Flughäfen

Stille im Düsenbetrieb

von Elke Wittich

Selbst wenn die Flugzeuge nicht im Minuten-Takt starten, verbindet wohl niemand einen Flughafen mit Worten wie Gebet, Andacht oder gar Stille. Die meisten Reisenden, die ihr Gepäck auf der Suche nach dem richtigen Terminal durch die riesigen, ständig von Lautsprecherdurchsagen und Warnhinweisen beschallten Airports schieben, haben inmitten des chaotischen Durcheinanders wahrscheinlich auch keinen Blick für Hinweisschildchen, die den Weg zu einer Kapelle oder einem Ruheraum weisen. Es gibt sie in Flughäfen nämlich sehr wohl, die Orte für Gebet, Andacht und Stille. Und Seelsorger, die Menschen in Krisensituationen helfen. Es sind meist keine großen, spektakulären Katastrophen wie Flugzeugabstürze, sondern meist persönliche Tragödien.
Sind die deutschen Airports aber auch auf die Bedürfnisse von Juden eingestellt, die beten wollen, Ruhe suchen oder Beistand von einem Rabbiner benötigen? Die Umfrage der Jüdischen Allgemeinen beginnt beim größten Flughafen des Landes. In Frankfurt am Main steht jüdischen Reisenden sogar eine eigene Synagoge zur Verfügung. Dort befindet sich auch ein Stahlschrank, in dem koscheres Essen – haltbare Nahrungsmittel wie Kekse und Tütensuppen – aufbewahrt wird, aus Sicherheitsgründen wird der Schlüssel von den beiden christlichen Flughafen-Geistlichen verwaltet. »Wer morgens früh um fünf einen Flugtermin hat, nimmt oft die letzte S-Bahn um eins und verbringt dann viel Zeit auf dem Flughafen«, erzählt die evangelische Pastorin Ulrike Johanns. Entsprechend groß sei der Bedarf nach Ruhe und auch nach geeignetem Essen. »Rabbiner Klein ist da sehr aktiv, am EL-AL-Stand gibt es nun auch einen Kühlautomaten mit koscheren Kleinigkeiten, vielleicht kommen später auch Sandwiches hinzu.«
Eine Synagoge gibt es auf dem Münchener Flughafen zwar nicht, Betenden und Ruhesuchenden steht jedoch auch hier ein Zimmer der Stille zur Verfügung. Er wurde »bewusst als multireligiöser Raum eingerichtet«, sagt der katholische Flughafen-Pastor Leo Mosses. »Alle großen Religio- nen sind mit ihren Symbolen und Schriftzeichen vertreten«, in einem Regal befinden sich für jeden Gläubigen die passenden Schriften. Wer Beistand sucht, er- reicht die Seelsorger über ein extra neben dem Eingang angebrachtes Telefon. »Wenn jemand nach einem Rabbiner verlangt, dann wäre das kein Problem, wir haben die entsprechenden Telefonnummern gleich zur Hand«, sagt Mosses.
Gebraucht habe er die Notfallliste bisher noch nicht, sagt er, und erzählt von seinem einzigen Krisenfall, bei dem die Betroffenen Juden waren. Da es sich um Gruppenreisende gehandelt habe, »waren gleich die Mitreisenden da und haben moralische Unterstützung gegeben, religiöse Hilfe war nicht erforderlich. Alles andere, wie Lebensmittel und die praktische Regelung organisatorischer Fragen, wurde dankbar angenommen.«
Auch Otto Rapp, einer von zwei Diakonen, die als Seelsorger auf dem Stuttgarter Flughafen tätig sind, hat Erfahrung als Krisenhelfer. »Ich frage nicht nach der Religion«, sagt er, »das fehlte noch, dass man verzweifelte Menschen ausfragt. Erst einmal ist es überhaupt wichtig, dass jemand da ist.« Der allen Konfessionen offen stehende Andachtsraum im Stuttgarter Flughafen ist multireligiös eingerichtet, das Kreuz ist abnehmbar, ein Richtungsweiser zeigt gen Mekka und die Gläubigen finden die Schriften aller großen Religionen vor. »Im Gästebuch finde ich immer mal wieder einen hebräischen Eintrag, vor Kurzem habe ich gesehen, dass ein Rabbiner bei uns gebetet hat.«
Reto Mainz, Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation des Nürnberger Flughafens, ist hörbar stolz, wenn er vom Andachtsraum des Airports erzählt. Vor einem halben Jahr wurde der seit 1993 bestehende Ort für Ruhe und Besinnung feierlich eingeweiht, nachdem er zuvor aufwendig renoviert worden war. Nun schmücken ein weißer Marmorfußboden und holzvertäfelte Wände den Raum, in dem keine Lautsprecherdurchsagen die Stille stören.
Wenn nun ein jüdischer Passagier im Krisenfall nach einem Rabbiner verlange, dann sei das für die Mitarbeiter des mit 4,5 Millionen abgefertigten Passagieren eher kleinen Flughafens kein Problem, sagt Mainz. »Wir arbeiten eng mit der jüdischen Gemeinde der Stadt zusammen. Zu ihrem Vorsitzenden Arno Hamburger haben wir zum Beispiel einen sehr guten Kontakt. Auf unserer internen Liste mit Notfallseelsorgern finden sich selbstverständlich auch Rabbiner.« Allerdings wolle man nicht nur im Notfall für jüdische Reisende sorgen: »In einem unserer öffentlichen Restaurants wird koscheres Essen angeboten.«
Auch in Düsseldorfer Flughafenrestaurants können Reisende koschere Speisen bestellen. Ein laut Pressestelle »konfessionsfreier« Gedenkraum, den Opfern der Brandkatastrophe des Jahres 1996 gewidmet, steht allen Passagieren und Besuchern des Flughafens offen, die in Ruhe ihre Gebete verrichten wollen oder einfach nur eine Weile Ruhe suchen. Gebetbücher oder religiöse Symbole finden sich dort nicht.
Seit Mai fliegt die TUI von Hamburg aus nach Tel Aviv, berichtet Flughafenpfarrer Björn Kranefuß. Neben einem islamischen Andachtsraum gibt es im hansestädtischen Airport nur eine ökumenische Kapelle, in der Juden aber herzlich will- kommen seien. »Der Raum ist klar erkennbar ein christlicher Raum, mit Kreuz, aber auch einem alttestamentarischen Psalm an der Wand. Es gilt das Prinzip der Gastfreundschaft: Jeder, der Stille und Geborgenheit sucht oder ungestört beten möchte, soll ihn nutzen können.«
Auch in Leipzig gibt es nur einen christlich eingerichteten Raum. Rund um die Uhr geöffnet, steht er Angehörigen aller Glaubensrichtungen offen, sagt Pressesprecherin Martina Bock. Auf dem Flughafen Köln-Bonn sucht man vergebens nach einem Raum für Rückzug und Gebet. Das liege unter anderem daran, dass der von 10,5 Millionen Passagieren jährlich genutzte Airport kaum Transitflüge anbietet, erklärt Pressesprecher Walter Römer. »Die Verweildauer ist deswegen ausgesprochen gering.« Anderthalb Stunden verbringt ein Reisender durchschnittlich auf dem Köln-Bonner Airport. Im Notfall muss aber auch auf dem Konrad-Adenauer-Flughafen niemand auf religiösen Beistand verzichten, »bei einer Krise haben wir natürlich entsprechende Pläne und Ansprechpartner, die wir schnell erreichen.«

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