Argentinien

Wüstenzelt in Buenos Aires

Die weltoffene konservative Gemeinde »Amijai« macht Angebote für die ganze Familie

Aktualisiert am 20.07.2018, 12:29 – von Victoria EglauVictoria Eglau

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Belgrano ist ein bürgerlicher Stadtteil der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. In einem ruhigen Straßenabschnitt der Calle Arribeños befindet sich die jüdische Gemeinde Amijai, nur wenige Schritte entfernt vom quirligen chinesischen Viertel, dem Barrio Chino.

Der Eingang zur Comunidad Amijai ist so unscheinbar, dass man das Haus mit einem Bürogebäude verwechseln könnte. Aber durch die Sicherheitstür gelangt man in einen begrünten Innenhof, dessen Mittelpunkt ganz und gar nicht unscheinbar ist: eine moderne, architektonisch be­eindruckende Synagoge, deren Form einem Zelt nachempfunden ist – einem Zelt in der Wüste.

Metropole Und wer an diesem Freitagabend das Wüstenzelt mitten in der Metropole betritt, bekommt – 25 Jahre nach Gründung der Gemeinde – den Eindruck von einem äußerst lebendigen jüdischen Volk. Mehr als 1000 Menschen haben sich zum Kabbalat Schabbat versammelt. Und man sieht, dass das für sie ein feierlicher Moment ist: Die meisten Gemeindemitglieder haben sich festlich angezogen und sind mit ihren Familien hier.

»Es ist sehr bewegend, zu sehen, wie viele Besucher zu uns in den Schabbat-Gottesdienst kommen«, sagt später Alejandro Avruj, der 47 Jahre alte Rabbiner von Amijai. Vor vier Jahren übernahm er die religiöse Leitung der konservativen Gemeinde. Seitdem ist sie stetig gewachsen, und inzwischen ist Amijai eine der dynamischsten jüdischen Gemeinden von Buenos Aires.

Ein Kabbalat Schabbat in der Amijai-Synagoge ist ein besonderes Erlebnis. Der Innenraum des Wüstenzelts ist schlicht, warm und anheimelnd, die holzgetäfelten Wände zieren Auszüge aus dem Tanach, der hebräischen Bibel. Ein wahrer Hingucker ist der Torachet, der Vorhang vor dem Toraschrein, dessen Faltenwurf in Holz geschnitzt ist. Wenn die hölzernen Schiebetüren nach dem Schabbat geöffnet werden, geben sie den Blick auf den »echten« bunten Stoffvorhang frei, auf dem der hebräische Satz steht: »Ein Lebensbaum ist sie (die Tora) denen, die an ihr festhalten.« Darüber hängt die Schale mit dem ewigen Licht.

konzertsaal Die Holzvertäfelung sorgt für eine optimale Akustik, die die Amijai-Synagoge zu einem der besten Konzertsäle von Buenos Aires macht: Regelmäßig treten hier hochkarätige Künstler und Musik-Ensembles aus dem In- und Ausland auf. Daniel Barenboim, Gidon Kremer, Hilary Hahn, die Frankfurter Kammerphilharmonie und viele andere haben schon in der Synagoge gespielt. Auch im Schabbat-Gottesdienst hat die Musik eine besondere Rolle, und erstklassige Instrumentalisten intonieren die Psalmen, darunter ein Pianist, ein Klarinettist, ein Cellist, eine Schlagzeugerin und mehrere Sänger.

Inmitten der Musiker steht Rabbiner Alejandro Avruj, seine volltönende Stimme erfüllt den Raum. Er sei kein Kantor und habe nicht einmal Gesang studiert, sagt der sonst selbstbewusst auftretende Avruj bescheiden.

»Ich singe einfach gern.« Beim Kabbalat Schabbat von Amijai wechseln sich chassidische mit sefardischen und argentinischen Melodien ab. Mal ist die Musik fröhlich, mal melancholisch, aber immer klingt sie modern – Pianist Adrián Mirchuk schreckt nicht vor dem Wort »Pop« zurück. Mirchuk ist auch Bandoneon-Spieler, er ist für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste verantwortlich und arbeitet außerdem als Direktor der Synagogengemeinde.

