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Wer bietet mehr?

Der Kunstmarkt schlägt sich tapfer durch die Finanzkrise. Für erstklassige Qualität werden nach wie vor Spitzenpreise in den Auktionssälen erzielt. Unter Geldknappheit leidende Adelshäuser, Verbände und Unternehmen erliegen da schnell der Versuchung, ihre Magazine und Archive nach Werten zu durchstöbern, die sich zu Geld machen lassen. So musste schon mancher Altmeister, der sich über Jahrhunderte im Familienbesitz befand, für die Sanierung eines Schlossdachs herhalten. Selbst in der Museumslandschaft ist die Veräußerung von Kulturgütern längst kein Tabu mehr. Die British Museum Association hält es unter bestimmten Voraussetzungen durchaus für legitim, wenn Werke, die in Magazinen verstauben, zu Geld gemacht werden.

familiensilber Doch ohne große Bauchschmerzen trennt sich selten jemand vom Familiensilber. Ethisch-moralische Aspekte liegen im Widerstreit zu pragmatischen Lösungen. Die jüdische Gemeinde in Plymouth ist in diesen Wochen Schauplatz eines solchen Kampfes zwischen Gefühl und kaufmännischem Kalkül. Diese Woche will sie sich mit Hilfe des Londoner Auktionshauses Bonhams von 23 ihrer historischen Kultgegenstände trennen – ein Schritt, der viele Kritiker auf den Plan ruft. Peter Lee, Schatzmeister der Gemeinde, rechtfertigte den Entschluss gegenüber dem Sender BBC: »Die Objekte lagern seit Jahrzehnten im Banksafe. Dort dienen sie niemandem. Sie sind totes Kapital.« Die Gemeinde habe nur noch etwa 50 zahlende Mitglieder – zu wenig, um den Betrieb der Synagoge aufrechterhalten zu können. Und nur darum geht es: Die Gemeinde hofft, mit dem Verkauf eines Teils ihrer Silberschätze mindestens einen sechsstelligen Betrag zu erlösen. Je höher die Summe ausfalle, umso länger könne die Versammlungsstätte den Mitgliedern offen stehen. Denn der Notverkauf soll vor allem den laufenden Unterhalt sichern, während die Bausubstanz bereits mit Mitteln der Denkmalschutzorganisation »English Heritage« saniert worden ist.
Die Synagoge von Plymouth hat eine lange Tradition. Sie wurde 1762 eröffnet, erbaut von Einwanderern aus Deutschland und den Niederlanden. Das kostbar ausgestattete Gebäude gilt heute als die älteste aschkenasiche Synagoge in der englischsprachigen Welt, die noch regelmäßig zum Gebet genutzt wird. Wie durch ein Wunder überstand sie den Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg, bei dem ein Großteil von Plymouth in Schutt und Asche gelegt worden war.
prunkstücke Die Erwartungen an den Verkaufserlös scheinen nicht zu hoch gegriffen. Es gebe ein weltweites Interesse an der Auktion, teilte ein Sprecher von Bonhams mit. Für Sammler dürfte das Angebot wegen seiner »Marktfrische« und hervorragenden Provenienz von größtem Interesse sein. Sie honorieren es, wenn Kunstobjekte möglichst wenige Vorbesitzer hatten.
Zu den Prunkstücken zählen ein Paar auf 1783 datierte Tora-Aufsätze (Rimonim) und ein Zeigestab (Jad). Sie werden der Werkstatt des Londoner Silberschmieds John Robins zugeschrieben und von Bonhams auf 50 bis 60.000 Pfund (rund 55 bis 66.000 Euro) geschätzt.
Sharman Kadish, Direktorin von Jewish Heritage, zeigte sich geschockt über die Vorgänge in Plymouth. »Das ist eine große Schande. Ich bin sehr traurig, davon zu hören. Diese Gegenstände sind Bestandteil der Gemeindegeschichte«, sagt sie. Die Gemeinde hätte Fördermittel beantragen können, um die Geldknappheit zu überwinden. »Wir wären ihr dabei gern behilflich gewesen.«
Doch dem widersprechen führende Gemeindevertreter. Alle anderen Wege der Geldbeschaffung seien ausgeschöpft worden, erklärten sie. Die Entscheidung, die Kostbarkeiten auf eine Auktion zu geben, ist das Ergebnis einer Abstimmung unter den Gläubigen. Sie sei auch von hochrangigen Vertretern in der jüdischen Hierarchie gut geheißen worden, erklärte die ehrenamtliche Geschäftsführerin Anne Kelly.

bedenken Jon Benjamin, der Hauptgeschäftsführer der Dachorganisation Board of Deputies of British Jews, hat denn auch keine grundsätzlichen Bedenken gegen den Verkauf der Kostbarkeiten, so lange sie mit dem gebührenden Respekt behandelt würden und der Erlös dazu diene, die Tore der Synagoge weiterhin offen halten und der Gemeinde Gottesdienste anbieten zu können. Auch dass die Kultgegenstände meistbietend auf einer Auktion offeriert werden, hält er für vertretbar, wenn es keine andere Möglichkeit gebe, einen angemessenen Preis für die Silbergegenstände zu erzielen. »Es ist traurig, wenn alte Gemeinden vor der Frage stehen, ob sie weitermachen oder schließen müssen – aber das ist nun einmal eine unvermeidliche Tatsache. Die Verwalter der Gemeinde haben die gesetzliche Pflicht, eine angemessene Summe für ihre Vermögenswerte zu erzielen. Ich bin sicher, dass sie die fraglichen Gegenstände am liebsten an jemanden verkaufen würden, der auch ihre spirituelle Bedeutung zu schätzen weiß.«
Schatzmeister Peter Lee bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel: Über viele Jahre habe die im Banksafe gelagerten Kultgegenstände niemand sehen können. Wenn Londons Jüdisches Museum oder das Victoria and Albert Museum bei der Auktion erfolgreich mitböten, könnten einige der kostbaren Stücke endlich wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden.

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