Neturei-Karta-Bewegung

Vorsicht, Feinde!

von Baruch Rabinowitz

Die Meldung macht weltweit Schlagzeilen, das Foto schafft es auf die Titelseiten der internationalen Zeitungen: Orthodoxe Juden nehmen an der »Holocaust-Konferenz« in Teheran teil, Rabbiner schütteln dem iranischen Präsidenten Machmud Ahmadinedschad die Hand. Sie umarmen den Mann, der den Staat Israel von der Weltkarte tilgen will.
Die Rabbiner, die aus New York, London und Wien nach Teheran gereist sind, gehören zur 1938 in Jerusalem gegründeten Neturei-Karta-Bewegung (aramäisch: Wächter der Stadt). Ihr Ziel ist es, den Zionismus und den Staat Israel zu beseitigen, denn »solange er existiert, wird der Messias nicht kommen«, erläutert Rabbiner Avraham Blumberg von der Satmarer Jeschiwa in Brooklyn.
Ihr Zionisten-Haß sei rein theologisch begründet, sagen die Neturei-Karta-Rabbiner. In der Tat gibt es mehrere talmudische Quellen, die die Ankunft des Messias als Bedingung eines unabhängigen jüdischen Staates sehen. Er solle ein Werk Gottes sein und nicht von Menschen errichtet.
Das predigte auch der berühmte Satmarer Rebbe, Joel Teitelbaum (1887-1979). Er setzte nie einen Fuß auf israelischen Boden und forderte von seinen Anhängern (auch von denen, die in Israel leben), auf jede Verbindung mit dem Staat zu verzichten. Sie dürfen kein Geld vom Staat annehmen, nicht in der Armee dienen und auch nicht an Wahlen teilnehmen. Die säkularen Zionisten erklärte Teitelbaum wegen ihrer Siedlungsbemühungen in Palästina für mitverantwortlich am Holocaust und am modernen Antisemitismus. »Unsere Theologie wird von den meisten toratreuen Juden vertreten«, sagt Avraham Blumberg. »Die Zionisten nutzen die Armut der orthodoxen Gemeinde aus und kaufen sie mit ihrem Geld. Jeder, der sich von den Zionisten unterstützen läßt, macht sich schuldig.«
Zwar haben Ahmadinedschad und die Neturei-Karta-Rabbiner den Antizionismus gemeinsam, doch die jüngste Konferenz in Teheran war ein Treffen von Holocaust-Leugnern. Wie können orthodoxe Juden sich daran beteiligen? Dafür hat Neturei Karta eine Erklärung, die von der Ideologie der Neonazis nicht weit entfernt ist: Die Zionisten sind an der Schoa mitschuldig. Einige Stimmen in der Bewegung meinen sogar, die Zionisten hätten die Schoa gezielt hervorgerufen, um danach den Staat Israel zu errichten. »Wir leugnen den Holocaust nicht«, sagt Mosche Arye Friedman aus Wien. »Aber«, so der Rabbiner, »wir sollten uns darauf konzentrieren, daß die Drahtzieher hinter den Kulissen sowie einige Kriegsverbrecher selbst Zionisten gewesen sind.« Auch seien die Terrorakte in Israel heute, ebenso wie die Schoa, eine Strafe Gottes. Es wird also keinen Frieden geben, solange der »zionistische Staat« existiert. Darin sind sich die Neturei Karta und Irans Präsident einig. »Die Rabbiner sehen den Zionismus als ein schreckliches Phänomen und glauben, daß die Zionisten den göttlichen Zorn hervorgerufen haben. Wir sehen, welche Tragödie der Zionismus verursacht hat«, sagte Friedman in seiner Rede in der iranischen Hauptstadt.
Auch die Palästinenser haben in dieser ultraorthodoxen Bewegung Freunde gefunden. »Juden dürfen keine Menschen verfolgen, töten oder vertreiben«, so Blumberg. Es sei klar, daß Gott den Juden das Gelobte Land weggenommen habe. Auch mit Waffen werde Israel nichts erreichen, meint der Satmarer Chassid. Deswegen solle das Land dem palästinensischen Volk zurückgegeben werden. Die Juden sollten sich mit dem Exil abfinden und die Gebote der Tora erfüllen. Dann werde sie Gott selbst aus der Diaspora in das Heilige Land holen und das messianische Reich des Friedens errichten.
Wie viele Juden der Neturei-Karta-Bewegung heute angehören, ist schwer festzustellen. Aber mehrere große chassidische Sekten wie Satmar, Toldot Aharon und Schomrei Emuna teilen mehr oder weniger ihre Ansichten, auch wenn sie den Staat Israel nicht direkt bekämpfen. »Der Zionismus ist säkular, Zionisten wollten von Anfang an den Weg der Tora zerstören und haben die orthodoxen Juden verfolgt und aus- gelacht«, sagt ein Rabbiner der Toldot-Aharon-Bewegung in Jerusalem, der namentlich nicht genannt werden möchte. Aber er findet, daß die Neturei Karta mit ihrer Teilnahme an der »Holocaust-Konferenz« einen Schritt zu weit gegangen ist. »Der Iran will nicht nur den Zionismus, sondern auch das Land Israel zerstören. Und wir leben doch in Jerusalem.«
In der moderaten orthodoxen Welt ist der Teheran-Besuch der Neturei Karta heftig kritisiert worden. Der bekannte Jerusalemer Rabbiner Sholom Dov Volpo forderte, die fünf Rabbiner gemäß dem Reli-
gionsgesetz zu bannen. »Das Volk Israel solle sich vor ihnen in Acht nehmen und sie verurteilen«, schreibt der Rabbiner in einem offenen Brief. Neben der Gotteslästerung sei dieser Akt Beihilfe zu einem Verbrechen. Er helfe dem Feind, einen weiteren Holocaust vorzubereiten.

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026