Österreich

Der Jahrhundertzeuge

Salzburgs Gemeindechef Marko Feingold ist mit 105 Jahren der älteste Schoa-Überlebende der Alpenrepublik

21.06.2018 – von Peter BollagPeter Bollag

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Den Bundeskanzler und seinen Stellvertreter als Gäste auf seiner Geburtstagsfeier zu haben, dieses Privileg haben selbst im »kleinen« Österreich nicht allzu viele Bürger. Wenn der Jubilar allerdings Marko Max Feingold heißt und es sich bei dem Geburtstag um seinen 105. handelt, dann sieht die Sache schon anders aus.

Denn Marko Max Feingold ist in der Alpenrepublik seit Jahrzehnten bekannt als der Mann, der nicht weniger als vier Konzentrationslager überlebte – und der dennoch kein Mensch des Hasses und der Unversöhnlichkeit ist. Feingold ist jemand, der auch im hohen Alter noch in Schulen geht, um den jungen Menschen in seinem Land vom Unsagbaren zu erzählen und Zeugnis abzulegen – als einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen.

Zugleich hat Marko Max Feingold keine Probleme damit, dass es ausgerechnet eine rechtskonservative Regierung ist, die ihn aus Anlass seines 105. Geburtstags in die österreichische Hauptstadt einlädt. »Man soll die von der ÖVP und der FPÖ mal machen lassen, dann können sie ja mal zeigen, was sie drauf haben – man kann sie ja auch wieder abwählen«, sagte der klein gewachsene, feingliedrige Mann kurz vor seinem Geburtstag in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Diesen Satz hat er in anderen Interviews, die er in den letzten Wochen und Monaten gegeben hat, oft wiederholt.

parteifreund Es ist eine Haltung, die 300 Kilometer weiter östlich, nämlich von vielen Mitgliedern der Wiener jüdischen Gemeinde, so nicht geteilt wird. Dass beim Empfang zu Feingolds Ehren am 28. Mai im Wiener Bundeskanzleramt neben Bundeskanzler Sebastian Kurz auch Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der FPÖ dabei war, in seinen jungen Jahren bekanntermaßen ein Rechtsextremer, hatte das Ehepaar Feingold im Vorfeld des Termins noch dementiert.

Doch Feingold ist, was österreichische Politiker angeht, ohnehin desillusioniert. »Antisemitische Politiker habe ich vor allem in meiner eigenen Partei erlebt«, sagt das langjährige SPÖ-Mitglied dazu. Als Besitzer eines Modehauses in Salzburg habe er vor vielen Jahren in einer Parteizeitung inserieren wollen, erzählt Feingold. Doch die Inserate wurden nicht abgedruckt. »Als ich mich beschwerte, fand ich heraus, dass der Verhinderer – ein SPÖ-Parteifreund – ein alter Nazi war.« Antisemitismus in der Mozartstadt Salzburg, den gab es allerdings nicht nur bei der SPÖ oder anderen Parteien, sondern auch sonst, sagt der langjährige Salzburger Gemeindepräsident.

Dass Feingold, der mit seinen drei Geschwistern in einem traditionellen jüdischen Haushalt in Wien aufwuchs, überhaupt in Salzburg landete, war eigentlich eher Zufall. Doch zeigt es zugleich, wie schwierig sich das Leben für die Schoa-Überlebenden im Nachkriegseuropa anließ, auch nach der Befreiung.

ehrenpräsident Als der 32-jährige Marko Feingold mit seinen Mithäftlingen im Mai 1945 von den Amerikanern aus dem KZ Buchenwald befreit wird, weiß er zunächst nicht, wohin er gehen soll: Palästina oder Amerika. Doch erst einmal geht es zurück nach Wien. Busse sollen die gerade erst Befreiten in die ehemalige Heimatstadt bringen.

