27. Januar

»Bist du ein Mensch?«

Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch und ihr Enkel im Gespräch mit Schülern

25.01.2018 – von Blanka WeberBlanka Weber

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Es ist ein kalter Morgen, die Sonne bahnt sich langsam den Weg. Knapp 200 Schülerinnen und ihre Lehrer blicken sich suchend in der Mensa der Mädchenrealschule Rosenheim um. Raunen im Saal, als die Türe aufgeht und eine offenherzig lächelnde, couragierte, weißhaarige alte Dame leicht gebückt mit ihrer Gehhilfe die Bühne betritt.

Es ist Anita Lasker-Wallfisch, die an jenem Morgen gemeinsam mit den Schülerinnen zum Zeitzeugengespräch verabredet ist. Sie kommt mit ihrem Enkel Simon und mit Niklas Frank, dessen Vater der NS-Generalgouverneur im besetzten Polen war, ein Tätersohn also.

eltern »Ich bin 1925 in Breslau, jetzt Wroclaw, geboren«, beginnt sie mit kräftiger Stimme das Gespräch auf der bayerischen Bühne. »Mein Vater war Rechtsanwalt und Notar am Oberlandesgericht. Meine Mutter spielte ausgezeichnet Geige. Wir waren drei Töchter, ich war die jüngste.« Anita Lasker, so ihr Mädchenname, überlebte den Holocaust, die Eltern wurden 1942 deportiert. »Ich habe sie nie wiedergesehen. Ich war damals 16 Jahre alt.«

Für einen Moment scheint sie um ihre Fassung zu ringen. Die Stimme wird leise, der Saal schweigt. Lasker-Wallfisch beugt sich über ihr Manuskript: »In dem sogenannten zivilisierten Land Deutschland wurde damals entschieden, Menschen zu finden, zu registrieren, von ihrer Umgebung zu isolieren, zu erniedrigen, zu berauben und letzten Endes zu ermorden: Juden. Ich bin eine von diesen Juden, und per Zufall habe ich überlebt. So leicht ist es eben nicht, alle Juden aus der Welt zu schaffen. Ich will Ihnen kurz meine Geschichte erzählen, denn mit einem Einzelschicksal kann man sich eventuell identifizieren.«

Ihr 36-jähriger Enkelsohn sitzt neben Anita Lasker-Wallfisch, sein Cello fest in der Hand. Simon ist Musiker, wie seine Großmutter und wie sein Vater Raphael. Alle drei Generationen spielen Cello. Es ist ihre Sprache, vielleicht auch eine Form der wortlosen Kommunikation – und sicherlich ein Vermächtnis.
»Ich habe als Jugendlicher meine Großmutter oft beim Spielen erlebt, meinen Vater sowieso«, erklärt der Enkel, »das Cello hat meiner Großmutter das Leben gerettet, das hat mich geprägt.«

Deportation
Im Dezember 1943 wurde Anita Lasker nach Auschwitz deportiert. Beiläufig erzählte sie dort, dass sie früher Cello gespielt habe. Es sprach sich herum, man brachte sie zu Alma Rosé, einer ebenfalls inhaftierten Musikerin, die im Lager das Mädchenorchester leitete. Für die junge Frau sollte es das Ticket zum Überleben werden.

Lasker-Wallfisch erzählt den Schülerin­nen aus dem Lager, vom Alltag, dem Spie­len der Märsche am Eingangstor, und beantwortet die Frage, warum sie bis heute die tätowierte Nummer am Arm hat: »Wäre sonst die Geschichte vergessen?« Sie blickt fragend in den Raum, der für manch einen Zuhörer eng zu werden scheint. Es ist Geschichte jenseits der Bücher und Zahlen aus dem Lehrplan, die Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau.

