Redezeit

»Ich hatte mein ganzes Leben lang großes Glück«

Der Zahnarzt und Kunstliebhaber Anatol Gotfryd über sein neues Buch, den Schweizer Sennenhund Pluto und seine Flucht vor den Nazis

21.02.2018 – von Christine SchmittChristine Schmitt

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Herr Gotfryd, Sie galten als der Promi-Zahnarzt in Berlin, sind Förderer der Kunst gewesen und haben soeben Ihr zweites Buch veröffentlicht. Trotzdem haben Sie keinen Eintrag bei Wikipedia. Können Sie sich das erklären?
Habe ich nicht? Ich sehe dort sehr selten nach. Ich bin ja kein professioneller Schriftsteller.

»Der Himmel über Westberlin« lautet der Titel Ihres neuen Buches. Es handelt von Ihren Freunden, Künstlern und anderen Patienten. Haben Sie eine Lieblingsgeschichte?
Am liebsten mag ich die Geschichten, die von einer besonderen sensiblen Atmosphäre geprägt sind. Was ich aufgeschrieben habe, ist die Geschichte einer ganz bestimmten Zeit, um ein Leben – mein Leben – herum. Spontan würde ich sagen, dass ich die Anekdote um unseren Hund Pluto, einen großen Schweizer Sennenhund, gerne mag. Pluto war der absolute King hier unter Hunden und Hundebesitzern.

Was hat es damit auf sich?
Eines Tages wollte ich an unserem Schuppen etwas bohren. Doch ich hatte die Bohrmaschine unterschätzt, schließlich war ich ein anderes Kaliber gewöhnt. Der Bohrer blieb stecken, schleuderte mich gegen den Zaun, und ich verletzte mich an der Schulter. Auf der Suche nach einer verschreibungspflichtigen Salbe klapperte ich die Apotheken ab. Keiner wollte sie mir geben.

Warum wiesen Sie sich nicht als Arzt aus?
Das war nicht mehr nötig, denn plötzlich sehe ich den Apotheker, wie er mich völlig verklärt ansieht und zu mir sagt: Sie sind doch das Herrchen von Pluto. In diesem Moment hätte er mir die ganze Apotheke apportiert. An diesen Blick erinnerte ich mich später wieder, als Pluto im Urlaub einmal krank wurde und der Veterinärmediziner das 80 Kilogramm schwere Tier auf den Behandlungstisch hob. Das hatte Pluto noch nie erlebt – er war hingerissen. Da schaute er den Arzt an, und ich sah dessen Blick: Es war der des Apothekers.

Bis Ende der 90er-Jahre hatten Sie mit Ihrer Frau Danka eine Praxis am Ku’damm, in der sich Dichter, Künstler und Schauspieler ihre Zähne sanieren ließen. Sie hatten damals den Ruf, dass Sie die besten Spritzen setzen könnten, die nicht schmerzten. Was war Ihr Geheimnis?
Das kann man lernen. Ich kann Ihnen das verraten. Das Gewebe ist besonders mit sensiblen Nerven versehen. Wenn Sie die Kanüle flach anlegen und ganz langsam den Druck erhöhen, dann gelingt es Ihnen, das Blut aus diesem Bereich wegzuschieben. So sind die Nerven nicht versorgt.

Wo haben Sie das gelernt?

Als ich im Krankenhaus der US Army in Berlin Unter den Eichen als Zahnarzt gearbeitet habe. Dort konnte ich mich weiterbilden. Ich war neugierig und wollte alles wissen. Meine Frau und ich haben, wenn wir unterwegs waren, Zahnarztpraxen besucht und uns mit den Kollegen unterhalten. Wir lernten immer gerne dazu. In einer Praxis in Meran, die damals in Europa führend war, haben wir jeden Herbst ein paar Tage mitgearbeitet, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie vor lauter Reden oft gar nicht zum Arbeiten gekommen sind.
Wir hatten sehr viele Künstler als Patienten, und die sind mitteilungsbedürftig. Das bin ich ja auch. Oft hatten wir uns viel zu erzählen, viele von ihnen sind Freunde geworden.

Haben Sie auch über Ihre Kindheit gesprochen?
Nie. Die Tatsache, verfolgt worden zu sein, hat etwas Entwürdigendes und Intimes, sodass man nur ungern davon erzählt. Ich habe erst damit angefangen, als ich das erste Buch »Der Himmel in den Pfützen. Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm« geschrieben habe, und zwar aus einer Art Pflichtgefühl heraus. Ich wollte über die Menschen schreiben, die mir geholfen hatten, zu überleben. Viele haben ihr eigenes Leben, das ihrer Angehörigen und ihrer Kinder riskiert. Ich wollte sie würdigen.