Doch nach einem ersten Zwischenhalt in Salzburg, wo sich die Bus-Insassen an der Salzach mangels anderer Waschgelegenheiten kurz frisch machen, ist die Fahrt weit vor Wien schon zu Ende. Endstation ist eine russische Grenzpatrouille. Denn der Osten Österreichs ist russische Zone. Und die russischen Soldaten lassen auch KZ-Überlebende nicht passieren. So landet Marko Feingold in Salzburg – um den Rest seines Lebens bis heute in der »Mozartstadt« zu verbringen.

Seit 1977 ist Feingold auch Präsident der kleinen jüdischen Gemeinde, längst ist er auch ihr Ehrenpräsident, macht sich über die Perspektiven aber wenig Illusionen. »Es wird hier in der Zukunft wohl kaum noch jüdisches Leben geben, junge Leute zieht es nicht hierher«, meint der Mann, der – selbst nicht praktizierend – kaum je einen Gottesdienst verpasst.

hofburg Der 105-Jährige, der seit 35 Jahren mit seiner zweiten und 30 Jahre jüngeren Frau Hanna verheiratet ist, nimmt dies alles dennoch gelassen. Zu viel hat er in seinem von vielen Zufällen geprägten Leben schon erlebt.

Es hätte zum Beispiel – unter anderen Umständen – auch schon im März 1938 zu Ende sein können. Da ist Marko 25 Jahre alt. Zusammen mit seinem Bruder Ernst erlebt er, wie die deutsche Wehrmacht in Wien einmarschiert – ein Ereignis, das als sogenannter Anschluss in die Geschichte einging und sich in diesem Frühjahr zum 80. Mal jährte.

Marko Feingold als wohl ältester noch lebender Zeitzeuge ist dieser Tage sehr gefragt. Es vergeht kaum ein Abend, an dem er nicht zu offiziellen Terminen eingeladen ist. Selbst Zeit für die große Gedenkzeremonie im März in der Wiener Hofburg, zu der Feingold gemeinsam mit seiner Frau zum Bundespräsidenten eingeladen war, musste er sich freischaufeln. Denn eigentlich hätte er zur gleichen Zeit als Zeitzeuge vor einer Schulklasse berichten sollen.

pässe Zum Beispiel von jenem März 1938, als er und sein Bruder Ernst in eine Falle tappten, die sie sich gewissermaßen selbst gestellt hatten. Die Jahre zuvor hatten die Brüder in Italien verbracht: als ziemlich erfolgreiche Vertreter von Schmierseife. Sie hatten gutes Geld verdient und das Leben ungeachtet der aufziehenden politischen dunklen Wolken in vollen Zügen genossen. Im Februar 1938 jedoch entschieden sich die Feingold-Brüder, nach Österreich zurückzufahren. Ihre Pässe waren abgelaufen, und sie wollten sie in ihrer Heimatstadt verlängern.

»Auch da wäre noch alle Zeit der Welt gewesen, dies zu tun und wieder nach Italien zurückzukehren«, sagt Marko Feingold heute. Italien, das zwar unter Mussolini Deutschlands Verbündeter war, sich gegenüber Juden aber noch relativ großzügig verhielt, wäre in jenen hektischen Wochen und auch noch etwas länger ein sicherer Hafen für die Brüder gewesen, glaubt der 105-Jährige noch heute.
Stattdessen hätten sie es sich in jenen Wochen in Wien einfach gut gehen lassen – ungeachtet der politischen Unrast und der sich bald dramatisch zuspitzenden Ereignisse, schreibt Feingold in seinem 2012 erschienenen Buch Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh – eine Überlebensgeschichte.