»Mit unserer Musik wollen wir, jeweils passend zum Moment des Gottesdienstes, eine bestimmte Atmosphäre schaffen, von der sich jeder angesprochen fühlen soll«, erklärt Mirchuk, für den die Musiker die Verantwortung haben, »den Menschen dabei zu helfen, sich zu erheben«. Rabbiner Alejandro Avruj drückt es so aus: Die Musik beim Kabbalat Schabbat ist ein Sy­nonym für das Gebet. »Bei unseren Musikern fließt die Seele in die Musik, sie beten durch ihre Musik, und sie helfen uns allen, mit mehr Tiefe zu beten.«

Kinder Dass das funktioniert, spürt man im Verlauf des Kabbalat Schabbat: Während am Anfang noch Unruhe herrscht, Kinder rein- und rausrennen und nicht wenige Besucher miteinander tuscheln, wird die Stimmung im Laufe des Gottesdienstes immer besinnlicher. Fast vollständige Stille herrscht, als Rabbiner Avruj zur Meditation einlädt – eine Art New-Age-Moment der Schabbatfeier.

»Es gibt Leute, die kommen nur wegen der Meditation – andere wiederum mögen sie gar nicht«, erzählt der junge Synagogendirektor Adrián Mirchuk. Von Anfang an trafen in der noch jungen Amijai-Gemeinde unterschiedliche Vorlie-
ben und Vorstellungen aufeinander. Gemeinsam jedoch war den neun argentinischen Gründungsfamilien 1993, dass sie einen Ort schaffen wollten, an dem ihren Kindern jüdischer Glaube und jüdische Werte vermittelt würden.

Miriam Lunic war von Anfang an dabei und erinnert sich noch gut an die lebhaften Diskussionen in der Gründungsphase: »Einige Familien waren sehr traditionsbewusst und befolgten die jüdischen Gesetze, andere waren eher ›konservativ light‹. Jedenfalls haben uns diese Debatten gutgetan, sie haben das Projekt Amijai gefestigt.«

Die kleine argentinische Gemeinde traf sich zunächst in den Wohnungen ihrer Mitglieder, um den Beginn des Schabbat zu feiern. Als die Zahl der Mitglieder wuchs, wichen sie in einen Saal des Lateinamerikanischen Rabbinerseminars mit Sitz in Buenos Aires aus. 2002 schließlich wurde ein renommiertes Architekturbüro mit dem Bau einer eigenen Synagoge beauftragt, die zwei Jahre später eröffnet wurde. Bei ihrer Errichtung spielten sowohl künstlerische Aspekte als auch Sicherheitsanforderungen eine wichtige Rolle: Der Bombenanschlag auf das jüdische Gemeinschaftszentrum AMIA in Buenos Aires, bei dem 85 Menschen getötet wurden, lag erst wenige Jahre zurück.

Studienangebot Heute gehören der Comunidad Amijai rund 500 Familien an. Teil des Gemeindelebens sind zahlreiche Bildungs- und Kulturveranstaltungen sowie soziale Aktivitäten. Zum riesigen Studienangebot gehört der Beit Midrasch mit Kursen in jüdischer Geschichte, Talmud und Tora, Hebräisch und einem Ídish Club, in dem vor allem ältere Teilnehmer Konversation auf Jiddisch betreiben. Es gibt auch Unterricht im Judentum für Kinder und Jugendliche, die keine jüdischen Schulen besuchen, sowie viele Freizeitangebote für alle Altersgruppen: Theater, Yoga, Chor, Achtsamkeitskurse, sefardische Küche oder Spielgruppen für Kleinkinder und ihre Mütter und Großeltern.

All das macht Amijai zu einem Ort der Begegnung und zu einem zweiten Zuhause für viele Gemeindemitglieder. Sie suchten Spiritualität und die eigene Identität, sagt Rabbiner Alejandro Avruj: »Alles, was wir machen, ist für Argentinier, die jüdisches Alltagsleben verloren haben und es hier wiederfinden. Amijai ist ein modernes und mitreißendes religiöses Pro­jekt, das zur heutigen Zeit passt.«

Die konservative Gemeinde ist offen und niedrigschwellig – den Mitgliedern wird beispielsweise nicht vorgeschrieben, koscher zu kochen und zu essen. »Wir schauen nicht in den Kühlschrank«, sagt der Rabbiner. »Wir machen Vorschläge, bieten Anreize, leiten an, unterstützen – die Leute nehmen das an und beginnen, ihr Judentum zu praktizieren.«

Esmeralda Azulay hatte früher keinen Bezug zu ihrer Religion, doch seit Avruj und sein Team vor vier Jahren beschlossen, Amijai zu erneuern, kommt die Argentinierin jeden Freitagabend zur Schabbatfeier. Ihr Mann ist im Gemeindevorstand. »Heute spüre ich, dass ich hierhin gehöre«, sagt Azulay, von Beruf Event-Managerin und Astrologie-Coach.

