Attentat

Trauer, Trotz und Tora

von Wladimir Struminski

An dem engen Eingang ins Innere des Gebäudes schrickt der Besucher zusammen. Erst jetzt merkt er, dass er auf Einschusslöchern gestanden hat. Auf weniger als einem Quadratmeter sind die Spuren von acht Kugeln zu erkennen. Hier hat am Donnerstagabend vergangener Woche der Terrorist Alaa Abu D’heim seinen Todeszug durch die Jerusalemer Merkas-Haraw-Jeschiwa angetreten. Mit einem Sturmgewehr und einer Pistole bewaffnet konnte der Mörder durch das Eingangstor gehen, den rund 20 Meter breiten Vorplatz überqueren und das Feuer auf die Schüler eröffnen, die in der Bibliothek über heiligen Texten brüteten. Bis er von David Schapira, einem herbeigeeilten Reserveoffizier getötet werden konnte, ermordete der aus Ostjerusalem stammende Angreifer acht Studenten. Die jüngsten, Segew Pniel Awichail und Neria Cohen, waren gerade 15 Jahre alt.
Die Spuren des Überfalls sind überall zu sehen. Die Tür der Bibliothek wurde von Kugeln durchsiebt. In der Ecke, in der Responsa-Folianten stehen, weist die Wand gut zwei Dutzend Einschusslöcher auf. Die schlimmeren Spuren sind aber in den Seelen der Überlebenden. »Ich bin nur durch ein Wunder noch am Leben«, sagt, vom Schock noch blass, der 15-jährige Jehuda. »Ich hatte mich in einer Ecke der Bibliothek versteckt, in die der Terrorist nicht mehr kam. Aber ich sah, wie jemand in meiner Nähe zu Boden fiel.« Maor hielt sich ein Stockwerk tiefer auf. Als er die Schüsse hörte, dachte er zuerst, es handele sich um vorgezogene Purim-Knaller. Als er merkte, was geschah, sprang er aus dem Fenster und brachte sich in Sicherheit. An seiner bei dem Sprung gebrochenen Brille fehlt noch immer ein Bügel. In diesen Tagen versuchen Schüler wie Rabbiner, auch mit Hilfe von Psychologen, zur Normalität zurückzufinden. »Eins ist klar: Wir werden weiterhin die Tora lernen«, sagt der Jeschiwa-Student Eliran entschlossen.
Der Anschlag wirft viele Fragen auf. Warum waren die Sicherheitsvorkehrungen an der Jeschiwa so lax, dass der Attentäter, der seine Waffen in einem Karton versteckt hatte, so der Tatzeuge Netanel Frummer, unbehelligt zum Tatort gelangen konnte? Wieso konnte er ungestört wüten, bis ein mutiger Außenstehender seinem Treiben ein Ende setzte?
Wer Abu D’heim entsandt hat, ist bisher noch nicht geklärt. Die Spekulationen reichen von der Hamas bis hin zur Hisbollah. Fest steht aber, dass die »Operation« aus der Sicht der Drahtzieher ein Erfolg war. Nicht nur stellte der Mörder – auch durch gezielte Kopfschüsse, die er auf Verwundete abgab – den Tod von acht »Feinden« sicher. Vielmehr trafen die Schüsse auch ins Herz des religiösen Zionismus. Die Merkas-Haraw-Jeschiwa ist die zentrale Kaderschmiede der Nationalreligiösen und bringt nicht nur führende rabbinische Persönlichkeiten, sondern auch zahlreiche Soldaten und Offiziere der elitären Kampfeinheiten der israelischen Armee hervor.
Trotz des Schocks blieb nach dem Anschlag auch innerisraelischer Bruderzwist nicht aus. Während eines Kondolenzbesuchs an der Jeschiwa wurde Erziehungsministerin Juli Tamir am Sonntag von zornigen Studenten beschimpft und faktisch zum Verlassen der Lehranstalt gezwungen. »Linke« und »Mörderin« riefen die erbosten Tora-Schüler der Ressortchefin zu. Einen Besuch von Regierungschef Ehud Olmert ließ die Jeschiwa, wie aus dem Ministerpräsidentenamt verlautete, erst gar nicht zu.
Der Jeschiwa-Vorsteher, Rabbiner Jaakow Schapira, nutzte die Situation auch zu einem politischen Angriff auf die Regierung. Wo die Tora nichts gelte, so Schapira, werde Israel geistig und physisch geschwächt. »Deshalb sind wir nur mit Verteidigung beschäftigt« – und eben nicht mit entschlossenen Angriffen auf die Terroristen. Er hoffe, so der Rabbiner, dass sich das bald ändert. Auch konnte er sich eine Absage an die Friedenspolitik der Regierung nicht verkneifen: »Unsere Roadmap ist die Tora«, erklärte Schapira. Dass solche Politisierung der Trauer in weiten Teilen der israelischen Öffentlichkeit schlecht ankommt, nahm Schapira in Kauf.

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

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