Migration

Wie viel Heimat braucht der Mensch?

von Ellen Presser

Die Journalistin Elke Reichart lebt mit ihrem Mann, dem renommierten Herz-chirurgen Bruno Reichart und Sohn Daniel in einer ihnen vertrauten Welt. Ganz anders als die meisten ihrer Interviewpartner, die sie für ihr jüngstes Buch »Deutschland, gefühlte Heimat. Hier zu Hause und trotzdem fremd?« befragte. Angesichts der Tatsache, dass »Jeder vierte Jugendliche in Deutschland inzwischen einen Migrationshintergrund hat«, begab sich die investigative wie einfühlsame Journalistin auf ihre »interessanteste Recherchereise« – eine Reise durch die Gefühlswelten junger Leute.
Und dabei ging es um viel mehr als nur um jugendtypische Erfahrungen mit Adoleszenz, Berufssuche und Freizeitwünschen, sondern um Verfolgung und Flucht (die eigene oder die der Eltern bzw. Großeltern), Sprach- und Kulturtransfer, um Aufenthaltsberechtigung, Heimatlosigkeit und Integration. Wie vielfältig die (Familien)-Geschichten aus der Perspektive der jüngeren Generation aussehen, stellte Elke Reichart bei ihrer Buchvorstellung in München unter Beweis.
Auf ihrer Tour durch die Republik, die sie nach Hamburg, Köln und in den Harz und zu Biografien führte, die nach Bolivien, Ghana und Osteuropa zurückreichen, befragte Reichart zwölf junge Leute zwischen sechzehn und sechsundzwanzig Jahren.
Drei davon kamen zum gut besuchten Pressetermin, den der Deutsche Taschenbuch-Verlag im Blauen Haus der Kammerspiele organisiert hatte. Verleger Wolfgang Balk betonte: »Integration ist ein Thema, das unter den Nägeln brennt«. Auch die bayerische Justizministerin Beate Merk, die die Lösung der Integrationsfragen als Herausforderung der Innenpolitik betrachtet, kam und gab damit nicht nur ihrer Freundin Elke Reichart Schützenhilfe, sondern dem Termin und dem Buch politische Relevanz. »Was Heimat ist, kann man nicht ermessen, solange man in ihr weilt«, vertraute Noor Nzrabi der Journalistin an. »Erst nachträglich wächst ihr ihre volle Bedeutung zu«, weiß der 23-jährige, dessen Odyssee auf der Flucht vor den Taliban aus Afghanistan über Pakistan bis nach Köln im Alter von acht Jahren begann. Beim gemeinsamen Foto-Shooting mit Elena Margolis und André Kaminski wirken die drei lässig und fröhlich. Man merkt, dass sie ihrer Interviewerin vertrauen, freundschaftliche Kontakte über die Befragung hinaus geblieben sind.
Elena Margulis, frisch gebackene Abiturientin aus München, las aus ihrem geradezu poetischen Betrag vor. Das Schicksal, plötzlich Kontingentflüchtling aus der Ukraine zu sein, führte sie in die Magersucht. Dichten, ohne Beschönigung die eigene Befindlichkeit beschreiben, auf dem Parcour der Münchner Poetry-Slam-Szene bestehen, hat die Achtzehnjährige gerettet. Man merkt, dass sie in ihrer neuen deutschen Sprache ziemliche Virtuosität erreicht hat. Elke Reichart lässt ihren Gesprächspartnern Raum, fragt nach, wenn Dialogisches zum Kern führt. Der Schauspieler André Kaminski, bekannt für eher coole Fernseh-Rollen, kann auch ganz anders.
Das Überlebensschicksal seiner Großeltern und die schwierige Eingewöhnung seines Vaters, der als Kind nach Deutschland kam, stellt er ernst und differenziert dar. Er hat es, so Elke Reicharts Beobachtung, »durchdacht, diskutiert und schließlich verarbeitet: Jude in Deutschland zu sein, das ist nichts mehr, was ihn aus dem Gleichgewicht bringen könnte.«
Fazit: Elke Reicharts Reportagen »Deutschland, gefühlte Heimat« ist ein Lese-Tipp für wache Geister, Pflichtlektüre aber für Sozialkunde- und Geschichtslehrer sowie Fachleute für Einbürgerungsfragen.

Josef Schuster

Berlin

Zentralrat: Linke muss Mitglieder bei Antisemitismus ausschließen

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußert klare Erwartungen an die Linkspartei in Bezug auf den innerparteilichen Kampf gegen Judenhass

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026