Purim

Nicht so tief ins Glas schauen

Warum auch der fröhlichste Feiertag kein Anlass ist, sich hemmungslos dem Vollrausch hinzugeben

22.02.2018 – von Rabbiner Avraham RadbilRabbiner Avraham Radbil

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Eines der bekanntesten Purimgebote, das von vielen sehr gern und mit viel Hingabe erfüllt wird, ist zweifellos, sich zu betrinken. So sagt auch der Talmud im Traktat Megilla 7b: »Eine Person ist verpflichtet, sich zu Purim derart zu berauschen, dass sie nicht mehr zwischen ›Verflucht sei Haman‹ und ›Gesegnet sei Mordechai‹ unterscheiden kann.«

Jedoch scheint dieses Gebot »aus der Reihe zu tanzen«, denn es unterscheidet sich von unserem gewöhnlichen Verständnis des Judentums. Während des gesamten Jahres predigen wir, dass es gerade darum geht, sich mit den Inhalten und Hintergründen unserer religiösen Praxis zu beschäftigen, nichts unüberlegt und automatisch zu tun, jede einzelne Handlung genau zu überdenken. Doch die Betrunkenheit und der Rausch führen zum genauen Gegenteil davon.

Es könnte uns also so scheinen, dass unsere Weisen Mitleid mit uns hatten und uns einen freien Tag im Jahr gegeben haben, an dem wir einfach die »Sau rauslassen« und uns dem Alltag entziehen können.

Lot Ich möchte keineswegs das Weltbild vieler Menschen zerstören, aber es steht nirgendwo, dass man sich an Purim hemmungslos volllaufen lassen muss. Abgesehen davon, dass man dabei seine Gehirnzellen und die Leber zerstört, können wir sehr gut aus der Tora, nämlich aus der Geschichte von Lot und seinen Töchtern, lernen, wozu unkontrolliertes Trinkverhalten führen kann.

So schreibt Rema in Orach Chaim 695,2, dass man an Purim etwas mehr trinken soll, als man es gewöhnlich tut. Also geht es nicht darum, alle Sinne auszuschalten, sondern eher darum, unsere intellektuellen Fähigkeiten zu dämpfen beziehungsweise zu betäuben. Jedoch erscheint auch dieses Verhalten sehr ungewöhnlich. Was also könnte eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten sein?

Party Die Purimgeschichte ereignete sich in der damaligen Großmacht Persien. Ganz am Anfang der Megillat Esther lesen wir, wie der König Achaschwerosch eine legendäre Party geschmissen hat, die 180 Tage dauerte und zweifellos eine Eigendynamik entwickelte.

Später lesen wir von einem riesigen Schönheitswettbewerb, der vom König veranstaltet wurde, um Ersatz für seine ehemalige Königin Waschti zu finden. Jede der Kandidatinnen wurde zwölf Monate lang mit Duftbädern, Ölen und Parfüms aufgehübscht, bevor sie den König treffen sollte. So sehen wir, dass das damalige Persien ein Ort völliger Oberflächlichkeit und Äußerlichkeit gewesen ist.

Auch die frühere Königin Waschti wurde abgesetzt, weil sie sich den anderen nicht zeigen wollte. Das gesamte Wertesystem basierte nur auf materiellen und physischen Begriffen, die inhaltslos und oberflächlich waren.

Götzen Nicht viel anders waren die Juden, die zur damaligen Zeit in Persien lebten, sich sehr assimiliert und viele von den Werten der Perser übernommen hatten. Der Talmud im Traktat Megilla 12a gibt zwei mögliche Gründe dafür an, warum das jüdische Volk damals so eine harsche Bestrafung verdiente. Der eine war, weil es sich vor dem Götzenbild des Nebukadnezar verbeugte, und der andere, weil es die Party von Achaschwerosch genoss.

