Hauptstadtforum

Vom Neben- und Miteinander

Vom
Neben- und Miteinander

Interreligiöses Podium
beim Hauptstadtforum

Allein im Berliner Bezirk Neukölln leben heute Menschen aus mehr als 160 Nationen. Längst hat sich die deutsche Hauptstadt zu einem bunten Kaleidoskop von Kulturen, Religionen und Ethnizitäten entwickelt. Was aber bildet den »Kitt«, der solch unterschiedliche Nachbarn über den alljährlichen »Karneval der Kulturen« hinaus zusammenhält? Und mehr noch: Wo liegen latente Gefahren für Entfremdung, Segregation und ethno-kulturelle Konflikte? Fragen, denen sich vergangene Woche der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, der Berliner Rabbiner Andreas Nachama und der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, bei einer Podiumsrunde der »Initiative Hauptstadt Berlin« stellten.
Relativ harmonische »Dreisamkeit« überwog auf der gut besuchten Veranstaltung, die der Publizist Heik Afheldt moderierte. So fand man Themen, über die die Podiumsgäste mehr oder weniger ähnlich denken und empfinden. Bischof Huber berührte dann als Erster einen neuralgischen Punkt. »Wir registrieren weltweit einen gefährlichen religiösen Fundamentalismus, der sich zugleich modernster Kommunikationstechniken bedient. Wir finden das übrigens in allen drei mono- theistischen Religionen, und das ist die eigentliche Herausforderung für uns alle«, so Huber nachdenklich.
Einigkeit im Podium, dass Fundamentalismus der interreligiösen Verständigung zwischen Christen, Juden und Muslimen nur schaden kann. Zwischen einem partiellen »Nebeneinander« und punktuellem »Miteinander« der Religionen sieht Rabbiner Andreas Nachama dagegen keinen Widerspruch. »Gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat gezeigt«, so Nachama, »dass das Zuschütten von Identitäten und der Kampf gegen Minoritäten der falsche Weg sind. Ein Weg des Miteinanders muss gefunden werden, und da steht Europa, gemessen am Tempo der politischen Vereinigung, gar nicht so schlecht da.«
Keine Frage: Die islamische Gemeinschaft in Deutschland, zu der sich viele der hier lebenden 2,8 Millionen türkisch-stämmigen Einwohner rechnen, befindet sich in einer komplizierten Phase der Selbstfindung und Selbstdefinition. Ein noch un-
vollendeter Prozess, der sich bei äußerer Betrachtung in fragmentierten Organisationsstrukturen und mehr oder weniger parallelen Repräsentanzen zeigt. Lokaler Dialog mit der jüdischen und christlichen Seite ist – wie der Abend deutlich machte – kein wirkliches Problem. Doch werden Berlin und Deutschland verlassen, kann die Kommunikation gleich um ein Vielfaches schwieriger werden. So kritisierte Bischof Huber schonungslos die sich verschlechternde, unsichere Lage der Christen in der Türkei, während Kenan Kolat sein Herkunftsland im gleichen Atemzug als »einen modernen europäischen Staat« pries. An die Adresse der Deutschen gerichtet, beschrieb Kenan Kolat, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, seinen Frust, sich hierzulande »als gläubiger Muslim permanent für Anschläge irgendwo in der Welt rechtfertigen zu müssen«. Rabbiner Nachama sprach seinerseits von der irritierenden Wirkung, die radikaler islamischer Fundamentalismus auf die Juden in Deutschland nicht erst seit dem 11. September 2001, sondern schon seit der Iranischen Revolution im Jahre 1978 ausübe. Nachama war dann auch derjenige, der – neben der gemeinsamen Sorge um den Religionsunterricht in Berlin und Brandenburg – weitere mögliche Felder eines künftigen »Miteinanders« absteckte: Erhaltung der Schöpfung, Umweltschutz und Mitarbeit im Ethikrat. Die Arbeit kann beginnen. Olaf Glöckner

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