Simon-Dubnow-Institut

Von West nach Ost

von Ralf Balke

Eine Feier, drei Anlässe. Zum einen wurde das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig zehn Jahre alt, zum anderen vollendete sein Direktor, der Historiker Dan Diner, sein 60. Lebensjahr. Gute Gründe, am vergangenen Wochenende mit einer Ausstellung und einem hochkarätigen akademischen Fest-Kolloquium die Arbeit des Instituts noch einmal Revue passieren zu lassen. Nicht nur, daß die Aufgaben und Forschungsschwerpunkte der Öffentlichkeit präsentiert wurden – auch ein Blick in die Zukunft wurde geworfen. Schließlich wurde die Übergabe der kompletten Bibliothek des 1915 in Oberschlesien geborenen und 1935 nach Palästina emigrierten Sozialhistorikers und Pädagogen Jacob Toury an das Institut gefeiert. Daß eine Sammlung mitunter mehrere hundert Jahre alter Bücher von Israel zurück nach Deutschland fand, ist wohl einzigartig.
»Jüdische Geschichte ist alles andere als eine Nischengeschichte. Es gilt daher, die Lebenswelten von Juden zu erfassen und zum Ausdruck zu bringen.« Mit diesen Worten umreißt Dan Diner die Agenda des Instituts, dessen Leitung er seit 1999 innehat. »Juden waren und sind allgegenwärtig in Zeit und Raum. Sie traten immer als Pioniere der Moderne auf. Aus diesem Grund ist die jüdische Vergangenheit für andere oft eine Art Zukunftsprojekt.« Dan Diner geht es darum, die gesamteuropäische Dimension der jüdischen Geschichte und Kultur zu erkennen, herauszuarbeiten und zu würdigen. Für ihn sind die Juden das europäische Volk par excellence. In der Rekonstruktion ihrer Erinnerungsbestände sieht er folgerichtig die Hauptaufgabe des Instituts. Zugleich tragen die Forschungsschwerpunkte des Instituts der Verschiebung der kulturgeographischen Achse von West- nach Osteuropa seit 1989 Rechnung.
In zehn Jahren hat es das Institut geschafft, sich internatioanl zu einer festen Größe unter jenen akademischen Einrich- tungen zu etablieren, die sich die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Kultur auf die Fahnen geschrieben haben. Kooperationen mit Forschern aus Israel, den USA, Großbritannien, Österreich, Frankreich und Polen sind der Beweis. Veranstaltungen wie »Zwischen Triest, Saloniki und Odessa: Die Juden des Balkans und verwandte Judenheiten, 1492 bis 1918« oder über »Judenforschung« zeugen von einer Bandbreite, die für eine Einrichtung von der Größe des Dubnow-Instituts beachtlich ist.
Ausdruck der Positionierung in der Wissenschaftslandschaft ist die zum Jubiläum präsentierte Ausstellung »Was ist jüdische Geschichte?« Diese greift in Text- und Bildmodulen Schlüsselbegriffe wie »Diaspora«, »Jüdische Diplomatiegeschichte«, »Haskala« und »Transnationalität« auf und bringt sie in Beziehung zu einem allgemeinen historischen Kontext. »Das Profil des Instituts läßt sich bestens an diesen Begriffen ablesen und erkennen«, erklärt Diner das Konzept. Und Susanne Zepp, seine Stellvertreterin, ergänzt: »Jüdische Geschichte ist zugleich immer ein Seismograph der Lebenswelten, nicht nur in Ost- und Westeuropa, sondern darüber hinaus auch im Orient.«
An dem unter dem Motto »Profile jüdischer Geschichte« stattfindenden Fest-Kolloquium nahmen einige illustre Gäste teil, die dem Hause Dubnow seit seiner Gründung eng verbunden sind. Unter ihnen Moshe Zimmermann aus Jerusalem, Mitglied im Beirat des Instituts und nach eigenen Worten eine seiner »Hebammen«. Am Beispiel Gabriel Riessers verwies er auf die Paradoxien, die mit der Emanzipation von Juden in Deutschland einhergehen konnten. Der aus Hamburg stammende Riesser galt als einer der Vorkämpfer für die rechtliche Gleichstellung der Juden, saß als Abgeordneter im Frankfurter Vorparlament und war Deutschlands erster jüdischer Richter. Damit geriet er in die Schußlinie der Antisemiten. »Juden, die sich für ihre Emanzipation einsetzen, berücksichtigen nur ihre eigenen Interessen, aber nicht die Belange der gesamten Nation.« Eine klassische Si- tuation ohne Ausweg. »Wenn Juden sagen, sie gehören zur deutschen Nation, so muß etwas mit der Definition von Nation nicht ganz stimmen«, zitierte Zimmermann den Erfinder des Begriffs Antisemitismus, Wilhelm Marr. Das Absurde: Die Vorkämpfer einer Emanzipation lieferten mit ihren Argumenten zugleich die Vorlagen für eine Abwehrreaktion der Gegenseite.
Von einer ganz besonderen Geschichte »deutsch-jüdischer Leidenschaft« wußte Dominique Bourel zu berichten. Auf erfrischende Art und Weise zeigte der französische Historiker, wie Moses Mendelssohn, der Philosoph der Aufklärung, zu einer Ikone in der deutschen wie französischen Geisteswelt aufstieg und westlich des Rheins dadurch die Konturen zwischen »Jüdisch« und »Deutsch« mitunter verwischt wurden.
Inhaltlich fiel der Schlußvortrag des Jenaer Historikers Norbert Frei zum Thema »Opfererfahrung und Schuldverständnis – Über deutsche Selbstbilder seit 1945« scheinbar aus dem Rahmen. Doch das Rätsel, warum deutsche Nachkriegsdebatten über den Umgang mit der Vergangenheit und das verstärkte Bedürfnis, sich als Opfer des Zweiten Weltkriegs zu präsentieren, hier zur Sprache kamen, wurde von Dan Diner aufgelöst. Die bis dato in der Arbeit des Instituts meist ausgeklammerte Nachkriegszeit, insbesondere die Phase des Kalten Kriegs, soll künftig stärker in den Mittelpunkt der Forschungen rücken.

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