Ihr Vater habe früher immer gesagt, der Mensch besitze so viele Seelen, wie er Sprachen spricht. Zu Hause wurde deshalb sonntags immer Französisch gesprochen. Auch dieser Umstand half ihr später, nach der Befreiung aus dem nächsten Lager in Bergen-Belsen.

»Unser Zuhause«, blickt sie zurück, »war sehr harmonisch, wir waren eine typische deutsche, assimilierte Familie«, erzählt sie, »bis irgendwann der Satz an der Schultafel fiel: ›Gib dem Juden nicht den Schwamm!‹ – Ich verstand nicht, was da los war. Plötzlich verschwanden Menschen spurlos, es gab mehr und mehr Schilder an den Türen: ›Juden nicht erwünscht!‹«

Heute nun steht ihr Enkelsohn Simon, der wie seine Großmutter in Großbritannien lebt, auf der Bühne. Er spielt Cello, begleitet Anita Lasker-Wallfisch oft auf Reisen und geht seiner Karriere als Musiker und Sänger nach.

Auch in Bayern, im Foyer eines Traunsteiner Gymnasiums, wird er am Abend auftreten und ausgerechnet deutsche Lieder der Romantik singen.

Franz Schubert »Der Grund, warum ich Sänger sein wollte, waren tatsächlich die Lieder von Franz Schubert. Mit 15 habe ich mir einen Walkman aufgesetzt und bin in den Wald gegangen, um diese Lieder dort zu hören. Es hat mich so berührt, dass ich sie selbst singen wollte.« Er lernte also die deutsche Sprache, und trotz aller Befindlichkeiten habe ihm seine Großmutter oft bei den Hausaufgaben geholfen. Zum Studieren kam er nach Berlin und Leipzig – heute ist er ein gefragter Interpret und Musiker.

Zur Lesung in der Rosenheimer Schule hebt Anita Lasker-Wallfisch immer wieder den Kopf und fragt ihr junges Publikum, meist Mädchen aus der 10. und 11. Klasse: »Wissen Sie, was zur ›Reichskristallnacht‹ geschah? Nein? Dann erzähle ich es Ihnen.«

Es herrscht große, konzentrierte Ruhe im Saal, vier Generationen sitzen sich gegenüber und begegnen einander mit Gedanken, mit Neugier, Fragen, bauen vielleicht auch Vorurteile ab.
»Wissen Sie, die letzte Frage sollte immer sein: Bist du ein Mensch? Das ist es, was mich heute interessiert.«

Noch immer habe sie Kontakt mit einer Polin aus dem ehemaligen Orchester in Auschwitz, auch wenn sie kein Polnisch spricht, erzählt Anita Lasker-Wallfisch den Schülerinnen. Man kommuniziere einfach. »Wir versuchen es. Das ist es auch, was ich Ihnen rate: Sprechen Sie miteinander! Bauen Sie Brücken! Warum bin ich wieder in Deutschland? Ich habe die Deutschen gehasst. Hass ist nichts als ein Gift. Man vergiftet sich selbst.«

Neben Anita Lasker-Wallfisch sitzt Niklas Frank auf dem Podium, der Sohn des berühmt-berüchtigten Generalgouverneurs in Polen, Hans Frank. Beide hatten sich vor wenigen Monaten in London bei einer Lesung kennengelernt und eine sehr ungewöhnliche Freundschaft begonnen. Beide verbindet – wenn auch aus völlig konträrer Perspektive – die Aufarbeitung der NS-Diktatur und des Holocaust.

zeugen In Rosenheim sitzen sie zum ersten Mal gemeinsam auf einem Podium – als sehr unterschiedliche Zeitzeugen. Niklas Frank hat seine Biografie aufgearbeitet und spart nicht an klaren Worten: »›Wo immer wir Juden finden, müssen wir sie vernichten!‹, sagte mein Vater. Er nannte die Juden auch gern ›Plattfußindianer‹, die von einer solchen Grauenhaftigkeit sind, dass ich mich als Kind wunderte, warum die Welt nicht ihren Betrieb längst eingestellt hatte. Mein Vater war Hans Frank. Im Jahr 1900 geboren, altkatholisch aufgewachsen in München und Lenggries.« Als Jurist wurde Frank später der private Anwalt von Hitler und nach dessen Machtübernahme bayerischer Justizmister. »Die erste Gesetzesvorlage, die er einbrachte, war, dass man die jüdischen Anwälte aus ihren Ämtern entfernen sollte«, erzählt der Sohn.