Doch später sagt der Talmud, dass beides nur »zur Schau« geschah – die Juden hätten weder an Götzen geglaubt, noch wollten sie wirklich zu der Party gehen. Sie hätten sich jedoch sehr darum gesorgt, was die anderen über sie dachten, und aus diesem Grund wollten sie die Erwartungen der anderen äußerlich erfüllen, ohne dabei tiefer zu schauen und zu erkennen, dass ein solches Verhalten dem Willen G’ttes widerspricht.

Denn auch nur »äußerliches« Verneigen vor einem Götzen wird bei uns nicht toleriert, und eine dermaßen frivole Party ist kein Ort für einen Juden. Aus diesem Grund mussten sie, um ihre Erlösung zu verdienen, drei Tage mit Fasten und Gebet verbringen. Dabei blickten sie tief in sich hinein und besonnen sich wieder auf jüdische Werte.

Rassel Die Rassel symbolisiert die Hand G’ttes, der die Ereignisse lenkte. Sie mussten erkennen, dass das Leben mehr als nur Schein ist und dass unser Ansehen in den Augen G’ttes viel mehr wert ist als das Ansehen in den Augen der anderen. Denn als es wirklich ernst wurde und das ganze jüdische Volk von Haman bedroht wurde, verstanden die Juden, dass die Rettung nicht von den persischen Behörden, sondern alleine von G’tt kommt.

Die Rettung, die wir an Purim erfahren haben, trug ebenfalls einen besonderen Charakter, denn dieses Mal wurde kein Meer geteilt, die Sonne wurde in ihrem Lauf nicht angehalten, und das Öl brannte keine acht Tage lang – es gab also keine offenkundigen Wunder.

Stattdessen hat G’tt die Ereignisse im Verborgenen zu unseren Gunsten gelenkt. Wenn wir uns die Purimgeschichte anschauen, sehen wir eine Reihung von auf den ersten Blick rein zufälligen Ereignissen, die zu unserer Rettung geführt haben.

Tschuwa Der Name G’ttes erscheint nicht in der Purimgeschichte. Doch die Größe und die Tschuwa (Umkehr) des jüdischen Volkes bestanden darin, G’ttes Hand in diesen Geschehnissen zu erkennen. Diese Idee wird auch durch unsere Rasseln symbolisiert. Wenn wir eine gewöhnliche Purimrassel ansehen, werden wir feststellen, dass der Griff sich immer unten befindet. Also wird die Rassel immer von unten bewegt. Das symbolisiert die Hand G’ttes, die alle Geschehnisse der Purimgeschichte von unten, also im Verborgenen, gelenkt hat.

Wenn wir uns aber unsere Sewiwonim, die Chanukkakreisel, ansehen, werden wir bemerken, dass sich dort der Griff oben befindet. Das symbolisiert das offensichtliche Wunder von Chanukka, dass die Hand G’ttes sich von oben eingemischt hat, um ein unnatürliches Wunder geschehen zu lassen, das den Lauf der Geschichte veränderte.

Somit ist die Botschaft von Purim, dass wir nicht oberflächlich sein dürfen. Dass wir immer wissen müssen, dass G’tt derjenige ist, der die Geschichte lenkt, und dass wir nicht alles mit unseren begrenzten Sinnen und Fähigkeiten erkennen können.

Realität Denn es gibt noch eine andere, viel tiefere Realität, die man zwar nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann, an die wir aber fest glauben und auf die wir vertrauen müssen. Also zeigen wir, indem wir unsere Sinne etwas mit Wein betäuben, dass wir nicht Herr der Situation sind, dass wir nicht immer alles kontrollieren können, und dass nicht jedes Ereignis intellektuell nachvollziehbar ist.

Jedoch glauben wir in guten wie in schlechten Zeiten fest daran, dass es der Allmächtige ist, der alle Geschehnisse in der Welt lenkt und leitet, und dass Er derjenige ist, der in der Zukunft unsere endgültige Erlösung bringen wird. Purim Sameach!

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