Jüdischsein

Zeigt euch!

von Rabbiner Avichai Apel

Während des Jahres tragen nicht viele von uns ihr jüdisches Leben nach außen. Die Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur sind bestens dazu geeignet, unseren Platz als Juden in der deutschen Gesellschaft zu prüfen. Normalerweise sind wir mit der Frage beschäftigt, welche Synagoge wir diesmal besuchen sollen und mit wem wir am Feiertag am gleichen Tisch essen sollen. Dieses Jahr kommt eine weitere Frage hinzu: Könnte alles auch gefährlich sein?! Ein gewalttätiger Mann hat durch den Angriff auf Rabbiner Zalman Gurevitch alle 120.000 in Deutschland lebenden Juden vor die Frage gestellt: Können wir uns in der Öffentlichkeit als Juden zeigen und frei bewegen oder müssen wir unser Jüdischsein im Herzen und im Haus bewahren? Können wir uns in der Öffentlichkeit nur im Schutz der gesicherten jüdischen Gemeinde aufhalten?
Einige fordern, die äußeren Merkmale des Jüdischseins zu verheimlichen, das heißt, keine Kette mit Davidstern und keine Kippa mehr zu tragen, keine Mesusa am Türpfosten zu Hause anzubringen und keinesfalls Zizit zu zeigen. Die Frage, ob man auf äußere Merkmale verzichten kann, liegt in der Bedeutung dieser Zeichen. Dienen sie dazu, mich von der Gesellschaft zu unterscheiden und dazu, dass alle mich als Jude und in meinem Anderssein erkennen? Oder soll dieses Zeichen vielmehr meine Persönlichkeit ausdrücken, genauso wie andere Menschen ihre Persönlichkeit durch Haarschnitt, Schmuck, Aufschrift auf dem T-Shirt oder Kopftuch zeigen? Jüdische Merkmale sollen sicher auch zeigen, was im Inneren unserer Seele steckt. Die Gemeinde und die Synagoge sind das Zentrum unseres jüdischen Lebens. Die Kippa zeigt, dass wir unter dem Schutz Gottes stehen, und der Davidstern erinnert an unser Jüdischsein. Das Entreißen eines dieser Merkmale bedeutet, uns einen Teil unserer Seele wegzunehmen.
Die Auffassung, dass man Jude auch ohne Kippa und Davidstern sein kann, ist sehr gefährlich. Das Verbergen der jüdischen Merkmale ist nur der Anfang des Verheimlichens des gesamten Judentums. Es hat schreckliche Folgen, wenn wir uns noch stärker verstecken. Viele der heute geborenen Kinder werden nicht beschnitten, aus Angst der Eltern, die Beschneidung könnte der Zukunft der Kinder in der nichtjüdischen Gesellschaft schaden. Selbst die jüdischen Namen werden an das nichtjüdische Umfeld angepasst, um sich etwas wohler unter den Mitmenschen zu fühlen. Man stelle sich vor, die Synagogen, die sich heute im Zentrum der Städte befinden, müssten versteckt werden oder an den Stadtrand umziehen, damit unsere Existenz nicht bemerkt wird!
Der Versuch, den ein Mensch oder ein Volk unternimmt, sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen, führt dazu, seine Besonderheiten auszulöschen und seine Identität zu verlieren. Jene Gruppen, die sich durch den Anblick von Kippa und Davidstern belästigt fühlen, werden sich freuen, unsere Synagogen zu zerstören.
Wenn wir wirklich wollen, dass die nächste Generation auch mit dem Judentum und seiner reichen Kultur und Tradition aufwachsen kann, dann müssen wir die Darstellung des »Ich bin jüdisch« fördern. Jeder kann dies auf seinem Niveau tun. Der eine benötigt Mut, bei seinem Arbeitgeber Urlaub zu beantragen, weil sein Volk gerade das Neujahrsfest feiert. Der andere muss ermuntert werden, sich mit Kippa oder Davidstern in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Es müssen zwei Dinge angestrebt werden: Einerseits müssen wir unsere Gemeindemitglieder in ihrer jüdischen Identität stärken, sodass niemand unter uns sich zu schämen braucht, jüdisch zu sein. Jeder soll wissen und verstehen, dass er sein Jüdischsein auch hierzulande verwirklichen kann. Judentum ist ein Lebensweg, der uns in unserem Alltag begleitet: »Und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst« (5. Buch Moses 6,7). Andererseits muss die deutsche Gesellschaft ihre Mitglieder dazu erziehen, uns als Teil der Allgemeinheit zu akzeptieren. Nur durch große Aktivität können Terrorismus und Antisemitismus bekämpft werden.
In den Gebeten zu Rosch Haschana und Jom Kippur rechnen wir ab und rufen: »Und soll die Bösartigkeit wie Rauch verschwinden und die böse Regierung aus der Welt vertrieben werden«. Wir müssen die Stimmung in der Welt ändern. Der Zwang des einfachen Juden, sich zu verstecken, muss unterbunden werden. Schana Towa, G’mar Chatima Towa und gute Besserung für Rabbiner Gurevitch!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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