Diese »Ereignisse« zwingen den autoritär regierenden Bundeskanzler Schuschnigg von der »Vaterländischen Front« zum Rücktritt: Aus Österreich wird bald die »Ostmark«. Am Tag des Einmarsches der Deutschen, dem 13. März, als die Österreicher nach Schuschniggs Willen eigentlich über die Unabhängigkeit des Landes hätten abstimmen sollen, muss Marko Feingold erleben, dass »die Kellner unseres Stammcafés sofort die Hakenkreuz-Binden über ihre weißen Anzüge streiften. Und sie waren selbstverständlich nicht die Einzigen in jenen Tagen.«

risiko Doch der 25-Jährige lässt sich durch den sofort einsetzenden Terror nicht einschüchtern. Er hält auch dann durch, als er beispielsweise sieht, wie sogenannte jüdische »Reibkommandos« von einer jeweils johlenden Menge gezwungen werden, die Parolen der »Vaterländischen Front« wegzuwaschen – eine öffentliche Demütigung.

Und Feingold wagt sich am 15. März sogar auf den Wiener Heldenplatz. Dort verkündet Adolf Hitler den »Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich« – unter dem Jubel Zehntausender. »Den Auftritt des ›Führers‹ wollte ich mir doch nicht entgehen lassen, auch wenn mir bewusst war, dass ich mich einem großen Risiko aussetzte. Man hätte mich verhaften können.«

Das passierte erst einige Tage später, als Ernst und Marko Feingold von der Gestapo abgefangen wurden. Sie wurden ins »Hotel Metropol« gebracht, das berüchtigte Hauptquartier der Gestapo, wo in diesen Tagen und Wochen viel gefoltert und auch getötet wurde. Die Feingold-Brüder hatten Glück und kamen frei – unter der Auflage, das »Reich« sofort zu verlassen. Ein jahrelanges regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel mit den Deutschen begann; die Feingolds flohen in die Tschechoslowakei, anschließend nach Polen, dann wieder zurück. Sicherheit gab es nicht.

martyrium Und wieder forderten die beiden Brüder das Schicksal heraus: Im Frühjahr 1939 arbeiteten sie im inzwischen ebenfalls von den Deutschen besetzten Prag für die Wehrmacht – als Quartiermacher. Sie flogen auf, wurden wieder verhaftet, nur: Diesmal gab es keine Entlassung.

Noch bevor der Zweite Weltkrieg überhaupt anfing, begann damit das Martyrium der beiden Feingold-Brüder. Am Ende konnte von vier Geschwistern nur Marko überleben. Und dass das so sein wird, stand ihm in jenen qualvollen Jahren nicht ins Gesicht geschrieben.

Denn wie überlebt man vier Konzentrationslager? Marko Feingold reagiert auf diese ebenso logische wie eigentlich nicht zu beantwortende Frage zunächst fast abwesend, als würde er über das Schicksal eines ganz anderen Menschen philosophieren. Dann spricht er lange über die Gräuel jener Jahre: Auschwitz, Neuengamme, Dachau und schließlich Buchenwald, wo er 1945 befreit wurde. Das waren die Stationen der kommenden Jahre. Und bereits in dieser Aufzählung spiegelt sich die ganze Dramatik: Der Wiener erlebte die Unmenschlichkeit der Täter, die Hilflosigkeit der Opfer. Aber daneben auch sehr viel anderes: Solidarität unter Häftlingen, Menschlichkeit in einer unmenschlichen Umgebung, in der der Tod fast ständiger Begleiter war.

versprechen Dass er das alles überleben konnte – am Schluss wog er nur noch knapp 30 Kilogramm –, scheint ihn selbst am meisten zu überraschen. »Auch als die Amerikaner schon nahe waren und die Befreiung greifbar schien, rechneten wir jeden Moment damit, von der SS liquidiert zu werden.« Doch das geschah nicht, und Marko Feingold überlebte.

»Ich habe immer zu mir selbst gesagt: Du musst rauskommen, damit die Menschheit erfährt, wozu sie selbst imstande ist.« Dieses sich selbst gegebene Versprechen hat er gehalten. Und er berichtet weiterhin unermüdlich von seinem Überleben. Auch mit 105 Jahren.

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