Hessen

Digitale Erinnerung

Jüdisches Leben in Darmstadt ist jetzt auf einem elektronischen Medientisch zu sehen

23.07.2015 – von Astrid LudwigAstrid Ludwig

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Moritz Neumann gibt es unumwunden zu: »Ein Medientisch? Vor ein paar Monaten habe ich überhaupt nicht gewusst, was das ist.« Jetzt gefällt ihm die digitale Neuentdeckung offensichtlich sehr. Stolz präsentiert der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt am Montag der Öffentlichkeit das neue Herzstück des kleinen Museums, das einen der großen Räume im ersten Stock des Gemeindezentrums einnimmt. Eine Art iPad im Schrankformat.

Der Medientisch enthält zwei große Touchscreens und jede Menge spielerisch aufgearbeiteter Informationen, Fotos und Animationen über Juden, ihre Biografien, die Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens in Darmstadt und der Region. Und er ist eine Hommage an die Anfang des Jahres überraschend gestorbene Künstlerin Ritula Fränkel, die mit ihrem Mann Nicholas Morris die Museumspädagogik neu konzipiert und auch den neuen Medientisch mit Inhalten gefüllt hatte.

Touchscreen Auf dem Bildschirm ist eine Kippa zu sehen, die Farbpalette eines Künstlers, ein aufgeschlagener Pass, ein Stapel Fotos oder auch der kostbar ausgestattete lederne Einband eines Buches. Wer mit dem Finger darauf tippt, erfährt, dass das Foto die jüdische Schauspielerin Lilli Palmer zeigt, die vor ihrer Vertreibung durch die Nationalsozialisten am Staatstheater in Darmstadt auf der Bühne stand.

Oder dass der expressionistische Maler Ludwig Meidner in der Stadt lebte, der Pass von Josef und Johanna Fränkel stammt, den Mitbegründern der Jüdischen Gemeinde Darmstadt nach der Schoa. Und dass das Buch die wertvolle, mit Blattgold und vielen Illustrationen versehene Darmstädter Pessach-Haggada ist, die 1430 von Israel ben Meir geschrieben wurde. Seite für Seite ist die Haggada den Besuchern nun virtuell zugänglich.

»Es macht Spaß, sich auf diesen Dialog einzulassen, auf diesen Schatz an Erfahrungen von Vergangenem«, findet Moritz Neumann. Ähnlich wie auf einem Smartphone oder Tablet können Besucher blättern, Fotos verschieben, Inhalte groß aufziehen oder verschwinden lassen. Das Konzept soll vor allem junge Besucher des Museums für Geschichte, jüdische Kultur und jüdisches Leben interessieren. Gerade kurz vor der Ferienzeit kommen viele Schulklassen in das Gemeindezentrum und das kleine Museum.

Spenden Ermöglicht wurde der Medientisch durch eine Spende der Bürgerstiftung Darmstadt und des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats, lobte die Neukonzeption des Museums und die gerade für Jugendliche interessante digitale Aufbereitung. »Es ist wichtig, dass unsere – und auch nichtjüdische – Kinder die Geschichte kennen. Ohne die Kenntnis der Vergangenheit gibt es keine Zukunft«, sagte Dainow.

Markus Hoschek, Vorsitzender der Bürgerstiftung, die vor allem Bildungsprojekte unterstützt, betonte, es sei ein Anliegen, jungen Menschen die jüdische Geschichte der Stadt näherzubringen. »Wir hoffen, dass sich viele Schulklassen mit dem neuen Medientisch befassen.«

Für die technische und gestalterische Umsetzung der Inhalte zeichnet die Mainzer Firma »media machine« verantwortlich. Ihre Mitarbeiterin Susanne Hartmann unterstrich, dass der Medientisch nicht nur etwas für junge Leute ist. »Das begeistert auch die älteren Besucher.« Fast drei Jahre habe sie gemeinsam mit dem Künstlerpaar an der Umsetzung des neuen Museumsobjekts gearbeitet. Leider habe Ritula Fränkel nun die Eröffnung nicht mehr miterleben können.

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