Talmudisches

Die arme Frau und das Maultier

Warum die Gebete eines einfachen Mannes erhört wurden

08.02.2018 – von Noemi BergerNoemi Berger

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In einem Midrasch lesen wir von einer Dürre im Land Israel. Die Menschen beten zu G’tt um Regen, doch es bleibt trocken. Die Weisen fasten, aber es regnet immer noch nicht. Eines Nachts träumen die Weisen, dass ein Bote G’ttes vor ihnen steht und sagt: »Eure Gebete wird der Allmächtige nicht erhören, aber die des Maultiertreibers, der am Stadtrand wohnt. Seine Gebete werden erhört.«

Als die Weisen am nächsten Morgen merken, dass sie alle den gleichen Traum hatten, sagen sie: »Lasst uns zu dem Maultiertreiber gehen und schauen, welche beeindruckenden Eigenschaften er hat.«

Also machen sie sich auf den Weg. Sie kommen zu dem Maultiertreiber und fragen ihn nach seinem Broterwerb. Er antwortet: »Ich vermiete mein Maultier. Es zieht den Pflug und verrichtet andere Arbeiten auf dem Feld.« – Da fragen sie: »Wo ist denn dein Maultier? Wir sehen es nicht.« – »Ich habe es verkauft.«

Die Rabbiner sind erstaunt. Warum verkauft der Mann sein Maultier, seine einzige Habe, seine Stütze und seinen Rückhalt, und warum findet der Ewige diesen Mann so bedeutend, dass Er sein Flehen wohl erhört?

»Sag uns, was für eine beeindruckende Wohltat hast du begangen?«, fragen sie den Mann. »Ich tue nichts Besonderes«, antwortet er und weicht aus, denn er ist ein bescheidener Mensch. Doch die Rabbiner beharren so lange darauf, bis er schließlich bereit ist, ihnen von der guten Tat zu erzählen, die er getan hat.

Verleihen »Das Geld, das ich durch das Verleihen meines Maultiers erhielt, ermöglichte es mir, meine Familie zu ernähren«, beginnt er seine Geschichte. »Eines Tages kam eine Frau zu mir, um mein Maultier zu mieten. Sie gab mir die paar Münzen, die ich üblicherweise für das Vermieten verlangte. Aber als sie mit dem Tier wegging, hörte ich sie schluchzen.

Da ging ich zu ihr hin und fragte, warum sie weint. Unter Tränen erzählte sie: ›Mein Mann sitzt wegen einer un­bezahlten Schuld im Gefängnis, und ich habe nicht das Geld, ihn auszulösen. Da dachte ich bei mir, dass ich deinen Esel anheuern würde, um zu pflügen und den Boden hinter meinem Haus zu bestellen. Wenn dann der Weizen wächst, werde ich ihn verkaufen und mit diesem Geld meinen Mann auslösen.‹

›Und was wirst du tun, wenn der Weizen nicht bald wächst oder wenn es eine Dürre gibt und überhaupt keiner wächst?‹, fragte ich sie.

›Wenn der Boden nichts hervorbringt, werde ich zum Gefängniswärter gehen und alles aufbieten, um ihn davon zu überzeugen, meinen Ehemann freizulassen‹, antwortete sie.
Dann begann sie zu schluchzen. ›Mein Mann ist im Gefängnis, meine Kinder hungern. Ich bin entschlossen, alles zu tun.‹«

Mit einem Seufzer setzte der Maultiertreiber seine Geschichte fort. »Als ich von der schrecklichen Not dieser Frau erfuhr, hatte ich Mitleid mit ihr und lud sie in mein Haus ein. »Bleib hier, bis ich vom Markt zurückkomme«, sagte ich zu ihr. »Ich werde dir das Geld beschaffen, damit du deinen Ehemann auslösen kannst.«

Auslösen »Auf dem Markt verkaufte ich mein Maultier. Ich wusste, dass ich damit mein Auskommen verlor, doch zögerte ich nicht. Ich nahm das Geld und kehrte nach Hause zurück, gab es der Frau und sagte zu ihr: ›Hier ist genügend Geld, um deinen Mann auszulösen. Möge G’tt dich segnen, damit du nie wieder Sorgen erfährst.‹

Die Frau fiel vor mir nieder und weinte vor Glück. Dann verabschiedete sie sich und ging fort. Das ist meine Geschichte.«
»Und wie ernährst du dich und deine Familie jetzt?«, fragten die Weisen. »Ich verdiene mich als Tagelöhner und arbeite auf den Feldern anderer Leute.«

Als die Weisen das hörten, sagten sie: »Du bist würdig, dass G’tt deine Gebete erhört. Es ist uns eine Ehre, dich kennenzulernen. Möge der Verdienst deiner wunderbaren Tat ganz Israel vor Hunger bewahren.«

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