Apolda

Bernhard-Prager-Gasse 6

Eine thüringische Kleinstadt kämpft gegen ihr Nazi-Image und erinnert an einen jüdischen Fellgerber

12.01.2012 – von Eike KüstnerEike Küstner

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Der Bürgersteig der Bernhard-Prager-Gasse ist schmal und zwängt sich bescheiden an der viel befahrenen Durchfahrtsstraße im Zentrum der thüringischen Kleinstadt Apolda entlang. Es scheint fast unmöglich, dort stehen zu bleiben, sich in ein Gespräch zu vertiefen oder die Auslagen eines Schaufensters zu betrachten. Die Häuser und Abrisslücken am Straßenrand wirken wie eine Fortsetzung des grauen Himmels, trist und wenig einladend.

Bis 1959 trug die kleine Straße den Namen Sandgasse, dann wurde sie nach dem 1944 ermordeten Fellhändler Bernhard Prager umbenannt. Prager übernahm die Fell- und Darmhandlung von seinem Vater Salomon Anfang der 20er-Jahre. Jung verheiratet war er damals und seit 1922 Vater des Sohnes Heinz, der das einzige Kind des Ehepaares Bernhard und Gertrud Prager bleiben sollte.

Das ererbte Haus in der Sandgasse diente der Firma als Geschäftshaus, wurde 1925 durch einen Neubau ersetzt. Gewohnt hat die Familie zunächst standesgemäßer in der Bahnhofstraße. Erst in den letzten Monaten vor der Deportation beherbergte das kleine zweistöckige Haus die Familie zusammen mit der Schwiegermutter Fanny Katzenstein aus Erfurt.

Gerberei Das 1925 erbaute Haus zeigt in der Mauerleiste zwischen den beiden Geschossen noch den Verweis auf die Profession des Erbauers, hier wurden Felle gegerbt und Maschinen für das Fleischergewerbe gehandelt. Bei der Fleischer-Innung werden bis heute die Abzeichen des Sängerbundes verwahrt. In diesem Bund war auch Prager als eine von »16 sangeslustigen Fleischerseelen« Chormitglied. Wahrscheinlich bis 1935, dann verboten die nationalsozialistischen Rassegesetze dem gläubigen, aber national eingestellten, Juden die Sangesfreuden.

Sein weiteres Schicksal ist in wenigen Worten den glänzenden Stolpersteinen zu entnehmen, die auf dem schmalen Bürgersteig gegenüber dem heute vereinzelt stehenden Haus eingelassen wurden: Der Fellhändler Bernhard Prager verstarb am 26. September 1944 in Theresienstadt, seine Frau Gertrud wurde am 12. Oktober 1944 in Auschwitz vergast und Sohn Heinz schon am 15. Januar 1943 in Auschwitz mit einer Phenolspritze durch den SS-Oberscharführer Josef Klehr ermordet.

Patriot Das Eiserne Kreuz des Weltkriegsveteranen und seine Kopfverletzung haben Bernhard Prager nicht vor Verfolgung, Entrechtung und Ermordung bewahrt, obwohl er zunächst diese Hoffnung für sein Leben hatte. Auch die Daten von Gertruds Mutter Fanny Katzenstein lassen sich auf einem Stolperstein ablesen. Sie starb am 16. Dezember 1942 in Theresienstadt, 83-jährig.

Apolda war kein jüdisches Zentrum: Erst seit 1850 gabe es hier jüdisches Leben. Es lebten immer nur wenige Juden in der unweit von Jena und Weimar gelegenen Kleinstadt. Eine eigene Synagoge hatte die Israelitische Kultusgemeinde Apolda nie. Zu den Hohen Feiertagen fuhren die gläubigen Juden nach Erfurt, auch die Bestattungen führten sie dorthin, da Apolda keinen jüdischen Friedhof besaß.

Wer heute durch die Stadt schlendert, wird auf zwei Kaufhäuser stoßen, die verlassen von besseren Zeiten der Kleinstadt künden. Sie war auf ihre Glockengießer- und Textiltradition sowie ihren Automobilbau und den hier gezüchteten Dobermann stolz. Das wunderbare Jugendstilkaufhaus, das noch die verschnörkelten Initialen des jüdischen Erbauers Louis Würtenberg aus Erfurt über dem Eingang trägt, erzählt von den Zeiten, als Apolda noch ein wirtschaftlich prosperierender Ort war. Auch das Kaufhaus Kaskade in der Nähe, dessen Schaufenster heute mit Werbung für Billigprodukte vollgekleistert sind, war eine jüdische Gründung.

