Wiesbaden

Zusammen sind es hundert Jahre

von Fabian Wallmeier

Filmaufnahmen in Schwarz‐Weiß zeigen die Wiesbadener Synagoge an der Friedrichstraße. Es ist der 11. September 1966, der Tag der Einweihung. Tora‐Rollen werden hineingetragen, dabei sind der hessische Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld, Ministerpräsident Georg August Zinn, Wiesbadens Oberbürgermeister Georg Buch. Die Gemeindemitglieder schauen ernst, manche lächeln, andere haben feuchte Augen.
Die Ansprachen der Redner von damals, die an diesem Sonntag über die Leinwand im Clubraum der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden flimmern, sind kaum zu verstehen. Sie gehen unter im Stimmengewirr des Empfangs nach dem Festakt. Es gibt gleich zwei Anlässe zu feiern: den 40. Jahrestag des Synagogenbaus und das 60. Jubiläum der Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde nach der Schoa.
„Wenn man ein Haus baut, will man bleiben“, zitiert Vorstandsmitglied Jacob Gutmark den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn. Das Haus sei eine Metapher für Schutz und Geborgenheit „vor allem für die Seele“. Nicht zuletzt die menschliche Wärme und der Zusammenhalt unter den Gemeindemitgliedern habe vor 40 Jahren den Wiederaufbau des „Hauses der Versammlung, des Gebets und des Studiums“ ermöglicht. Der Weg dorthin sei zum Teil mühsam gewesen.
Schon im Jahr 1897 entstand an der Friedrichstraße 33 eine Synagoge – mitten in Wiesbaden. Die Altisraelische Kultusgemeinde hatte sich 20 Jahre zuvor von der Gemeinde abgespalten und zusätzlich zur 1869 eingeweihten prächtigen Synagoge am Michelsberg ein zweites jüdisches Gebetshaus erbaut. Die Synagoge am Michelsberg wurde im Novemberpogrom 1938 völlig zerstört, und auch die Synagoge in der Friedrichstraße wurde schwer beschädigt. Nach der Schoa versammelten sich die wenigen Juden, die nach Wiesbaden zurückgekehrt oder sich dort neu angesiedelt hatten, in den Überresten der Synagoge an der Friedrichstraße und gründeten im Dezember 1946 eine neue jüdische Gemeinde. „Das Ziel der Juden, die damals in Deutschland strandeten, war die Auswanderung“, sagt Moritz Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Man habe auch in Wiesbaden auf Koffern gelebt und nur so lange einen Platz für die Religion gebraucht, bis man den „Umsteigebahnhof“ wieder verlassen konnte. In den 60er Jahren reichte die baufällige Synagoge jedoch nicht mehr aus. Zudem lebten viele Juden „nur noch auf halb gepackten Koffern“, erinnerte sich Samuel Mandelbaum, damals Vorstandsmitglied. Es begannen intensive Diskussionen. Mandelbaum erzählt, daß viele Gemeindemitglieder sich fragten, ob das Symbol für die Unzerstörbarkeit des jüdischen Glaubens abgerissen werden dürfe. Doch schließlich entschied sich die Mehrheit für einen Neubau – an derselben Stelle, an der die alte Synagoge stand.
Seither hat sich in der Gemeinde vieles verändert. Die Koffer sind endgültig ausgepackt. In den vergangenen 15 Jahren ist die Gemeinde stetig gewachsen. Aus der ehemaligen Sowjetunion kamen viele jüdische Zuwanderer. Dieses Mal sind es nicht Menschen auf der Durchreise, sondern Juden, „die ganz bewußt in dieses Deutschland einwandern wollen“, betont Neumann.
Salomon Korn erinnert in seiner Festansprache an die Bedeutung des Wortes Synagoge: „Sie ist ein Haus des Lernens“. In einer solchen Judenschule herrsche Lebendigkeit. „Jeder Jude steht direkt in Verbindung zu Gott, es gibt keine Hierarchien. Im Inneren wünsche ich mir, daß dieses Haus eine Judenschule im besten Sinne bleibt“, sagt Korn.
Wenn Geburtstag gefeiert wird, bekommt in der Regel das Geburtstagskind Geschenke. Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden dreht den Spieß um. Vorstand Jacob Gutmark überreicht der Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels eine Schenkungsurkunde über 40 Bäume. Sie sollen künftig in der „Allee der Gerechten“ der Jerusalemer Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem an das gute Verhältnis der Wiesbadener Juden zu ihrer Stadt erinnern.

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