Düsseldorf

Medizin und Moral

Der vierte Kongress jüdischer Ärzte beschäftigte sich mit ethischen Fragen im digitalen Zeitalter

23.11.2017 – von Heinz-Peter KatlewskiHeinz-Peter Katlewski

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Stehender Applaus wurde Salman Zarka am vergangenen Wochenende zuteil, anlässlich des vierten »Internationalen Kongresses des Bundesverbandes Jüdischer Mediziner« (BVJM) in Düsseldorf. Mehr als 160 jüdische Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland, Israel, den Vereinigten Staaten und dem europäischen Ausland erhoben sich für den Ärztlichen Direktor des Ziv Medical Centers in Safed.

Zarka, Druse und ein ehemaliger ranghoher Sanitätsoffizier der israelischen Armee, berichtete, wie er und sein Team mit ihrem Zentrum unweit der Golanhöhen seit 2013 Kranke und Verletzte des syrischen Bürgerkriegs behandeln, die über die Grenze nach Israel gebracht werden. »Freunde und Feinde des Staates Israel werden bei uns selbstverständlich medizinisch gleich betreut«, betonte Zarka.

Das entspreche auch dem Eid, auf den Soldaten des IDF-Medizinkorps eingeschworen seien, erläuterte deren stellvertretender Kommandeur, Oberst Hagay Frenkel. Viele Syrer haben von klein auf eingetrichtert bekommen, dass jeder Israeli und jeder Jude böse sei, so Frenkel weiter. »Durch den ersten Kontakt mit Israelis lernen sie, dass die Realität eine ganz andere ist.«

totes meer Der Vorsitzende des BVJM, der Düsseldorfer Radiologe Rotem Lanzman, hatte für diese Konferenz den israelischen Ärzteverband IMA (Israeli Medical Association) mit ins Boot geholt. Unter dem Tagungstitel »Jewish Tradition and Israeli High Tech« konnte auf diese Weise eine Vielfalt von Aspekten in das Programm aufgenommen werden, in denen sowohl Ideen und Modelle neuer medizinischer Effektivität auf der Basis des technischen Fortschritts diskutiert wurden als auch die ethischen Herausforderungen, die damit verbunden sind.

Das Spektrum reichte beispielsweise vom Erfahrungsaustausch deutscher und israelischer Dermatologen zum Thema Hautkrankheiten über neue Trends der Behandlung bis hin zur Klimatherapie am Toten Meer. Der Internist Rainer Haas aus Düsseldorf sprach über die Wanderung der Stammzellen durch den menschlichen Körper und verglich allegorisch ihren Weg mit der 40-jährigen Wanderung der Israeliten durch die Wüste.

Ein Höhepunkt der Konferenz war die Verleihung der Leopold-Casper-Medaille des BVJM an den niederländischen Radiologen Gabriel Krestin. Als Direktor eines der größten radiologischen Zentren Europas an der Universitätsklinik Rotterdam sowie in zahlreichen leitenden Funktionen von radiologischen Fachverbänden habe er die Radiologie weltweit maßgeblich geprägt.

Verantwortung »Respekt vor unseren Patienten und Respekt vor dem Leben«, das seien die Kardinaltugenden, die Mediziner zu verinnerlichen und zu leben hätten, betonte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und selbst Facharzt für Innere Medizin, in seinem Grußwort. Juden stünden in einer besonderen Verantwortung, weil sie nicht zuletzt der Halacha verpflichtet seien, so Schuster. Er erinnerte an ein Talmudzitat, in dem es heißt: »Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten. Und wer ein Menschenleben zu Unrecht auslöscht, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt zerstört.«

Dieses Gebot sei Richtschnur des Handelns jüdischer Ärzte. Es fordere sie heraus, angesichts der Digitalisierung in der Medizin und der Möglichkeiten, die Genforschung und Gentechnik eröffnen, alle ethischen Standards zu verteidigen.
An diese Überlegungen schloss Ephrat Levy-Lahad, Direktorin des Instituts für Humangenetik am Jerusalemer Universitätskrankenhaus Shaare Zedek, an. In ihrem Vortrag brachte sie medizinische Herausforderungen zur Sprache, von denen hauptsächlich Juden betroffen sind.

Exemplarisch stellte sie das Tay-Sachs-Syndrom vor, eine typische Stoffwechselstörung unter aschkenasischen Juden, die mit massiver Intelligenzminderung, fortschreitender Erblindung sowie einer Lebenserwartung von in der Regel unter drei Jahren einhergehe. Sie drohe aufzutreten, wenn beide Elternteile Träger des gleichen Gen-Defekts seien. Der könne auf das Kind übertragen werden, auch wenn die Eltern selbst gesund seien. Durch vorsorgliche genetische Tests sei die Krankheit heute weitgehend zurückgedrängt worden. Genetisch übertragbare Krankheiten gebe es aber auch unter Juden anderer regionaler Herkunft, beispielsweise unter sefardischen Juden.

Am letzten Tag der Konferenz standen neue medizinisch-therapeutische Ideen sowie digitale und technische Innovationen auf dem Programm, die in Israel entwickelt wurden. Janina Lax, Ex-Düsseldorferin und heute Managerin bei Google Cloud in Israel, präsentierte verschiedene Google Start-ups, die den Anspruch erheben, zu relativ geringen Kosten ärztliche Diagnosen erheblich zu erleichtern und sogar zu beschleunigen. Weitere Start-ups aus Israel zeigten innovative Anwendungen für Notfallbehandlungen, digitale Messgeräte, alternative Akne-Behandlung mit kaltem Plasma und ein datenbasiertes Analyse-Werkzeug zur verlässlicheren Bekämpfung von Depressionen.

Computer Die Veränderungen durch die digitale Revolution kämen immer schneller, stellte Leonid Eidelman in der abschließenden Podiumsdiskussion zur Zukunft der Medizin fest. Eidelman, Präsident der Israelischen Medizinervereinigung und des Weltärztebundes, beklagte, dass immer mehr Menschen den sozialen Medien mehr als ihren Ärzten vertrauten. »Wir werden überwältigt von den Computern«, erklärte Eidelman.

Angesichts dessen warnte Frank Ulrich Montgomery, Präsident der deutschen Bundesärztekammer, vor blindem Vertrauen in die Digitalisierung. In der jungen Ärzte-Generation, gestand Montgomery ein, sei ein reflektierter Umgang mit Computern und Datennetzen nicht mehr so stark ausgeprägt wie in der vorangegangenen Generation.

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