Aufruf Die Inschrift auf dem Pragerhaus ist derzeit von einem Schriftbanner verdeckt, das stärker ins Auge fällt als die vier Stolpersteine: »An die Verfolgten erinnern. Widerstand leben. Demokratie leben!« Das Banner strahlt weiß von der vergrauten Wand und zeigt die Träume und Pläne für das Haus. An dem kleinen zweistöckigen Gebäude verweist seit 1988 eine Gedenktafel auf das Schicksal seines Erbauers, seit 2009 ist es im Besitz eines gemeinnützigen Vereins, der den Namen Pragers trägt.

Das unscheinbare Haus wurde mit dem Kauf zum Gedenkort für die Opfer von Verfolgung und Gewalt. Und zu einem Ort, der nicht nur dem Erinnern vorbehalten sein soll, sondern eine aktive Rolle spielen möchte in der politischen Willensbekundung für die Erziehung gegen rechte Tendenzen, zu Toleranz und einem solidarischen Miteinander.

Ein Ort, der heute nötiger denn je erscheint. Die mit Thüringen verbundenen Nachrichten rechtsterroristischer Gewalt in den überregionalen Schlagzeilen stehen dafür sowie die hier vor Ort erfahrenen Schmähungen: Im vergangenen Herbst lag zweimal vor dem Haus ein Schweinekopf, eine unglaubliche Verhöhnung der Opfer.

Der 2007 gegründete Verein »Prager-Haus« vereint rund vier Dutzend Mitglieder, die teilweise schon lange an diesem Thema gearbeitet haben. Der Geschäftsführer des Vereins, Peter Franz, kann auf volle Archive verweisen, die sich bei ihm und in den privaten Räumen der anderen Aktiven befinden.

Archiv Schüler und Interessierte sollen sie demnächst zur Geschichts- und Extremismusforschung nutzen können. Dort, wo sich in einem kleinen Schuppen im Hinterhof einst die Gerberei befand, soll sich bald ein Archivneubau an der Brandmauer zum benachbarten Grundstück erheben. Die Aktenmeter sind zu einem großen Teil schon vorhanden, doch trennen den Verein noch viele Tausend Euro und Bauanträge von den Bauplänen.

Erfurts Erinnerungsort »Topf und Söhne« ist hingegen schon einige Schritte weiter. Neben der ständigen Ausstellung zur Verstrickung der Ofenbau-Firma (sie konzipierte und baute die Verbrennungsöfen für Konzentrationslager) mit dem nationalsozialistischen System wird hier seit ein paar Wochen eine Exposition zur Arisierung in Thüringen dargeboten.

Mit unterschiedlichen Schwerpunkten war diese Wanderausstellung schon an verschiedenen Orten, auch in Apolda, präsentiert worden. Ein Chanukkaleuchter, ein von der »dankbaren Gemeinde« gestifteter Pokal sowie die Kriegsauszeichnungen Bernhard Pragers sind für einige Wochen in der Vitrine in Erfurt zu sehen, darunter das Eiserne Kreuz. Irgendwann sollen sie ihren festen Ort in seinem ehemaligen Geschäftshaus in Apolda finden.

toleranz Die Stadt ist zwiegespalten. Naziaufmarsch und der Guss einer Glocke der Toleranz finden fast parallel statt. Eine Geste, die die Tradition eines Ortes, in dem viele Glockengießer wirkten, und die Freude über die Teilnahme an einem Bundesprogramm »Toleranz fördern – Kompetenz stärken« vereint. Noch befindet sich das Programm in der Entwicklungsphase und werden Ideen gesucht. Doch eines zeigt sich dem Besucher schon sehr deutlich: Hier gibt es einen Ort, der den historischen und den aktuellen Antisemitismus zu- gleich verkörpert.

Irgendwann – so möchte man gern träumen – ist das Haus des jüdischen Händlers und Sangesbruders wieder ein Anlaufpunkt. Und die wenigen Gegenstände aus Pragers Leben finden dann einen Platz zurück in das einstige Alltagsleben: der Chanukkaleuchter, die Auszeichnungen, eine Familienfotografie. Sie künden nur einen Bruchteil von einem ausgelöschten Leben, aber sie waren den Besitzern so wichtig, dass sie diese vor der Deportation an Freunde zur Aufbewahrung gaben.

Der Apoldaer Peter Franz berichtet, dass seine Großeltern, »echte Apoldsche«, wie er betont, von den Notzeiten erzählten. Damals habe Bernhard Prager den bedürftigen Nachbarn Milch gespendet. Er sei in Apolda beliebt gewesen, der Sangesbruder aus der Fleischer-Innung.

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