Geschichte

Tausend Jahre unter einem Dach

In Krakau ist an der renommierten Jagiellonen-Universität (UJ) ein »Zentrum für Studien zu Kultur und Geschichte der Juden in Krakau« gegründet worden. Der offizielle Betrieb wurde bereits am 1. Oktober 2009 aufgenommen, doch erst ab diesem Jahr wird das Zentrum seinen eigentlichen Sitz beziehen – inmitten des einstigen jüdischen Viertels Kazimierz.
Leiterin des Zentrums ist Edyta Gawron, die am Krakauer Lehrstuhl für Judaistik arbeitet. Auf Initiative der Mitarbeiter dieses Lehrstuhls, der seit 2000 besteht, wurde auch das neue Zentrum ins Leben gerufen. »Die Idee war, Forschungen zu Kultur und Geschichte der Krakauer Juden mithilfe bereits existierender Arbeiten der Judaistik zu bündeln«, sagt Gawron. Zwar seien zunächst keine zusätzlichen Mitarbeiter eingestellt worden, jedoch arbeiteten viele der Judaistikforscher bereits im Zentrum mit. Zudem seien dort etliche Studierende und Doktoranden aktiv. »Wir planen, zusätzliche Stellen einzurichten, die wir über Drittmittel finanzieren möchten«, sagt die Wissenschaftlerin, die über Juden in Krakau zwischen 1945 und 1995 promovierte.
Krakau zählt zu den wenigen jüdischen Gemeinden in Polen, die heute noch sehr aktiv sind. Die religiöse Gemeinde hat rund 150 Mitglieder. Es gibt in dem kleinen Stadtteil Kazimierz ganze sieben Synagogen, die gleichsam als Eckpfeiler des Viertels fungieren. Im regelmäßigen »Betrieb« ist die Remuh-Synagoge. Zudem gibt es seit 2008 ein Zentrum für jüdisches Leben, dessen Bau vom britischen Kronprinzen Charles unterstützt wurde. Nicht zuletzt wird im Sommer alljährlich ein Festival der jüdischen Kultur veranstaltet, das mittlerweile international bekannt ist.
Gawron sieht indes vor allem historische Besonderheiten, die Anlass geben, den Krakauer Juden ein ganzes Forschungszentrum zu widmen. »Krakau war lange Zeit ein Zentrum für religiöses jüdisches Denken, das nicht nur viele einflussreiche Rabbiner, wie etwa Remuh, hervorbrachte, sondern in bestimmten Epochen europaweit ausstrahlte«, so die Historikerin. Zudem seien die kulturellen Einflüsse in der Stadt im Lauf der Jahrhunderte – von polnischen über deutsche, österreichisch-ungarische bis zu osteuropäischen – besonders vielfältig gewesen und hätten auch das städtische Judentum geprägt. Nicht zuletzt sei der Einfluss der Juden auf die Entwicklung der Stadt enorm gewesen.
Im Zentrum soll der gesamte Zeitraum der jüdischen Präsenz in der Stadt erforscht werden – »also die letzten 1.000 Jahre«, sagt Gawron. Einige Epochen seien bereits gut untersucht, den Schwerpunkt soll daher das 20. Jahrhundert bilden. Das Institut will eigene Publikationen hervorbringen, etwa Monografien über Krakauer Rabbiner und ein Kalendarium über die Geschichte der Krakauer Juden, Lehre, auch fremdsprachliche, anbieten, sowie Konferenzen veranstalten. Beispielhaft begeht das Zentrum in diesem Jahr den 100. Todestag von Rabbiner Szymon Dankowicz mit einer wissenschaftlichen Konferenz.
Das Zentrum ist nicht an die Judaistik-Fakultät angeschlossen, sondern fungiert als eigenständige Einheit. Ein Programmrat, bestehend aus Historikern und Judaisten der UJ, soll die Arbeit strategisch begleiten. Um eine möglichst große Wirkung zu entfalten, sucht man Kontakte zu Instituten, Organisationen und Archiven nicht nur in Polen. Vor allem in Israel, in den USA und in Australien, wohin viele Krakauer Juden vor und nach dem Holocaust ausgewandert waren, knüpft das Zentrum Netzwerke. Zu den Partnerorganisationen gehören etwa die jüdische Gemeinde Krakau, das jüdische Geschichtsinstitut in Warschau und die Gesellschaft der Krakauer in Israel. Mit Letzterer veranstaltet das Zentrum diesen Monat zum 67. Jahrestag der Liquidierung des Krakauer Ghettos eine Konferenz über Leben und Werk des Poeten und Liederkomponisten Mordechaj Gebirtig, der 1942 im Ghetto ermordet wurde.
Die Mitarbeiter des Zentrums wünschen sich außerdem die Gründung eines Museums der Geschichte der Krakauer Juden. »Wir wollen dies nicht selbst einrichten, sondern unterstützen«, betont Gawron. Träger werde voraussichtlich eine Stiftung oder aber die Stadt sein. Gawron zufolge hat das städtische historische Museum bereits die Gründung einer entsprechenden Abteilung angeregt – die wissenschaftliche Basis dafür wird wohl maßgeblich im neuen Zentrum gelegt werden. Jan Opielka

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