn Israel damals schon existiert hätte, hätten die Juden Europas einen Platz gehabt. hso

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 15.11.2018

Ausgabe Nr. 46
vom 15.11.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
4°C
regenschauer
Frankfurt
6°C
wolkig
Tel Aviv
25°C
wolkig
New York
4°C
wolkig
Zitat der Woche
»Mal sind es die Flüchtlinge, dann die
Islamisten, dann die Juden.«
Der Psychologe Klaus Weber in seinem Buch »Resonanzverhältnisse.
Zur Faschisierung Deutschlands« (Hamburg 2018)