Kitsch

Wenn Micky Chanukka feiert

Wie ich meine Freude an Schönheiten und Absurditäten zum Lichterfest entdeckte

27.12.2016 – von Juna GrossmannJuna Grossmann

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Vor einer Woche hat der Winter offiziell begonnen. Auch in diesem Jahr kreisten rund um den 21. Dezember im Büro die Hauptthemen darum, wer was zu Weihnachten verschenkt, ob schon alles gekauft wurde und was es zu essen geben würde.

Mich trieb anderes um: Woher bekomme ich dieses Jahr noch Chanukkakerzen, die einigermaßen ansehnlich und bezahlbar sind? Ich war spät dran, vermutlich zu spät. Etwas wehmütig erinnerte ich mich an die USA, wo jeder Supermarkt auf jüdische Kundschaft eingerichtet ist. Sogar auf Familien, die beides feiern, war man vorbereitet: So gab es das Chanukka-Equipment gleich links vom Weihnachtskram. Ich dachte an die abendlichen Fahrten durch die Nachbarschaft mit riesigen aufgeblasenen Weihnachtsmännern oder Eisbären mit Kippa und Dreidel vor den Häusern. An den Palmen wünschte man schöne Feiertage, und die Chanukkia stand gleichberechtigt mit dem Plastikweihnachtsbaum in der Mall.

Ich träumte weiter vor mich hin, während die Kollegen ihre logistisch perfekt auf alle Verwandten abgestimmten Reisepläne ausbreiteten. Für mein ernsthaftes Kerzenproblem konnte sich offensichtlich niemand erwärmen. Ich dachte an das letzte Chanukka in Berlin – und an meine Recherche im vergangenen Jahr nach Chanukka-Dekoration, die schließlich in einem Twitter-Feed gipfelte.

Star Wars Ich wollte schon immer eine Star-Trek-Chanukkia haben – also begab ich mich auf die Suche nach Captain Kirk und seiner Crew. Auf meiner virtuellen Reise durch die Weiten der Chanukka-Dekorationen begegnete ich schließlich nicht nur Star-Wars-Prinzessin Leia beim Anzünden des Leuchters, sondern auch Chanukka-Pullovern, die jeden Weihnachtspullover an Hässlichkeit ausstechen, und Chanukkiot in Kraken-, Viren- und Tierformen aller Arten. Auch die Küche kann natürlich komplett passend zu den Feiertagen ausgestattet werden. Vielleicht doch noch das Dreidelkleid zur nächsten Purimparty?

Ich amüsierte mich und begann, die besten Entdeckungen auf Twitter zu teilen. Unter dem Hashtag Hanukkakitsch scheine seitdem nicht nur ich Freude an den Schönheiten und Absurditäten zu haben. Auch andere steuern virtuelle Fundstücke bei.

Die Vorstellung von Chanukka ändert sich, sie ist von anderen Bildern geprägt: die Chanukkia im Fenster gegenüber vom mit Hakenkreuzfahne beflaggten Kieler Rathaus, Anne Franks Tagebuch und seit einigen Jahren der staatstragende Akt des Anschaltens der Chanukkia vor dem Brandenburger Tor. Die Gesichter der Politiker dort zeigen wenig Freude, eher Trauer und Betretenheit. Vielleicht hatten sie aber auch nur vorher schon eine der trockenen Sufganiot gegessen. Chanukka aber ist doch ein Fest der Freude, wenn auch nur ein kleines.

wunder Bei Twitter passiert durch den Hashtag Hanukkakitsch inzwischen Folgendes: Es wird nachgefragt. »Warum sind neun Arme am Leuchter, es sind doch sonst immer sieben? Was wünscht man zu Chanukka? Gibt es besondere Speisen? Warum acht Tage? Was macht ihr da? Und was bedeuten die Zeichen auf den Kreiseln? Wo kann ich mehr erfahren? Wie schreibt man Chanukka richtig?«

Auch wenn man die letzte Frage nicht wirklich beantworten kann, so ist das Wunder von Chanukka vielleicht noch gar nicht vorbei, vielleicht geschieht durch die kleinen Lichter in den Fenstern und auf Displays jedes Jahr ein kleines Wunder: eine Brücke aus albernen Leuchtern und schrecklichen Pullovern in eine unbekannte Welt. Manches kann so einfach sein, besonders jetzt, in Zeiten des Lichts. Man muss es nur wollen.

Folgen Sie Juna Grossmann bei Twitter @IrgendwieJuna

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken
Jüdische Allgemeine ePaper
Die Wochenzeitung als ePaper
Cover der Jüdische Allgemeinen vom 18.10.2018

Ausgabe Nr. 42
vom 18.10.2018

Zum Angebot

Fotostrecken

70 Jahre Israel

In diesem Jahr feiert Israel seinen 70. Geburtstag. Am 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948, wurde der jüdische Staat gegründet.

5. Ijar 5708/14. Mai 1948

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
11°C
regenschauer
Frankfurt
14°C
regenschauer
Tel Aviv
33°C
wolkig
New York
7°C
wolkig
Zitat der Woche
»... dass beide in einem Drittland leben,
in diesem Fall Deutschland«
In der »taz« beschreibt der Kulturwissenschaftler
Werner Schiffauer die Besonderheit von Juden und Muslimen.