Sie wurden 1930 in Galizien in Ost-Polen geboren und erlebten den Einmarsch der Nazis.
1941 kam ich mit meiner Mutter und meinem Stiefvater ins Ghetto, dann sollten wir mit dem Zug ins Vernichtungslager Belzec gebracht werden. Die Zustände im Zug waren schrecklich. Ich möchte mich nicht mehr daran erinnern. Zum Glück hatte einer eine Säge in sein Sakko eingenäht und konnte die Gitterstäbe des Viehwaggons durchsägen. Ich habe die Erinnerung, wie man mich hochgehoben und hinaugeschmissen hat, da war ich zehn Jahre alt. An diesen Moment, in dem ich herunterfiel, erinnere ich mich nicht. Da habe ich eine totale Amnesie. Die nächste Erinnerung war, wie ich mich in einer Pfütze wiederfinde. An die Details möchte ich nicht denken.

Sie hatten Glück. Was passierte dann?
Ich hatte mein ganzes Leben lang großes Glück. Meine Mutter und ich hatten ausgemacht, dass ich an den Bahngleisen zurückgehe. Da hat mich ein ukrainischer Polizist gefasst, der mir mit seiner Taschenlampe in die Augen leuchtete. Ich hörte, wie ein anderer fragte, ob er jemanden gefunden habe. Er verneinte und machte die Lampe aus. Ich ging weiter, teilweise heulend.

Haben Sie Ihre Mutter wiedergetroffen?
Ja. Wir sind in den Wald gegangen. Als es hell wurde, kam eine Bäuerin. Die hat gesagt: Bleibt hier, ich bringe etwas zu essen. Das sind die Momente, in denen du dich fragst: Wird sie mich denunzieren? Aber sie kam mit Kartoffeln und brachte uns zum Pfarrer. Der hat uns versteckt.

Diese beiden blieben nicht die Einzigen.

Es ist unglaublich, wie die Leute geholfen haben. Auch ein Bauer, der eine jüdische Geliebte hatte, versteckte mich. Als seine Frau es herausfand, verriet sie uns. Aber von anderen wurde ich wieder gerettet. Polen, Deutsche, Ukrainer haben geholfen. Ich habe ihnen viel zu verdanken.

Deshalb haben Sie eine positive Einstellung zu Deutschland?
Ja natürlich. Für mich gab es Nazis und Deutsche. Aber nicht in Personalunion.

Wie schafften Sie es, nach dem Krieg studieren zu können? Sie hatten ja kaum die Schule besucht.
Ein Bekannter hat mir Nachhilfe gegeben, sodass ich in der Schule mithalten konnte. Meine Eltern und ich hatten uns wiedergefunden. Ich ging nach Breslau, um erst einmal Zahntechniker zu lernen. Da mein Zeugnis gut war, konnte ich Zahnmedizin studieren.

Dann wollten Sie mit Danka nach Kanada ausreisen, sind aber in Deutschland gelandet.
Wir sind mit Mühe aus dem kommunistischen Polen herausgekommen, und da bin ich in Berlin zum Visabeamten der kanadischen Botschaft gegangen. Leider konnte er mir nicht helfen, die Einwanderungsquote sei schon erfüllt. Er könne mir nur den Rat geben, zurück nach Polen zu gehen. Da war mir klar, dass er völlig fremd in dieser Welt ist. Aber wir haben hier schnell Fuß gefasst.

Sie haben Ihre beiden Bücher auf Deutsch geschrieben. In welcher Sprache denken Sie?
Es kommt darauf an. Man kann es gar nicht bestimmen, manchmal ist es mir selbst gar nicht klar.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Kunst. Wären Sie gerne Künstler geworden?
Dafür bin ich nicht geeignet.

Was interessiert Sie daran?

Kunst ist eine Parallelwelt. Sie spiegelt eine Atmosphäre wider, und die Werke erklären vieles, was mit Worten nicht auszudrücken ist.

Wie oft gehen Sie zum Zahnarzt?
Früher war meine Frau meine Ärztin. Das war toll. Was ich ungerecht von der Natur finde, ist, dass ich keine guten Zähne habe. Zahnärzte sollten gute haben. Ich gehe nur im Notfall. Ich war jetzt das erste Mal seit 20 Jahren, denn ich hatte ziemliches Pech. Ich wollte in Italien eine besonders prächtige Artischocke fotografieren, stolperte, bin richtig auf die Fresse gefallen und verlor ein paar Zähne. Das war Schicksal.

Mit dem Berliner Promi-Zahnarzt und Autor sprach Christine Schmitt.


Anatol Gotfryd: »Der Himmel über Westberlin. Meine Freunde, die Künstler und andere Patienten«. Quintus, Berlin 2017, 280 S., 22 Euro

Der Autor liest am Sonntag, den 4. März, um 17 Uhr in Berlin im Charlottenburger Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, aus seinem neuen Buch.

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