»Wunderkindlabor

Sonne, Mond und Sterne

von Anette Kanis

Viktoria malt ein großes buntes »E« an die Tafel. Jetzt ist die Überschrift »Unser Sonnensystem« fast komplett. Das fünfjährige Mädchen ist eines von zehn Kindern, die sich im Wunderkindlabor mit Planeten, Sonne, Mond und Sternen beschäftigen. Christine, ein Jahr älter, ist gerade mit Ausschneiden beschäftigt. »Mir gefällt, dass wir hier etwas Kluges lernen«, sagt sie, »hier lerne ich die Planeten und in der Schule nur Mathe und Deutsch.«
Inhalte, für die in der Schule nicht immer Raum ist, Experimente, die alltägliche Zusammenhänge verdeutlichen und Ausflüge in ein Planetarium oder in einen Zoo – im Wunderkindlabor wird auf spielerische Weise Wissen vermittelt. Das Angebot mit dem interessanten Namen ist eines von zahlreichen der Kultur-Akademie für Kinder und Jugendliche. Mit ihr praktiziert die Jüdische Gemeinde Düsseldorf seit Februar dieses Jahres eine neue Form der Kinder- und Jugendarbeit, eine in dieser Form erste Initiative bundesweit. Die bislang angebotene Jugendarbeit mit einer stark nach Israel orientierten Sichtweise werde von Neuzuwanderern nicht entsprechend angenommen, erklärt Michael Szentei-Heise, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde. »Tatsache sind die leeren Jugendzentren, nicht nur in unserer Gemeinde, darauf können wir uns nicht ausruhen.« Die Erwartung der meisten Gemein- demitglieder an Jugendarbeit sei mittlerweile eine lernende. »Deswegen haben wir ein Angebot aufgebaut, das bildungslastig ist«, beschreibt Michael Szentei-Heise die Hintergründe.
Und dieses Angebot hat Erfolg. In den ersten Monaten, die als Probephase eingestuft waren, sind bereits rund 130 Kinder dabei. Einige von ihnen nutzen gleich mehrere Angebote. So auch die siebenjährige Margarita, die neben dem Wunderkindlabor einmal die Woche einen Englischkurs besucht. »Dann gehe ich noch bei Inna tanzen, das würde ich am liebsten jeden Tag machen«, erzählt die aufgeweckte Zweitklässlerin. Mit dem Tanz begann die Idee, nach neuen Wegen in der Kinder- und Jugendarbeit zu suchen. Inna Umanska hat Musik und Tanz studiert, heute ist sie kreative Leiterin der Kultur-Akademie. Ihren ersten Tanzkurs in der jüdischen Gemeinde hatte sie für sechs Kinder angeboten. Nach fünf Jahren besuchten 180 Kinder und Jugendliche ihre Kurse. »Ich war mir sicher, es muss noch andere Interessen bei den Kindern geben«, erinnert sich Inna Umanska an die Anfänge. Im Herbst 2006 startete dann erstmals ein Ferienangebot, das versuchte, Tanz und Theater zu verbinden. Im Jahr darauf bei der nächsten Ferien-Kultur-Akademie kam das Thema Film dazu, hier hätten bereits doppelt so viele Teilnehmer mitgewirkt, so Inna Umanska. Kunst, Musik, Tanz, Theater, Bildung, Medien sind die Säulen der Kultur-Akademie. Ein Theaterprojekt gehört hier genauso dazu wie Nachhilfe, Kunstkurse oder Logopädie. »Sehr großen Erfolg hat zum Beispiel das Filmprojekt«, sagt Inna Umanska. Kinder und Jugendliche drehen ihren eigenen Spielfilm. Ob Drehbuch, Bühnenbild, Schauspielerei, Regie – jedes Kind könne hier herausfinden, wo seine Interessen liegen und viel Neues kennenlernen. Das sei generell ein Prinzip der Kultur-Akademie, erklärt Inna Umanska. Ausprobieren, einander anstecken, offen sein. Dazu solle auch der Bonus für Mehrfachbuchungen von Kursen einladen. Die Staffelung der Teilnahmekosten beginnt mit vier Euro die Stunde für einen Kurs pro Semester. Bei Buchungen von drei Kursen sinken die Kosten auf zwei Euro fünfzig. Für die kreative Leiterin, die neue Impulse auch bei anderen kulturellen Einrichtungen Düsseldorfs sucht, und ebenso gerne Wünsche der Kinder aufnimmt, steht fest: »Das soll eine lebendige Sache sein.