Überlebendenroman

Trost unter Trockenhauben

von Ayala Goldmann

»Jeder braucht etwas Privates in seinem Leben. Schließlich kann man nicht über alles sprechen«, sagt Rosa, eine Jüdin aus Polen, in Lizzie Dorons neuem Roman Ruhige Zeiten. Dorons vielgelobter Erstling Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen drehte sich um eine Auschwitz-Überlebende, die der Mutter der Autorin nachempfunden war. In Ruhige Zeiten, ihrem zweiten auf deutsch erschienenen Roman, erzählt die israelische Schriftstellerin Geschichten von Schoa-Überlebenden, wie die Autorin sie in ihrer Kindheit in Jad Elijahu, einem Einwandererviertel im Süden von Tel Aviv, als Nachbarn kannte.
Auch wer glaubt, er habe schon genug gehört und gelesen von den Überlebenden des Holocaust und ihren Kindern, wird bei Lizzie Doron etwas Neues entdecken, einen seltenen, ganz besonderen Ton. Mitfühlend, warmherzig und gleichzeitig mit schwarzem Humor schreibt sie vom unvermittelten Schmerz der Überlebenden, ihrer Suche nach einem bißchen Glück und dem zähen Festhalten an einem Leben, das vielen nicht mehr lebenswert erscheint.
Leale Bittermann, die Ich-Erzählerin, Maniküre in einem Friseursalon, stammt aus Polen. Sie überlebte die Schoa als Kind, versteckt in einem Erdloch; ihre Familie hat sie nie kennengelernt. Mordechai, ein Zionist und Kibbuznik findet das blasse Mädchen mit den weißblonden Zöpfen in einem polnischen Waisenhaus und bringt es nach Israel. Heimisch wird Leale dort nicht: »In den Feldern, in den Orangenhainen und Obstbäumen hatte ich das Gefühl zu ersticken, während der Blütezeit bekam ich Asthmaanfälle, im Stall wurde ich von den Kühen getreten, und im Herzen wußte ich, daß kein Kibbuznik mich je heiraten würde.«
Wie viele andere Überlebende versucht Leale, in ihrem neuen Leben das zu finden, was ihr am meisten fehlt: Geborgenheit, Familie, ein Zuhause. Mit 18 Jahren heiratet sie den Schneider Srulik, der seine erste Frau, auch sie hieß Lea, im Holocaust verlor und sie in seiner zweiten Frau wiederfinden will. Rosa, die Nachbarin, ist für Leale ein Mutterersatz, so wie sie für Rosa an die Stelle von deren getöteten Kindern tritt. Über ihren Verlust kommen weder Rosa noch Leale wirklich hinweg, dennoch gibt ihnen die Beziehung Halt und Wärme: »Rosa sang leise, und ich summte die Melodie mit, bis ich die Worte aller Lieder kannte, aber ich ließ sie immer alleine singen, als hätte ich eine Mutter und diese würde für mich singen.«
Als Srulik stirbt, nimmt Sajtschik, der Friseur, die junge Witwe unter seine Fittiche. Leale wird Maniküre in seinem Salon. Hier lernt sie alle Frauen der Nachbarschaft aus nächster Nähe kennen, ihre Hände, ihre Gewohnheiten, ihre Kleidung. Auch ihre Lebensgeschichten erfährt sie , freilich nur bruchstückweise. Dennoch kommen Sajtschik und Leale den Überlebenden näher, als jeder Therapeut es könnte: »Im Friseursalon können die Tauben hören, die Blinden sehen und die Stummen reden.« Schnörkellos und nicht ohne Komik beschreibt Lizzie Doron die Legenden, die sich um einige der Überlebenden ranken
Leale selbst ist kein privates Glück beschieden. Die alleinerziehende Mutter versucht, ihren einzigen Sohn Etan mit allen Mitteln an sich zu binden. Doch Etan entzieht sich, geht in die USA und heiratet eine snobistische amerikanische Jüdin, mit der Leale nicht warm werden kann: »Deine Nancy hätte nie die Schoa überlebt, noch nicht mal einen einzigen Tag Arbeitslager hätte sie überstanden«, giftet sie.
Das Verhältnis zu Etan ist nicht Leales einzige gescheiterte Beziehung. Ihre Suche nach Geborgenheit läßt sie blind für die Realität werden. Daß der Friseur Sajtschik, den sie platonisch liebt, homosexuell ist, will sie nicht wahrhaben: »Wir sind nicht in Amerika, hier gibt es keine Schwulen.« Am Ende, nachdem auch Sajtschik stirbt, bleibt Leale nur Bitterkeit.
Lizzie Doron erzählt vom vergeblichen Versuch der Überlebenden, ihr Leben wieder ins Lot zu bringen. Ein Requiem für die Überlebenden habe sie schreiben wollen, sagt die 52jährige. Ihr Buch, das mit dem Buchman-Preis der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet wurde, sei »Menschen gewidmet, an die sich niemand erinnern wird«.

lizzie doron: ruhige zeiten
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Jüdischer Verlag / Suhrkamp,
Frankfurt a. M. 2005. 176 S., 16,80 €

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026