Lörrach

Tief im Süden

von Peter bollag

Die letzten Vorbereitungen laufen, aber man ist im Zeitplan: Am 9. November soll die Lörracher Synagoge mit einer Feierstunde eingeweiht werden. Angesagt für den großen Tag hat sich unter anderen auch der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger. Das ist sozusagen die magistrale Bestätigung der Tatsache, dass die südlich gelegenste jüdische Gemeinde der Republik wieder »wer« ist.
Die Israelitische Kultusgemeinde Lörrach (IKG) hatte sich bereits 1995 neu gegründet. Jahrelang bestimmte ein Streit um die religiöse Ausrichtung das Gemeindeleben. Erst als die Diskussionen beendet waren, konnte der Neubau der Synagoge in Angriff genommen werden. »Wir verfügen über sehr homogene Strukturen«, sagt Wolfgang Fuhl, der im badischen Grenzraum aufgewachsen ist. Er steht als Vizepräsident der aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Präsidentin Hanna Scheinker zur Seite. Als Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Ba- den ist er gleichzeitig eine Art Bindeglied zwischen den beiden Körperschaften.
Die IKG Lörrach zählt heute mehr als 400 Mitglieder, 260 von ihnen leben in Lörrach und nochmals um die 130 im nahen Grenzort Weil am Rhein. Die restlichen Mitglieder verteilen sich über den gesamten Landkreis. Mehr als 90 Prozent von ihnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Und: Es gibt noch vier Überlebende der Gemeinde, die bis zum Zweiten Weltkrieg bestand.
Dass die Synagoge zwar in einer Nebengasse, aber dennoch im Stadtzentrum entsteht, war für Fuhl von Anfang an klar: Als Zeichen der jüdischen Renaissance in der Grenzstadt sei das wichtig, so Fuhl. Für den jetzigen Standort der Synagoge gibt es zudem auch historische Gründe: das Bet- haus, das die Lörracher Juden bis zu ihrer Zerstörung am 10. November 1938 benutzen konnten, lag nur wenige Meter vom jetzigen Neubau entfernt.
Auf dem gleichen Areal liegt auch der in den letzten Monaten als Synagoge und Treffpunkt genutzte König-David-Gemeindesaal. Mit der Einweihung der Synagoge wird dieser Saal dann vor allem soziale Funktionen und als Jugendzentrum erfüllen. Den Kiddusch nach dem Gottesdienst wird man in der Synagoge selbst einnehmen – es gibt dort zwei Küchen.
Auf die eigene Gemeindemikwe ist Wolfgang Fuhl besonders stolz. Die IKG sei eine Einheitsgemeinde, betont er. Zu ihr gehörten etwa zehn bis fünfzehn Prozent traditionell bis orthodox eingestellte Mitglieder, die diese Mikwe frequentieren.
Deshalb wohl sei es auch kein Problem, so der Mittvierziger, am Schabbat und den Feiertagen einen Minjan zusammenzubekommen – selbst in den Sommermonaten nicht. An den Feiertagen kämen oft um die 100 Beter. Einen Rabbiner hat die IKG zurzeit nicht. Der Vorbeter reist jeweils am Freitag oder an den Vorabenden der Feiertage aus Freiburg an. Der im Entstehen begriffene »Rabbiner-Raum« wird deshalb erst einmal auch von ihm als Gästezimmer benutzt. Längerfristig überlegt Fuhl, einen Rabbiner einzustellen. Das sei nämlich ein weiterer Grund, warum er unbedingt im Stadtzentrum sein wolle – man wolle aus dieser Mitte heraus wirken: zum Beispiel mit einem koscheren Mittagstisch für die älteren Mitglieder. Und ebenso sei das altersbetreute Wohnen für jüdische Senioren ein Thema. Mit Synagoge und Gemein- dezentrum verfügt man über ein Geviert, das durchaus noch ausgebaut werden könnte. Wenn es denn die Finanzen zulassen. Mit dem Synagogenneubau habe sich die Gemeinde doch einiges zugemutet, auch wenn Wolfgang Fuhl stolz darauf verweist, dass man finanziell abgesichert sei. Das Grundstück, auf dem die Synagoge steht, ist ein Geschenk der Stadt Lörrach, der Neubau kostet 1,5 Millionen Euro, von denen der Oberrat der Israeliten Badens in Karlsruhe rund 1,2 Mil- lionen trägt, der Rest das Land. Nur für die Inneneinrichtung muss die Gemeinde selbst aufkommen – 70.000 der rund 250.000 Euro davon hat ein Förderverein bereits gesammelt.
Wolfgang Fuhl ist ein realistisch denkender Mann. Eine jüdische Schule oder ein Kindergarten wären wohl allenfalls in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Ge- meinde in Basel oder als Teil eines größeren grenzüberschreitenden Projekts ge- meinsam mit der Gemeinde Freiburg und vielleicht den französischen Gemeinden in St. Louis oder Mulhouse denkbar. Der Blick über die Grenze ist den Lörrachern wichtig. Zum Einkaufen koscherer Produkte führe man nach Straßburg. Und seit einiger Zeit wirkt der Basler Chabad-Rabbiner Zalman Wishedsky auch in Lörrach.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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