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Rabbi Nachman

Streit ums Grab

von Clemens Hoffmann

Dmitri Spiwakowkij ist ehrlich entrüstet. Rabbi Nachman nach Israel umbetten? Das darf nicht sein! Spiwakowskij leitet das Hilfszentrum Hesed-Dorot im südukrainischen Cherkassy, das auch die Bedürftigen in der kleinen jüdischen Gemeinde von Uman unterstützt. »Uman ist die bedeutendste jüdische Pilgerstätte außerhalb Israels«, sagt Spiwakowskij, und eine Portion Lokalstolz schwingt in seinen Worten mit. »Es kommen Chassidim, Sefaraden, Säkulare und Nationalreligiöse. Dank des Rebben kennt man Uman in der ganzen Welt.«
Der Rebbe, das ist Rabbi Nachman, Urenkel des Baal Schem Tov, des Begründers der chassidischen Bewegung. Bevor Nachman 1810 im Alter von nur 38 Jahren an Tuberkulose starb, trug er seinen Anhängern auf, jedes Jahr an seinem Grab zu beten. Nachman wurde in Uman beigesetzt – »auf seinen ausdrücklichen Wunsch«, wie Spiwakowskij betont. Er erzählt die grausige Geschichte: Kurz vor der Geburt des Rabbis war Uman Schauplatz eines blutigen Massakers: Im Jahr 1768 ermordeten ukrainische Kosaken in der Kleinstadt rund 30.000 Juden und Polen. Drei Tage lang dauerte das Schlachten. Auf dem alten jüdischen Friedhof von Uman liegen zehntausende Opfer des Pogroms. Spiwakowskij weiß: »Rabbi Nachman wollte genau an dieser Stelle beerdigt sein. Er hat sich den Ort bewusst ausgesucht.« Darüber dürfe sich niemand hinwegsetzen.
Auch der Kiewer Rabbiner Dov Bleich, Vorsitzender der Jüdischen Konföderation der Ukraine, glaubt: »Nachman sah seinen Platz mitten unter den Märtyrern.« Für Bleich klingen die Argumente seines ultraorthodoxen Kollegen Rabbiner Shlomo Aviner hohl. Aviner behauptet, der spirituelle Führer der Bratslaver Chassidim habe zu Lebzeiten mehrfach betont, sein wahrer Platz sei in Israel. Daher stehe die Regierung in der Pflicht, seine sterblichen Überreste ins Heilige Land zu holen. So könnten sich seine Anhänger das Geld für weite Reisen sparen und künftig nach Jerusalem pilgern.
Tatsächlich ist der jährliche Pilgerstrom nach Uman mehr als ein religiöses Happening. Für die Stadt und die ganze Region bedeutet er auch ein Multi-Millionen-Business. Zu den Feiertagen landen Dutzende Sonderflüge in Kiew und Odessa. Für Tickets, Transfers und Unterkunft gibt jeder Pilger mehrere hundert Dollar aus, schätzt Bleich. Doch das sei nicht der Grund, eine Verlegung des Grabes abzulehnen. Bleich macht vor allem halachische Einwände geltend: »Das Judentum verbietet das Umbetten von Verstorbenen.«
Shlomo Aviner ist in der jüdischen Welt höchst umstritten: Erst vor wenigen Wochen hatte der Rabbiner für Irritationen in Polen gesorgt: Er forderte, israelische Schulklassen sollten nicht mehr nach Auschwitz reisen. Begründung: Die Polen hätten mit den Nazis kollaboriert. Das Geld der Besucher aus Israel erlaube ihnen, aus den Todeslagern Profit zu schlagen. Polnische Juden reagierten besorgt. Sie befürchten, Aviners Äußerungen könnten antisemitische Tendenzen im Land verstärken.
In der Ukraine kommt es immer wieder zu Diskussionen um das Grab von Rabbi Nachman. Schon Anfang der 90er-Jahre befassten sich der ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk und sein israelischer Kollege Chaim Herzog mit der Umbettungsfrage – allerdings ergebnislos. Vor knapp zwei Jahren drohte der Bau eines Supermarktes in unmittelbarer Nähe. Ein ukrainischer Geschäftsmann beanspruchte Grundstück und Synagoge für sich, weil die lokale Bratslaver Gemeinde Kreditschulden nicht tilgen konnte. Der Fall schlug so hohe Wellen, dass der ukrainische Präsident persönlich Schadensbegrenzung betrieb. Im November 2007 versprach Viktor Juscht- schenko bei seinem Besuch in Israel, dass das Grab nicht angetastet werde.
Diesmal braucht der Präsident wohl nicht einzuschreiten, glaubt Dimitry Spiwakowskij. Die Aufregung um Aviner werde sich schnell wieder legen. Und: »Alle jüdischen Strömungen in unserem Land sind sich einig: Rabbi Nachman bleibt in Uman.«

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