Konvertiten

Spät kommt ihr

von Tobias Kühn

Es gibt Worte, die sich als Waffen gebrauchen lassen. Sie sind spitz wie Pfeile und treffen zielgenau – manchmal gerade dann, wenn sie hinter vorgehaltener Hand gesagt werden. Ein solches Wort ist »Konvertit«. In den jüdischen Gemeinden in Deutschland gibt es mehrere Hundert Mitglieder, die nicht als Juden geboren wurden, sondern vor einem Rabbinatsgericht zum Judentum übergetreten sind. Aus halachischer Sicht sind sie Juden, doch in den Gemeinden haftet ihnen oftmals bis zu ihrem Lebensende das Stigma der Hinzugekommenen an.
»Viele Juden, die zwar über ihr Judentum reden, aber eigentlich keine jüdische Identität haben, fühlen sich verunsichert von Menschen, die freiwillig zum Judentum kommen und einen langen schwierigen Weg auf sich genommen haben«, sagt der Kölner Publizist Günter Bernd Ginzel. »Er verunsichert, weil er mehr weiß«, erklärt der Münchner Rabbiner Tom Kucera das Phänomen des Konvertiten.
Anders als ein von einer jüdischen Mutter Geborener muss der Konvertit jahrelang lernen und eine Prüfung bestehen, um Jude zu werden. Mit seinem Wissen hinter dem Berg zu halten, fällt manchem Konvertiten schwer und führt oft dazu, dass alteingesessene Gemeindemitglieder ihn einen Besserwisser nennen. »Ich sage meinen Konvertiten immer, man kann andere in die Enge treiben, oder man kann ihnen etwas beibringen«, erzählt Tom Kucera. Einmal habe ihn ein Übergetretener gefragt, ob er die Mesusa berühren soll, auch wenn das in der Gemeinde nicht üblich sei. Eine Antwort darauf konnte der Rabbiner nicht geben. »Das ist auch für mich eine offene Frage.«
Andererseits gibt es Orte, an denen Übergetretene unter besonderer Beobachtung mancher Gemeindemitglieder stehen, ob sie denn auch wirklich koscher lebten. In Frage gestellt, möchte der Konvertit unter Beweis stellen, dass er »zu 150 Prozent jüdisch ist«, sagt Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.
Viele Übergetretene kämpfen gegen den subtilen Vorwurf, nicht wirklich jüdisch oder nicht jüdisch genug zu sein. Es kommt vor, dass ein neuer Rabbiner eine Gemeinde übernimmt und jemand ihm erzählt, dass ein Gemeindemitglied Konvertit sei. »Ich brauche das nicht zu wissen«, sagt Rabbiner Tom Kucera. Eine solche Information stehe meistens nicht in einem positiven Kontext. Ruth Röcher, Religionslehrerin der jüdischen Gemeinden in Sachsen, sagt, sie versuche, nicht daran zu denken, dass jemand konvertiert ist. Manche der übergetretenen Deutschen seien eine Bereicherung, so Röcher. »Es gibt in Dresden eine Familie – was die für die Gemeinde leistet! Daran könnten sich etliche Eingesessene ein Beispiel nehmen.« Auch Esther Haß, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel, ist voll Lob. Ohne Konvertiten müsste sie ihre Jugendgruppe schließen, sagt sie. »Wer bewusst zum Judentum übertritt, dem gebührt die gleiche Achtung wie allen anderen, denn eine Konversion ist nicht leicht.«
Mit der Zuwanderung aus Osteuropa stellt sich in den Gemeinden das Problem der Übertritte vermehrt. Viele, die in der Sowjetunion wegen ihres jüdischen Vaters von Berufen oder dem Studium ausgeschlossen waren, dürfen in Deutschland nicht Mitglieder der jüdischen Gemeinde werden, denn nach der Halacha sind sie nicht jüdisch. Religionslehrerin Ruth Röcher hätte es gern, wenn manche dieser russischen Familienangehörigen sich dazu entschließen würden überzutreten.
Die Einladung an den nichtjüdischen Partner sei enorm wichtig, sagt Günter Bernd Ginzel, »vor allem für die Kinder und deren Erziehung«. Zwar gebe es auch in Deutschland eine hohe Anzahl von Mischehen. »Aber in keinem anderen Land haben es die jüdischen Verbände zugelassen, dass die Frage der Konversion derart unklar ist«, so Ginzel. Jahrzehntelang sei es versäumt worden, klare Richtlinien und Organisationsstrukturen zu schaffen. Man könne dies nicht einfach Rabbinern überlassen, kritisiert der Publizist, da seien auch die Gemeinden gefordert.
»Wenn jemand als Ehepartner übertritt, finde ich das in Ordnung«, sagt der Potsdamer Historiker Julius Schoeps. Doch grundsätzlich stehe er Konversionen skeptisch gegenüber, vor allem wenn Übergetretene Rabbiner werden und schließlich Juden das Judentum erklären wollen. »Ich sehe da ein gewisses Problem: Eine jüdische Identität kann man nicht einfach so bekommen. Die Leidensgeschichte hat ein Konvertit nicht erlebt.« Auch Renate Wagner-Redding, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig, betont, man komme als Konvertit nicht nur in eine Religionsgemeinschaft, sondern ebenso in eine »Volksgemeinschaft« mit ihrer besonderen Geschichte. Manch einer würde diese möglicherweise gar nicht verkraften, gibt sie zu bedenken.
Für Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, spielt es keine Rolle, ob ein Konvertit jüdische Vorfahren hat oder nicht. »Für beide ist es die gleiche Anstrengung, Jude zu werden.« Wer übertritt, müsse sich allerdings darüber klar werden, dass dies ein Schritt für immer ist – in guten wie in schlechten Zeiten. »Zum Judentum überzutreten, ist wie eine zweite Haut, die bleibt am Körper.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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