Geschichte

Immer wieder Israel

Gilt die wundersame »Wiedergutwerdung« der Deutschen auch mit Blick auf den jüdischen Staat?

14.09.2018 – von Josef JoffeJosef Joffe

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Aus der frühen Nachkriegszeit stammt ein doppelbödiger jüdischer Witz, der ein bis heute mächtiges Tabu aufspießt, vielleicht das mächtigste überhaupt, sind doch andere in der Bundesrepublik – Homosexualität oder Blasphemie – reihenweise gefallen. Das Tabu gilt dem Judenhass, dem Antisemitismus. Und es befiehlt: »Nie wieder!«

Am Hauptbahnhof spricht ein Jude einen Reisenden an: »Entschuldigen Sie, mein Herr, sind Sie Antisemit?« – »Was fällt Ihnen ein, Sie Rüpel, mir Judenhass zu unterstellen?!« Die wütenden Proteste wiederholen sich ein paarmal – bis der Jude auf einen Reisenden trifft, der zurückschießt: »Natürlich bin ich ein Antisemit. Ich kann die Juden nicht ausstehen, ein schreckliches Pack!« – »Wunderbar, ein ehrlicher Mensch! Würden Sie bitte ein paar Minuten lang auf meinen Koffer aufpassen?«

Wiedergeburt Die Läuterung sei nicht glaubhaft, spöttelt dieser Witz; der Judenhass sei bloß unterdrückt – verschwunden im Untergrund oder Unterbewusstsein. Nicht echt, sondern bloß aufgesetzt sei die Zerknirschung – eine offiziell verfügte Pflichtübung angesichts des Grauens namens »Holocaust«.

Mag sein, dass die massenmörderische Ideologie der Nazigeneration bis in die 50er-, 60er-Jahre in den Köpfen waberte; das waren aber schon damals die »Unbelehrbaren«, die »Ewiggestrigen«, welche die Wiedergutwerdung verweigerten, um ihren dumpfen Träumen nachzuhängen. Für die demokratische Wiedergeburt war es freilich entscheidend, dass keine Neonazi-Gruppierung je den Einzug in den Bundestag schaffte. Antisemitismus und Nazismus waren und sind out, geächtet auf breitester Front. Dieses Faktum ist Teil des liberaldemokratischen »Politwunders«, das größer noch war als das »Wirtschaftswunder«.

Und heute? Mag sein, dass noch immer wie in unserem Witz kaschiert wird, was abscheulich ist. Viele Anekdoten und Erfahrungen von Leidtragenden scheinen zu bestätigen, dass die Juden wie seit eh und je ein »schreckliches Pack« seien, das die Banken, Märkte und Medien beherrsche, ja, durch ihre Macht über Amerika die ganze Welt.

Abwehr Eine psychologisch komplexere Variante ist die deutsche Schuldbewältigung in Form des »israelbezogenen Antisemitismus«. Was Israel mit den Palästinensern mache, so eine gängige Vorstellung des israelbezogenen Antisemitismus, sei im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis den Juden angetan haben. Das Warschauer Ghetto wird mit Gaza gleichgesetzt, als hätte die SS weiland das Ghetto plattgemacht, weil die dort zusammengepferchten Juden deutsche Städte mit Raketen beschossen hätten – so wie die Hamas israelische.

Der Beginn des israelbezogenen Antisemitismus reicht weit zurück. Während das offizielle Deutschland in den Jahrzehnten nach 1945 die Wiedergutmachung vorantrieb, großzügig die jüdischen Gemeinden alimentierte und stetig das Antisemitismus-Tabu stärkte, begann mit dem Sechstagekrieg von 1967 die veröffentlichte Meinung fast unmerklich zu kippen. Die Israelis kämpften im Dreifrontenkrieg gegen Ägypten, Syrien und Jordanien – und siegten. Nur ganz am Anfang, zu Beginn des Krieges, bekam Israel noch eine gute Presse.

An die Tausend junge Menschen marschierten am ersten Tag auf dem Berliner Kurfürstendamm unter der Parole »Unser Herz schlägt für Israel«. Ulrike Meinhof, in der linksradikalen APO engagiert und später eine Anführerin der Rote Armee Fraktion, beschwor »vorbehaltlos« die Solidarität mit Israel; gerade die Linke müsse den Arabern die »Bereitschaft zur Koexistenz mit Israel abverlangen«.

»Blitzkrieg« Schneller noch als Israels »Blitzkrieg«, ein Wort aus der Nazizeit, das die unterschwellige Bewunderung für die einstigen Opfer transportierte, entfaltete sich der Stimmungswandel im linken Spektrum. Götz Aly beschreibt ihn in dem Buch Unser Kampf: »Die Vordenker des revolutionären SDS wussten schon 1967 eines genau: Israel verdankte seine Existenz angeblich dem amerikanischen Imperialismus und jüdischen Kapitalismus.«

Hier war also eine typisch jüdische Weltverschwörung am Werk, nicht internationales Recht, wie es im Teilungsplan der UN, der Israel aus der Taufe hob, kodifiziert worden war. Zwei Jahre später sollte der israelische Botschafter Asher Ben Natan an der Universität Hamburg sprechen. Der AStA kündigte an: Dieser »Herrenmensch wird in Hamburg nicht reden«. In Frankfurt sprach der SDS von der »Scheinlegitimierung eines Judenstaates«. Israel sei ein »rassistischer Staat«, mithin ein Wiedergänger des Dritten Reiches.

