Papst

Starke Symbole, schwache Worte

von Gabriele Lesser

Es ist der Moment, auf den alle gewartet haben: Papst Benedikt XVI. geht durch das Tor mit der berüchtigten Inschrift »Arbeit macht frei«. Allein. Allein als Deutscher. Allein als Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen. Vor der sogenannten Todeswand, an der Häftlinge erschossen wurden, warten Überlebende auf ihn. »Ist das nicht ein Wunder, daß ich 64 Jahre nach der Erschießung meiner Freunde hier stehe? Außerhalb der Todeszelle?«, fragt August Kowalczyk (85), Auschwitz-Häftling mit der Nr. 6804. Daß er einmal einem deutschen Papst die Hand reichen würde, hätte er nie für möglich gehalten. »Die Deutschen waren meine Verfolger, die Nazis. Aber dieser Deutsche ist nun Oberhaupt der katholischen Kirche, meiner Kirche.«
Auschwitz I, das sogenannte Stammlager, ist im historischen Bewußtsein der Polen der Ort des nationalen Martyriums. Hier kam die Mehrheit der knapp 100.000 von den Nazis ermordeten christlichen Polen ums Leben. Insgesamt ermordeten die Nazis im KZ Auschwitz und dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau rund 1,5 Millionen Menschen, die meisten davon Juden aus Polen und Westeuropa.
Auch Henryk Mandelbaum (84) ist aus Gleiwitz gekommen, um den Papst zu treffen. An diesem Ort. Im drei Kilometer entfernten Auschwitz-Birkenau hatte er, 22 Jahre alt, groß und kräftig, die Leichen aus den Gaskammern ziehen und zu den Krematorien schleppen müssen. Frauen, Männer, Kinder. Mandelbaum lebt als einziges Mitglied des »Sonderkommandos« bis heute in Polen. Er hat das Trauma nie verwunden, kommt immer wieder zurück ins Lager, geht zu den Ruinen der Gaskammern und zeigt jungen Menschen, was er tun mußte. Dabei laufen ihm Tränen über die Wangen, ohne daß er sie wegwischen würde. Jetzt steht er vor der »Todeswand«, und Papst Benedikt XVI. küßt ihn auf beide Wangen. Die Kameras sind immer dabei, auch als Joseph Ratzinger »allein« in der Todeszelle von Pater Maximilian Kolbe betet. Der Franziskaner hatte zu Lebzeiten das erste katholisch-antisemitische Massenblatt Polens herausgegeben, das »Kleine Tagblatt«, doch in Auschwitz war er für einen anderen katholischen Häftling in den Tod gegangen. 1982 hatte Papst Johannes Paul II. ihn heiliggesprochen. »Ich verstehe ja, daß Benedikt XVI. auf den Spuren Johannes Paul II. wandeln will«, sagt Bella Szwarcman von der jüdischen Gemeinde Warschau. »Aber muß er unbedingt für einen polnischen Antisemiten beten? Alles hat seine Grenzen!« »Er sollte an diesem Ort etwas über Toleranz sagen«, findet Alicja Kobus, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Posen. »Etwas darüber, daß auch andere Religionen ihre Wahrheit haben.« Und Symcha Keller, Präsident der jüdischen Gemeinden Polens, sagt: »Er braucht sich nicht zu entschuldigen für die Schoa. Die Toten können ohnehin nicht mehr vergeben. Aber er soll sich würdig verhalten. Er soll den Juden, den damaligen Opfern und den heute Lebenden seinen Respekt erweisen.«
In Auschwitz-Birkenau geht Ratzinger an den Gedenksteinen für die jüdischen Opfer vorbei, liest die Inschriften, betet an jedem Stein. Plötzlich klart der Himmel auf, aus dem es stundenlang geregnet hat. Zwischen den Wachtürmen leuchtet ein Regenbogen auf – in der Tora das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen. Benedikt XVI. steht mit dem Rücken zum Regenbogen, er kann ihn nicht sehen. »An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte zu sprechen, ist fast unmöglich«, sagt er, auf italienisch. »Es ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.« Bei den jüdischen Gästen macht sich Unruhe breit. Sie verstehen kein Wort. Schriftliche Übersetzungen hat das polnische Episkopat nur an die Bischöfe und einige katholische Polen verteilen lassen.
»Wo war Gott in jenen Tagen?«, fährt der Papst fort. »Warum hat er geschwiegen? Wie konnte er dieses Übermaß an Zerstörung, diesen Triumph des Bösen dulden?« Marek Edelman, der den Warschauer Ghetto-Aufstand von 1943 überlebte, fragt: »Und wo war damals der Mensch? Warum waren die Menschen so gleichgültig angesichts der Verbrechen, die vor ihren Augen geschahen?« Er sei gekommen als Sohn des Volkes, das »eine Schar von Verbrechern« zum »Instrument ihrer Wut des Zerstörens« mißbraucht habe, sagt der Papst.
Diese Passage bewegt auf der Rückfahrt der jüdischen Überlebenden im Bus die Gemüter. »Wenn die Deutschen von Verbrechern dazu verführt wurden, uns umzubringen, sind sie dann auch Opfer oder doch Verbrecher? Was meinte der deutsche Papst damit?« Benedikt XVI. ist allein durch das Tor von Auschwitz geschritten. Viele Überlebende hat er nicht für sich gewonnen, als er wieder geht.

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