« Die Angebote der Kultur-Akademie möchte sie keinesfalls als Konkurrenz zum Jugendzentrum sehen. »Wir arbeiten mit allen Einrichtungen der Gemeinde, sei es Kindergarten, Schule, Religionsschule oder Jugendzentrum, zusammen.« Sie entwickelte das Konzept des neuen Angebotes und suchte die Dozenten. Diese fand sie in der Gemeinde sowie bei anderen Kultureinrichtungen. Ziel sei es nicht, dass Kinder einmalig einen Kurs belegen würden und sonst nicht viel passiere. »Ziel ist es, dass die Kinder Freunde finden, längerfristig hierbleiben, ihre Eltern mitbringen, so dass Generationen herkommen.« Man wolle die Eltern und Großeltern mit ins Boot nehmen. Aus diesem Grund gibt es auch Angebote, die sich an Erwachsene richten, wie Yoga oder Standardtanz, und es finden immer wieder Veranstaltungen statt, an denen die ganze Familie teilnehmen kann.
In den Kursen könne man auch Angebote mit jüdischer Thematik einbringen, meint der Geschäftsführer der Gemeinde. Dies gelinge am besten zunächst über die Folklore. »Ob im Rahmen von Musikkursen, durch israelische Folkloretänze, ob im Chor oder durch hebräische Literatur – da gibt es vielfältigste Möglichkeiten«, ist sich Michael Szentei-Heise sicher. Die Leiterin bestätigt dies, wenn sie davon berichtet, dass anfangs in ihren Kursen der jüdische Tanz zehn Prozent ausgemacht habe und es mittlerweile fast 90 Prozent seien. »Auf Wunsch der Kinder«, betont sie. »Viele Gemeinden schauen neugierig auf unser Angebot«, sagt Michael Szentei-Heise. Die allermeisten Gemeinden hätten große Probleme mit der Jugendarbeit. Nun gäbe es etliche Anfragen, immer mal wieder kämen Vertreter von Gemeinden aus dem Umland vorbei, um sich vor Ort über Erfolg und Konzept der Kultur-Akademie zu informieren. »Wichtig ist ausreichend zeitlicher Vorlauf von etwa einem halben Jahr.« Dozenten- und Themensuche würde mindestens so viel Zeit in Anspruch nehmen, sagt Szentei-Heise. Der Geschäftsführer sieht in dem neuen Konzept einen Weg, den Zugang zu den neuen Gemeindemitgliedern zu verbessern. »Die Bildungsschiene ist dieser Zugang. Das ist die Jugendarbeit der Zukunft.«
Für das kommende Semester, wenn die Kultur-Akademie ein noch umfangreicheres Programm anbieten will, rechnet Inna Umanska mit einer weiter steigenden Nachfrage. Viele Familien hätten Interesse signalisiert, die bislang noch an Verträge mit anderen Institutionen gebunden seien. Inna Umanska möchte dann verstärkt ältere Kinder und Jugendliche mit dem Programm ansprechen. Die Gründung einer Musikband, um jüdische Lieder neu zu arrangieren und modern zu singen, das Theaterprojekt »Exodus« und ein Dokumentarfilm über jüdische Identität und andere Religionen kennenlernen könnte auch sie in die Kultur-Akademie locken.

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