»Nachtigall, ick hör dir trapsen«, sagt der Berliner. Die 68er waren angetreten, die Elterngeneration als Nazis, Mitläufer oder Vergangenheitsverdränger zu entlarven, um sie zu diskreditieren, dann zu entmachten. Warum hat sich ihre Wut dann gegen Israel gekehrt, warum sind die Ultras in die Ausbildungslager palästinensischer Terrorgruppen gegangen?

Israelis Als amateurpsychologische Antwort drängt sich die Schuldabwehr durch Schuldübertragung auf. Plötzlich waren die sündigen Väter aus dem Spiel und die Israelis die »Herrenmenschen«. Israel war nicht ein Kind der Weltgemeinschaft, sondern ein »rassistischer Staat«, der mit der Manipulation weltweiter Schuldgefühle den Palästinensern das Land geraubt habe. Es war nicht die Abrechnung mit der deutschen Geschichte, sondern die Flucht aus ihr – und dies auf dem Rücken der Israelis.

Israel war aber nicht wegzukriegen. Es wuchs ganz im Gegenteil zu einer regionalen Supermacht heran, die der Bundeswehr nicht nur wie am Anfang Low-tech-Uzi-Maschinenpistolen, sondern später auch den Stand der Waffentechnik verkaufte. Der Jud’ blieb da – in Frankfurt wie in Tel Aviv –, und er macht uns schuldig, weil er uns durch sein Da-Sein ständig an unsere Untaten erinnert, genauer: an die unserer Väter und Großväter, die uns die Schuld vererbt haben. Das Opfer von gestern muss zum Täter von heute umgedeutet werden, flüstert die Psyche.

Die Projektion war nicht nur ein linkes, im Antiimperialismus eingebettetes Projekt. Im April 2002 schrieb der CDU-Abgeordnete und frühere Arbeitsminister Norbert Blüm an den israelischen Botschafter: »Israelische Panzer beschießen die Weihnachtskirche und töten unschuldige Menschen. Das ist ein hemmungsloser Vernichtungskrieg.« Ein interessanter Begriff, hatte doch Hitler 1941 den »Vernichtungskampf« gegen die Sowjets ausgerufen. Subkutan schwang bei Blüm die Gleichsetzung Israelis = Nazis mit.

Floskeln Zwei Monate später legte er in einem Interview nach, um zum Kern vorzustoßen: »Wenn die deutsche Vergangenheit dazu benutzt wird, uns jede Kritik (an Israel) zu verbieten, dann wäre die deutsche Schuld mit einer Form von Denkverbot verbunden.« Die direktere Form dieser Einlassung sind gängige Floskeln wie »Kritik an Israel ist doch kein Antisemitismus«, »Das wird man doch wohl noch sagen dürfen« oder »Wir lassen uns nicht das Maul verbieten«.

Von wem? Von den Juden, den Israelis, dem Ausland … Blüm, stellvertretend für unzählige andere, ließ wissen: »Der Vorwurf des Antisemitismus wird auch als Knüppel benutzt«, um Kritik an Israel zu verhindern.

Hier trapst abermals die Nachtigall. Selbstverständlich ist Kritik nicht Judäophobie, das ist so wahr wie trivial. Wer einen Menschen oder einen Staat kritisiert, hasst ihn nicht; allerdings tadelt man heftig, häufig und selektiv, wen man nicht ausstehen kann. Mit Blick auf Israel gibt es kein Kritikverbot, im Gegenteil.

Wortwahl Aber auf die Wortwahl kommt es an, genauer: auf die emotionalen Ladungen der Begriffe. Sätze wie »Israel setzt unverhältnismäßig Gewalt ein« oder »Die Siedlungspolitik gefährdet den Friedensprozess« mögen richtig oder falsch sein; sie transportieren keine Judenfeindschaft. »Vernichtungskrieg«, der eine Parallele zu den Nazis zieht, ist ein anderes Genre.

Es diffamiert und dämonisiert, um im nächsten Zug das eigene Kollektiv zu entlasten und moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Etwa so: Die Israelis machen genau das, was wir getan, aber aufrichtig bereut haben. Blüm warf die Frage auf, ob ein Deutscher nach Auschwitz überhaupt so reden dürfe, und antwortete: »Gerade deshalb.«

Die Wiedergutgewordenen dürfen und müssen den Wiederholungstätern Besserung abfordern. So erhebt sich, wer den anderen niedermacht. Der »israelbezogene Antisemitismus« ist nicht »the real thing«, die echte Münze. Er ist ein »Derivat« der Vergangenheitsbewältigung, das als Rendite die Erlösung von der vererbten Schuld verheißt. Das Antisemitismus-Verbot, das sich die Deutschen selbst auferlegt haben, hält – auch ein Menschenalter später.

Der Autor ist Herausgeber der Wochenzeitung »Die Zeit« und lehrt Internationale Politik in Stanford. Der Text basiert auf seinem soeben erschienenen Buch »Der gute Deutsche. Die Karriere einer moralischen Supermacht« (C. Bertelsmann).

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