Schabbat

Kraft des Wortes

Die Verse der Tora haben viel Macht und können unser Leben verändern – wenn wir richtig zuhören

31.05.2018 – von Rabbiner Walter RothschildRabbiner Walter Rothschild

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Unser Wochenabschnitt stellt uns vor ein Rätsel. Die Verse 35 und 36 des 4. Buches Mose, Kapitel 10, sind vom Rest des Textes durch besondere kleine Zeichen getrennt.

Einige Rabbinen des Talmuds (Schabbat 116a) meinen, die beiden Verse bilden ein eigenes Buch der Tora. Dies hieße, es gäbe statt fünf ganze sieben Bücher: das 1. Buch Mose, das 2. Buch Mose, das 3. Buch Mose, dann das 4. Buch Mose 1,1 – 10,34, außerdem das 4. Buch Mose 10, 35–36, das 4. Buch Mose 11,1 – 36,13 und schließlich das 5. Buch Mose, welches nach dieser Zählung dann das siebte wäre.

Stelle Rabbi Schimon ben Gamliel (10 v.d.Z.­–70 n.d.Z.) behauptete, die beiden Verse gehörten eigentlich woanders hin. Sie seien einfach an der falschen Stelle geschrieben worden und wurden deswegen später markiert, damit sie eines Tages an die richtige Stelle kommen könnten.

Nach einer anderen Meinung sind die beiden Verse eine Art Zäsur zwischen zwei problematischen Passagen, die davon berichten, wie das Volk rebellierte und bestraft werden musste.

Nach der Mischna (Jadajim 3) seien die 85 Buchstaben, aus denen diese beiden Verse bestehen, die Mindestzahl, die erreicht werden muss, damit man eine Torarolle aus den Flammen rettet.
In unserem Gottesdienst werden die beiden Verse in der Liturgie benutzt. »Wajehi binso’a ...« wird gesungen, wenn der Aron Hakodesch geöffnet wird. Und »Uwnucha Jomar ...« am Ende, wenn man ihn wieder schließt.

Zwischen dem Gesang dieser beiden Verse befindet sich die Torarolle außerhalb des Schutzes, den der Schrank bietet, inmitten der Gemeinde. Sie wird umhergetragen, und man liest aus ihr vor.

Und was singen wir dabei? »Erhebe Dich, Ewiger! Dass Deine Feinde sich zerstreuen! Dass Deine Hasser vor Dir fliehen!« Es ist ein Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes (und die Feinde Israels). Sie sollen nicht alle getötet werden, aber sie sollen fliehen vor der Anwesenheit Gottes. Diese manifestierte sich in der Wüste im Mischkan, der tragbaren Bundeslade. Und heute, in der Synagoge, tut sie es durch den Sefer Tora.

Am Ende singen wir: »Kehre zurück, Ewiger, zu den tausend Myriaden Israels!« Es ist, als ob wir die göttliche Macht aus dem Schrank befreien, damit sie sich überall frei bewegen kann – und dann rufen wir sie zurück.

angst Doch haben die Verse der Tora wirklich so viel Macht? Theoretisch ja – sie können unser Leben verändern, wenn wir richtig zuhören oder lesen.

Dass Gott auch Feinde hat, ist kein Geheimnis. Es sind nicht andere Götter, sondern Menschen, die weder lernen noch hören wollen und auch nicht bereit sind, ihre Taten zu ändern – Menschen, die Gottes Volk hassen und angreifen. Wenn wir am Schabbatmorgen die Torarolle umhertragen, singen wir von der Macht Gottes, nicht nur von der Macht der Tora.

Doch im Text der Tora im 4. Buch Mose sieht es ein wenig anders aus. Zunächst (10,29) hat Mosche einfach nur Angst. Sein Schwager Chovav möchte nicht weiter mitgehen, sondern nach Hause zurückkehren. Er wird Mosche als wichtiger Helfer also nicht mehr zur Seite stehen. Doch Mosche braucht jemanden, der die Wüste gut kennt, ihre Wege und die Oasen. Mosche ist jetzt für ein ganzes Volk zuständig. Er sagt zu Chovav: »Verlass uns nicht, denn du weißt, wo wir in der Wüste lagern können, und kannst uns den Weg zeigen.«

Warum glaubt Mosche nicht, dass Gott dies tun könnte? Schließlich reisen sie dann drei Tage lang weiter, und die Bundeslade geht ihnen, wie wir heute sagen würden, als eine Art »Navi« voran.

Bundeslade Jeden Morgen schickte Mosche die Bundeslade weiter mit dem Wunsch: »Suche uns einen guten Weg aus, frei von jeglicher Gefahr.« Und am Abend, wenn sie lagerten, sollte diese Macht, die von der Lade ausging, auch ins Lager zurückkommen, bis zum nächsten Morgen. So wie die Haftara (Prophetenlesung) aus Se­charja 2–4 mit den Worten beginnt: »Ich, Gott, werde unter den Israeliten wohnen« – das Versprechen wird also wahr.

Aber es scheint nicht zu helfen. Denn in den nächsten Versen (11, 1–5) klagt das Volk schon wieder. Diesmal wollen sie Fleisch, Zwiebeln und Knoblauch haben – Dinge, die ihnen wichtiger scheinen als die Freiheit und ein eigenes Land. Schon wieder wird Gott enttäuscht – und dann wütend.

Wie ist es heute? Auch wir bleiben immer gespalten. Wollen wir in unserem Leben Gott haben oder lieber gutes Essen? Es mag banal klingen, aber ich kenne in Deutschland viele jüdische Gemeinden, in denen man sagt: »Die Leute kommen nur zum Gottesdienst, wenn das Essen stimmt.« Wie üppig der (kostenlose) Kiddusch ist, sei wichtiger als die Predigt oder die Stimme des Chasans, wenn man Beter (oder Fresser?) anlocken möchte.

Die Nostalgie lässt viele Juden vom Essen in der alten Heimat träumen, seien es Piroggen, Gefilte Fisch, Hummus oder Gewürze. Ah, wie das riecht! Ah, das ist so, wie es Mama oder Oma gekocht hat! Oh, da läuft einem das Wasser im Munde zusammen.« Wie schnell man dabei alle Nachteile und Probleme, Ausgrenzungen, Ängste und alles Leid vergessen kann! Ja, ja, bis heute lesen viele Juden lieber Kochbücher als Gebetbücher.

Der Autor ist Rabbiner bei Beit Polska, dem Verband progressiver jüdischer Gemeinden in Polen.

Paraschat Beha’alotcha
Der Wochenabschnitt beginnt mit den Vorschriften für das Licht im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer, wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Mose 8,1 – 12,16

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