Suppenküche In der Gemeinde leitet sie die ehrenamtliche Frauengruppe ALMA, die unter anderem eine Suppenküche betreut, in der Arme und Obdachlose aus dem Viertel täglich eine warme Mahlzeit bekommen können. »Amijai hat viele Leute wie mich angezogen, die vorher keine Gemeinde gefunden hatten, die zu ihnen passte.

Dass an Kabbalat Schabbat die Synagoge voll ist, dass es hier so viel ehrenamtliches Engagement gibt, hängt auch damit zusammen, dass wir in Amijai viel Freiheit genießen.«
Zum sozialen Engagement der Amijai-Gemeinde gehört auch, dass die rund 100 Jungen und Mädchen, die jedes Jahr Bar- oder Batmizwa feiern, in einem der vielen Elendsviertel von Buenos Aires mit anpacken: Sie helfen bei der Essensausgabe an die Armen, malen die Wände der Suppenküche neu an oder bessern das Dach aus. Rabbiner Alejandro Avruj findet diese Solidarität sehr bewegend. »Wir vermitteln den Jugendlichen die wahre Idee des Judentums: es nicht nur im Tempel zu zelebrieren, sondern besonders außerhalb der Synagoge.«

Alejandro Avruj ist ein guter Bekannter von Papst Franziskus. Er ist einer der Rabbiner im überwiegend katholischen Argentinien, die sich besonders im interreligiösen Dialog engagieren. Während der dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Krise des südamerikanischen Landes 2001/2002 begann Avruj, die Armenpriester bei ihrer Arbeit für die Bedürftigsten der Gesellschaft zu unterstützen.

In der Amijai-Synagoge, deren Kultur- und Bildungsveranstaltungen allen interessierten Argentiniern offenstehen, finden regelmäßig ökumenische Aktivitäten statt. Im vergangenen Jahr etwa lud die Gemeinde 20 Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften zum Schabbat-Brotbacken ein.

»Gemeinsam Teig zu kneten und Brot zu backen, das sollte symbolisch dafür stehen, gemeinsam Frieden zu schaffen«, erinnert sich die Mitorganisatorin Esmeralda Azulay.
In Buenos Aires mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern leben rund 200.000 Juden, von denen sich ein großer Teil nicht am Gemeinschaftsleben beteiligt.

AMIA Das Gemeindezentrum AMIA (Asociación Mutual Israelita Argentina), das unter anderem den jüdischen Friedhof betreibt, wird seit rund einem Jahrzehnt von der Orthodoxie geleitet. Orthodox sind nur etwa zehn Prozent der argentinischen Juden, aber ihre Repräsentanten haben sich bei den AMIA-Wahlen durchgesetzt. Gemeinden wie Amijai fühlen sich nicht vertreten. »Die derzeitige Leitung hat die AMIA in eine Jeschiwa verwandelt. Die liberalen Strömungen des argentinischen Judentums werden systematisch diskriminiert«, beklagt Rabbi Avruj.

Während des Kabbalat Schabbat am Freitagabend nennt er vor der Gemeinde das jüngste Beispiel: Am 8. März, dem Weltfrauentag, hatte die AMIA eine Rabbinerin von einer Diskussionsrunde ausgeladen und die Veranstaltung schließlich ganz abgesagt.

Der Rabbiner weiß, dass sich viel mehr Menschen an den AMIA-Wahlen beteiligen müssten, um zu erreichen, dass das Gemeinschaftszentrum wieder das jüdische Leben in seiner ganzen Bandbreite repräsentiert. Avruj ist optimistisch: Nicht nur Amijai, auch andere Synagogen der argentinischen Hauptstadt hätten ein zunehmend lebendiges Gemeindeleben. Zwar gebe es eine Tendenz zur Säkularisierung und Assimilierung, aber zugleich auch eine Rückkehr vieler Menschen zu ihren jüdischen Wurzeln.

Von den Amijai-Gründern gehören heute nur noch wenige zur Gemeinde. Eine von ihnen ist Miriam Lunic. Sie sagt: »Amijai ist wie ein eigenes Kind. Wer ein Kind bekommt, hat eine bestimmte Vorstellung davon, wie es werden soll. Aber das Kind geht seinen eigenen Weg. So ist es auch mit Amijai: Die Gemeinde hat heute nichts mit unseren ursprünglichen Plänen zu tun – sie hat diese weit übertroffen.«

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