Ortserkundung

»Von Neonazis wissen wir nichts«

von Helmut Kuhn

Parey ist eine lange, gerade Straße, deren Zentrum aus Freiwilliger Feuerwehr, Niedrig-Preis-Discount und China-Imbiß besteht. Man sieht, daß viel Geld in diese Straße geflossen ist. Sie ist frisch geteert, und ihre Gehwege sind zweifarbig gepflastert. Es gibt einen Friseur, eine Versicherungsvertretung und eine Sparkasse. Am nördlichen Ende des Ortes zeichnen sich die Kräne einer Stahlfabrik gegen den Horizont aus Monokulturen ab. Am anderen Ende das Kieswerk, die Windmühle und ein Ausflugslokal an der alten Elbe, geschlossen, an einem sonnigen Samstag.
Die sieben Dörfer der Gemeinde Elbe-Parey im Jerichower Land bringen es auf 7.700 Einwohner. Seit der Zusammenlegung 2001 besuchen 262 Schüler die Sekundarschule von der 5. bis zur 10. Klasse. An einem grünen Wellblechhäuschen halten die Schulbusse aus Farchland, Jerichow und Güsen. Es ist vollgekritzelt, dazwischen mal ein Hakenkreuz, mal eine Parole: »Nazis raus«. Eine ganz normale Schule, die ihre Zöglinge zu »gegenseitiger Hilfe und Toleranz« erziehen möchte. Und diese Schule macht nun bundesweit Schlagzeilen.
In der vergangenen Woche hängten dort Schüler einem 16jährigen ein Schild um den Hals und schickten ihn damit über den Schulhof. Darauf stand: »Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein.« Ein Lehrer, der den Jungen in der Pause entdeckte, rief die Polizei. Drei Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren wurden festgenommen. Sie gelten als Sympathisanten der rechten Szene. Das Opfer sei an diesem Tag kahlgeschoren und mit Springerstiefeln erschienen, was die Täter provoziert habe, so die Staatsanwaltschaft Stendal. Der Junge habe angegeben, schon einmal von den drei Tatverdächtigen geschlagen worden zu sein, gegen die wegen des Verdachts auf Volksverhetzung, Nötigung und Beleidigung ermittelt wird.
Nicht weit von der Turnhalle der Schule steht Herr Singh breitbeinig wie ein Seemann vor seinem spielenden Sohn, als wolle er ihn bewachen. Er stammt aus dem indischen Punjab und lebt seit elf Jahren in der Neubausiedlung zwischen Sportplatz und Schule, die so vorbildlich sein will. Herr Singh sieht das anders. Im vergangenen Jahr warfen siebenjährige Schüler seine kleine Tochter aus dem Schulbus. Sein 16jähriger Sohn ist von einem Schüler aus der Nachbarschaft verprügelt worden. Herr Singh hat das angezeigt. Ein Schüler libanesischer Herkunft wurde als »Döner-Ali« gedemütigt, Mitschüler drückten eine brennende Zigarette an seinem Hals aus.
Im China-Imbiß auf der Hauptstraße gibt es neben Chop-Suey auch Thüringer Bratwurst. »Heil Hitler«, grüßt einer der Gäste. »Am Feierabend schließe ich schnell ab und gehe nach Hause«, sagt Minh Levan. Vor zwei Jahren traten vier Jugendliche gegen die Tür und brüllten: »Ausländer raus.« Dann warfen sie den Kellner zu Boden, schlugen und traten ihn. Nur. wo sind all diese Rechtsradikalen? »In Parey«, sagen die Jugendlichen auf der Hauptstraße, »gibt es keine Rechtsradikalen. Die wohnen in den Nachbarorten Derben und Zerben.«
Derben, 700 Einwohner, kaputte Höfe, neue Wege. Im Gasthof ist Skatturnier. »Von Neonazis wissen wir nichts«, sagt die Wirtin. »Aber wenn ich was wüßte, würde ich es nicht sagen.« In Zerben sitzt ein junger Mann auf dem Traktor. »Neonazis im Ort? Nie gehört. Aber dort, wo die herkommen, die das Schild geschrieben haben.« Und wo ist das? In Derben. »Es herrscht ein Klima der Angst«, sagt der als »Querulant« geltende Ortsrat Rolf Wegener in Zerben. »Da gibt es Fehlgeleitete, die sehnen sich nach dem starken Mann.«
Zurück in Parey: Am Abend steht eine Gruppe Schüler vor der Turnhalle und gibt Interviews. »Das war doch ein Dummejungenstreich«, sagt einer. Nein, Parey sei kein rechter Ort, sagen alle. Nein, es gebe auch keine Rechtsradikalen an der Schule. »Vielleicht in Farchland, wo einer der Spinner herkommt«, glaubt einer. »Die bleiben unter sich, am See und so, zu ihren Sonnenwendfeiern.« Eine Feier wie im 50 Kilometer entfernten Pretzien, als Rechtsradikale im Juni das Tagebuch der Anne Frank verbrannten. Später am Abend werden sie in den »Saal Parey« ziehen. Dort ist Dorfdisco. »Da kommen alle aus dem Jerichower Land«, aber nein, »Neonazis natürlich nicht.«
Als es dunkel wird, steht Herr Singh wieder vor seiner Haustür gegenüber der Turnhalle und bewacht seinen spielenden Sohn. »Und? Was haben sie gesagt? Es gibt keine Nazis hier?« Herr Singh winkt ab. »Solange, bis sie selber eins auf die Fresse kriegen.«

