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Wieder in Mode

Einst muss die Allenby gestrahlt haben. Mit den weißen Bauhaus-Gebäuden, gediegenen Geschäften rechts und links der Straße. Die Menschen winkten von den Balkonen, man flanierte auf und ab im besten Zwirn, die Herren im Sakko, die Damen mit Hut. Am Abend ging man ins »Mugrabi«, dem legendären Lichtspielhaus an der Ecke. Das Kino gibt es nicht mehr, und auch der Glanz der Allenbystraße in Tel Aviv ist längst verblasst. Heute bestimmen billige Fuselläden und Nachtclubs das Bild. Im Haus Nummer 33 aber ist der Chic der 20er-Jahre wieder eingezogen.
»Meine Freunde haben gesagt, ich sei komplett verrückt geworden, als ich ihnen sagte, ich eröffne einen Laden auf der Al-
lenby«, erinnert sich Avi Ben-Nissan, macht eine kapriziöse Handbewegung und lacht herzhaft, als wolle er damit alle Bedenken wegwischen. »Ehrlich gesagt, es ist eine wirklich miese Gegend hier. Aber wir möchten sie verbessern. Wir wollen, dass es wieder schön wird, der Glanz zurück-kehrt.«
»Wir«, das sind Ben-Nissan und seine Geschäftspartnerin Tahel Erez, die vor ei-
nem Monat das »Mugrabi« eröffnet haben. Es ist eine Mischung aus Café und Secondhandladen am nördlichen Ende der Straße unweit des Ortes, wo einst das Kino ge-
standen hat, das als Namensgeber fungierte. Das Kino musste 1995 einem gesichtslosen Parkplatz weichen, noch heute jedoch ist es im Gedächtnis der Tel Aviver fest verankert. Das Geschäft selbst ist ein charmantes Tohuwabohu aus kleinen Schätzchen und großen Schätzen: Hier ein Akkordeon, das nur darauf wartet, dass jemand wieder Töne aus ihm hervorzaubert, dort eine Hutschachtel, die viele Geschichten erzählen könnte, und da ein Necessaire, das sicher einmal zu den entlegensten Winkeln der Erde mitgenommen wurde. »Die Sachen stammen aus der ganzen Welt, wir finden sie auf Reisen oder lassen sie mitbringen«, erklärt Avi stolz und zeigt auf das, was sie bereits zusammengetragen haben.
Obwohl das meiste im »Mugrabi« mindestens ein paar Jahre auf dem Buckel hat, ist das Ambiente alles andere als staubig. Die Klimaanlage verströmt angenehm kühle Luft, aus den Lautsprechern plätschert sanfte Jazzmusik, es ist sauber und aufgeräumt. Die Wände sind von einem Tel Aviver Künstler, einem Freund Ben-Nissans, mit grafischen Mustern und Fantasiefiguren im Stil der 20er- und 30er-Jahre dekoriert. Im hinteren Teil des Ladens ist das Café mit einem Hinterhofgarten, in dem die Atmosphäre an Berlin oder Amsterdam erinnert. »Die Menschen sollen stöbern, entspannen, ein Buch lesen, sich wie zu Hause fühlen und vielleicht die Tasse kaufen, aus der sie ihren Kaffee getrunken ha-
ben, weil sie sie so hübsch finden. Das ist das Ziel unseres Ladens«, so der Eigentümer über sein Konzept. »Wir wollen einfach eine nette, anziehende Atmosphäre verbreiten.«
Über die eindrucksvolle Wendeltreppe, der Hingucker mitten im Geschäft, geht es in die obere Etage zur Kleidung. Auch hier ist alles Secondhand – jedoch ohne Muff und Mottenkugeln. Die Hosen, Röcke, Kleider und Blusen für Männer, Frauen und Kinder hängen frisch gereinigt auf Ständern oder lagern fein säuberlich zusam-
mengelegt in Regalen und sind mit Preisschildern samt »Mugrabi-Logo« ausge-
zeichnet. Zwei Umkleidekabinen, große Spiegel und Dekorationen aus Koffern, Hü-
ten und Tüchern verströmen einen Mix aus Ankleidezimmer der 20er-Jahre und Varieté. Noa Goren dreht sich vor einem der Spiegel. Die rothaarige Kundin hat sich einen hautengen grauen Rock ausgesucht. Warum sie hier kauft? »Ich möchte nicht aussehen wie alle anderen. Man kann wirklich tolle Stücke finden, die sonst niemand hat. Außerdem stimmt meist der Preis.« Auf dem Schild für den Rock stehen 45 Schekel, etwa 8 Euro. »Da kann man doch nicht meckern«, freut sich Noa.
Das »Mugrabi« ist nicht das erste Projekt der beiden Geschäftspartner. Gemeinsam mit Erez hat Ben-Nissan bereits auf der Nachalat-Benjamin-Straße seinen Charme versprüht. Als es dort lediglich Stoffläden und einige schmierige Falafelbuden gab, machten sie mit dem spanischen Restaurant »Tahel« den Auftakt zum Gourmetspeisen auf der Straße. »Es war toll und hat gewirkt, wie man sieht, die Nacha-lat Benjamin ist ja wieder richtig zum Leben erblüht. Aber ein Restaurant ist im Endeffekt viel zu viel Stress. Ich mag es lieber ruhig.« Er sei überzeugt, dass mit seinem Laden auch auf der Allenby der Grundstein zu etwas Schönerem gelegt sei. »Zwar ist es immer ein wenig wie Pokern, doch ich will zuversichtlich sein.« Als Vergleich führt er den Meatpacking District in New York City an, der Besuchern noch vor einigen Jahren das Fürchten lehrte und heute »cooler nicht sein könnte und vor Designern und tollen Boutiquen nur so überquillt«.
Die unmittelbaren Nachbarn haben Avis und Tahels Laden schon akzeptiert, »weil er nett und sauber ist«, sind sie überzeugt. Das ist er, keine Frage. Er ist eine Oase in-
mitten der lauten Hektik von Tel Aviv. Es lohnt sich, im »Mugrabi« vorbeizuschauen, Cappuccino zu trinken und vielleicht da-
nach die roséfarbene Tasse zu kaufen, weil sie so herrlich kitschig ist.

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