Gabor Lengyel

Spät berufen

Rabbiner Gabor Lengyel Foto: imago

von Igal Avidan

Eines Tages im Jahr 2003 saß der gerade pensionierte Ingenieur Gabor Lengyel mit seiner Frau zusammen und fragte sich: »Was kann ich tun?« Der 62-Jährige beschloss, wieder die Schulbank zu drücken, um Rabbiner zu werden.
Sechs Jahre später hat er am vergangenen Sonntag zeitgleich mit der Eröffnung der Synagoge seine Amtseinführung als erster Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover gefeiert. Damit setzt er die Familientradition fort. Lengyels Vater war 38 Jahre lang Vorstandsmitglied der großen jüdischen Gemeinschaft in Ungarn, seine Mutter, die von den Nazis ermordet wurde, stammte aus einer orthodoxen Familie. Er selbst, Jahrgang 1941, überlebte mit seiner Tante und seinem Bruder in einem geschützten Haus im besetzten Budapest.
Auch in der kommunistischen Zeit pflegten die Lengyels ihr Judentum. Mit seinem Vater ging Gabor am Schabbat in die Reformsynagoge, wo er auch seine Barmizwa feierte. Ende 1956, kurz nach dem Tod seines Vaters und der Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die Sowjets, floh Gabor Lengyel nach Israel.
Er diente in der israelischen Armee, wurde Feinmechaniker und stellte optische Instrumente her. Im Juli 1965, zwei Monate nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel, erhielt er ein Stipendium, um an der Technischen Hochschule in Braunschweig zu studieren. Seine israelischen Freunde fragten: Was suchst gerade du in Deutschland? Lengyel nahm die Herausforderung an – wenn auch mit viel Skepsis. Doch bald gewann er viele deutsche Freunde, mit denen er in Braunschweig die Deutsch-Israelische Gesellschaft gründete.
15 Jahre diente Lengyel ehrenamtlich als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Braunschweig. Nach seinem Umzug nach Hannover gründete er dort 1995 die Liberale Jüdische Gemeinde mit, wo er seit Jahren aus der Tora liest. Bei der Eröffnung des ersten liberal-jüdischen Kindergartens im vergangenen September segnete er die Kinder. Freundlich, präzise und geduldig erläuterte er am Chanukkafest im überfüllten Auditorium des neuen Gemeindezentrums das Wunder der Makkabäer, das er mit den heutigen bedrohten Israelis verband. Das Judentum und Israel sind die Säulen seiner Welt. Die deutsche Staatsbürgerschaft nahm er nur unter der Bedingung an, dass er seinen israelischen Pass behalten darf.
In den Regalen von Lengyels Wohnzimmer stehen zahlreiche Bücher über Theodor Herzl, den Zionismus, den Mossad und über Israels ersten Ministerpräsidenten David Ben Gurion. Daneben stehen Werke über die Moral des Judentums und den Holocaust. Auf seinem Arbeitstisch liegt aufgeschlagen die Mischna, daneben ein hebräisches Wörterbuch. Bevor er aus dem Traktat Schabbat liest, setzt Lengyel seine Kopfbedeckung auf. In diesem Kapitel geht es darum, welche Tätigkeiten als Arbeit gelten und daher am Schabbat verboten sind – Fragen, über die er für seine Dissertation forscht.
Für sein Judentum reiste Lengyel viermal im Semester nach Budapest. Dort studierte er drei Jahre lang am Rabbinerseminar. Parallel dazu machte er eine Aus- bildung am liberalen Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam. In seiner Freizeit vertiefte er sich gemeinsam mit einem orthodoxen Rabbiner in den Talmud. Gabor Lengyel ist einer der wenigen Liberalen, die gute Beziehungen zur orthodoxen Gemeinde in Hannover pflegen. Seine Aufgabe als Rabbiner sieht er darin, die Gemeindemitglieder zum Judentum hinzuführen – gerade in Deutschland.

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