TV

Dschungelcamp: Gil Ofarim will nicht sprechen - oder doch?

Bei Hitze und Hunger schütten die Campteilnehmer sich gegenseitig ihr Herz aus. Am zweiten Tag in Down Under lassen die Dschungelbewohner tief blicken. Doch nicht jeder bekommt Mitleid

von Inga Jahn  25.01.2026

Leipzig

Gegensätzliche Nahost-Demos linker Gruppen 

Ein Team des MDR wurde aus der antiisraelischen Demo heraus angegriffen

 17.01.2026

TV-Tipp

Als David Bowie weinte: Arte-Doku beleuchtet die Schattenseiten eines musikalischen Genies

Oft feiern Filmporträts ihre Protagonisten mehr oder weniger unkritisch. Eine Arte-Doku über Popstar David Bowie wählt einen anderen Weg - und ist genau deshalb so gelungen

von Manfred Riepe  14.01.2026

Brandenburg

»Was soll der Scheiß?«: Nach Brandanschlag - Büttner übt scharfe Kritik an Linken-Spitze

Die Hintergründe

 10.01.2026

Antisemitismus

Die kruden Thesen eines AfD-Abgeordneten

Ein AfD-Parlamentarier teilte einen Instagram-Post, in dem die Rothschild-Familie mit dem Untergang der »Titanic« 1912 in Verbindung gebracht wird

 08.01.2026

Brandenburg

Generalstaatsanwaltschaft übernimmt Ermittlungen nach Anschlag auf Büttner

Nach dem Brandanschlag und die Morddrohung gegen den Antisemitismusbeauftragten haben die Ermittler eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro für Hinweise ausgesetzt

 07.01.2026

Potsdam

Antisemitismusbeauftragter erhöht Sicherheitsvorkehrungen

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner ist immer wieder Drohungen ausgesetzt. Nach einem Brandanschlag und einer Morddrohung per Brief verschärft er nun Sicherheitsmaßnahmen. Die Solidaritätsbekundungen für ihn reißen nicht ab

 07.01.2026

Westjordanland

Netanjahu schreibt Siedlergewalt einer »Handvoll Kids« zu

Nach Kritik der Trump-Regierung an Israels Vorgehen in der Westbank wiegelt Israels Premierminister ab - und zieht noch mehr Kritik auf sich

 01.01.2026

Israel

Israel führt Gedenktag für marokkanische Juden ein

Die Knesset hat beschlossen, einen Tag zur Erinnerung an die marokkanisch-jüdische Einwanderung zu schaffen

 31.12.2025