Niklas Frank schildert sein Leben als verwöhntes Kind auf dem Krakauer Wawel, die Angst der Angestellten seines Vaters grotesk ausnutzend. Er erzählt vom gierigen Konsum seiner Mutter und jenem Tag, als er seinen Vater im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum letzten Mal sah. »Was Frau Lasker-Wallfisch und so viele Juden erlebt haben, dafür war mein Vater an führender Stelle mitverantwortlich.«

eklat
Die beeindruckende Diskussion der Zeitzeugen an diesem Abend wäre fast gescheitert. Am Abend zuvor war es beim gemeinsamen Essen der Organisatoren mit den Gästen zu einem Eklat gekommen. Man saß gemütlich in einem Rosenheimer Restaurant, sprach auch über den Rechtsruck, die AfD im Bundestag, schließlich über den Holocaust und Auschwitz. Aus dem Nebenraum kam erzürnt und erregt ein Mann mittleren Alters auf den Tisch zu, um der Gruppe um Lasker-Wallfisch und Frank wiederholt nahezulegen, sie mögen doch bitte an diesem Ort nicht über solche Themen sprechen.

»Wir waren alle schockiert«, sagt später die Lehrerin Claudia Thieltges. Nachdem man den zornigen Unbekannten aufgeklärt hatte, wer da am Tisch sitze, folgte erneut eine Tirade. Noch am nächsten Tag ringt Simon Wallfisch um Fassung: »Ich habe meine Großmutter sehr oft begleitet, und ich habe nur positive, wunderbare Menschen getroffen in Deutschland und Österreich. Zum ersten Mal hat nun jemand so etwas zu meiner Großmutter gesagt.«

Claudia Thieltges thematisiert diesen Vorfall am nächsten Morgen sehr offen und couragiert vor dem versammelten Schulpublikum: »Die Leute haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass man so etwas öffentlich sagen kann. Ich will mich nicht daran gewöhnen, auch nicht, dass man Menschen beschimpft. Und ich will mich nicht an gestern gewöhnen.«

Türkei Und sie fügt hinzu: »Über 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust leiden Tausende Menschen – in Deutschland, aber auch in den USA, in Polen, der Türkei und so weiter – offensichtlich an Gedächtnisschwund. Und erst gestern Abend haben wir das wieder erleben müssen. Das hat uns so schockiert.«

Anita Lasker-Wallfisch wird in wenigen Tagen vor dem Deutschen Bundestag sprechen – zur diesjährigen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus, die am 31. Januar stattfindet.
In Rosenheim beendet sie das Treffen mit den jungen Menschen mit folgenden Worten: »Rassismus ist ja leider nicht ausgestorben, aber als Mitglieder der Menschenrasse sind wir alle füreinander verantwortlich. Niemand ist mit einem Etikett auf die Welt gekommen, auf dem ›Übermensch‹ oder ›Untermensch‹ steht. Diese Etiketten haben wir erfunden. Ich danke Ihnen.«

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 17.05.2018

Ausgabe Nr. 20
vom 17.05.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Frühling
Berlin
20°C
heiter
Frankfurt
19°C
wolkig
Tel Aviv
26°C
heiter
New York
28°C
regenschauer
Zitat der Woche
»Grass hatte recht«
Jakob Augstein begründet auf Spiegel Online, warum »es möglicherweise
eine gute Idee ist«, wenn der Iran über die Atombombe verfügte.