Leo Baeck Institut

Zurück zu den Wurzeln

von Hannes Stein

»Sie wollen also, dass das Leo Baeck Institut in New York seine Schätze zusammenpackt und nach Deutschland umzieht?«, fragt der ungläubige Reporter. Die Direktorin des Leo Baeck Instituts (LBI), Carol Kahn Strauss, ist eine kleine und sehr zierliche Frau, aber wenn sie etwas für Nonsens hält, dann füllt ihre Stimme den ganzen Raum. »Unsinn, Quatsch!«, sagt sie. Darum gehe es doch nun wirklich nicht.
Um was geht es dann? »Das meiste, was wir hier in unserem Archiv gelagert haben, ist auf Deutsch«, erklärt Carol Kahn Strauss. Das könne in New York kaum ein Mensch lesen. In Deutschland dagegen habe man jetzt – drei Generationen nach dem nationalsozialistischen Völkermord – endgültig kapiert, dass das Erbe der deutschen Juden deutsches Kulturerbe ist. Und so wächst dort das Interesse, sich mit den Beständen des LBI zu befassen. »90 Prozent von dem, was hier liegt, hat nichts mit Juden und Judentum zu tun«, so Kahn Strauss. »Es stammt halt nur von Leuten, die nach den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis als Juden galten.« Man sei gerade dabei, die Papiere im Archiv zu fotografieren und auf Mikrofiche zu übertragen. Wenigstens zum Teil sollen diese Schriften im Internet zugänglich gemacht werden. Auch in Deutschland wird man dann anhand dieses Materials forschen können. Und das heißt natürlich, dass man es vor allem dort tun wird.
Kommt hinzu, dass es schon lange eine gute Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum in Berlin gibt. Nein, das Leo Baeck Institut in New York wird nicht mit Sack und Pack umziehen. Aber es verlagert sein Gewicht; es streckt eines seiner Beine aus und sucht Halt auf der anderen Seite des Atlantik.
Carol Kahn Strauss ist sich in diesem Zusammenhang nicht zu vornehm, um über Geld zu sprechen. »Wie jede andere amerikanische Kulturinstitution sind wir auf Sponsoren angewiesen«, sagt sie. Früher kein Problem: Die deutschen Juden, die nach Amerika vertrieben worden waren, waren im Großen und Ganzen erfolgreich. Sie konnten es sich also leisten, gegenüber dem Leo Baeck Institut großzügig zu sein. Aber die alte Generation stirbt aus, in zehn Jahren werden kaum noch Überlebende da sein. Woher sollen die paar Millionen im Jahr dann kommen, die man braucht, um den Laden am Laufen zu halten? »Uns wird gar nichts anderes übrig bleiben, als deutsche Firmen um Geld anzugehen«, meint Kahn Strauss. Das heißt: Man wird in Deutschland ein Büro eröffnen müssen – vielleicht in Berlin, vielleicht aber auch in Frankfurt oder Hamburg.
Mit erstaunlicher Offenherzigkeit spricht Kahn Strauss darüber, dass ihr Plan, sich Deutschland zuzuwenden, innerhalb der eigenen Organisation auf Widerstände trifft. Der Aufsichtsrat ist noch gar nicht überzeugt, dann sind da die Zweigstellen des LBI in London und Jerusalem. »Manche von denen sind gar nicht nett«, sagt Carol Kahn Strauss und grinst, »vor allem nicht zu einer kleinen Dame aus New York ohne Doktortitel.« Die deutsche Seite dagegen sei euphorisch. Beides, die Skepsis wie die Euphorie, hat denselben Grund: Wenn das Leo Baeck Institut ein deutsches Standbein bekäme, wäre dies ein machtvolles Symbol der Verzeihung. Ist diese Symbolik gewollt?
Später führt Frank Mecklenburg, der Chefarchivar, den ungläubigen Reporter ein bisschen herum. Das LBI liegt in einem hübschen Ziegelbau, einen Steinwurf von der noblen Fifth Avenue entfernt; der Union Square liegt gleich um die Ecke. Das Institut teilt sich das Gebäude mit der Vereinigung der sefardischen Juden Amerikas und »YIVO«, dem »Jiddischen wissenschaftlichen Institut«. Im Archiv tonnenschwere eiserne Schränke, die nur mithilfe von Drehrädern an der Seite in Schienen bewegt werden können. Auf einem Regal an der Seite stehen ein Dutzend Bände der originalen Insel-Bibliothek; darüber ein Dutzend Bände der Schocken-Bibliothek aus der Nazizeit. Vor dem Archiv stolpert der Reporter beinahe über vier Holzstatuen in einem schmalen Korridor: Büsten, die Aby Warburgs Töchter als Kinder und als junge Frauen zeigen. Den prachtvollen Lesesaal teilten sich das LBI, YIVO und die Vereinigung der sefardischen Juden. Gleich nebenan kann man seinen Familienstammbaum erforschen. Es ist völlig egal, wer das hier in 30 Jahren finanziert, denkt der ungläubige Reporter, es soll nur bitte weitergehen. Vielleicht könnte ja die eine oder andere deutsche Firma, die jetzt Geschäfte mit dem Iran tätigt, ihr Geld stattdessen auf sinnvolle Weise anlegen.

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