interview

»Sie wollte keine jüdische Dichterin sein!«

Frau Tauschwitz, warum kommt in der Lyrik von Hilde Domin das Judentum nicht vor?
Judentum, erklärte sie immer wieder, habe in ihrem Leben keine Rolle gespielt; dennoch war Hilde Domin ein religiöser Mensch. In den Briefen, die ich ausgewertet habe, ist sehr oft die Rede von Gott, seiner Existenz, dem Leben nach dem Tod und ihrer Angst, die sie als theologische Furcht bezeichnete.

Was war das Judentum dann für sie?
Sie empfand es als Schicksalsgemeinschaft, doch in einem Schreiben an Charlie Chaplin, den sie 1953 in New York kennengelernt hatte, thematisierte sie es positiv. 1960 schickte sie ihm ihren gerade erschienenen Gedichtband »Nur eine Rose als Stütze« und schrieb : »Wie könnten wir anders überleben, als gemäß unserer jüdischen Tradition hinter dem Tränenvorhang zu lächeln?« Das ist das innigste Bekenntnis zum Judentum, das ich von Hilde Domin kenne.
Welche Bedeutung hatte die Kindheit in einem assimilierten Elternhaus in Köln?
Jüdisches Leben hat offenbar nicht in den Alltag eingegriffen, doch sie hat sich in ihrer Kindheit und Jugend in einem Netz von jüdischen Bekannten, Freunden und Verwandten bewegt, sodass ich glaube, dass das Judentum in ihrem Elternhaus eine weitaus größere Rolle gespielt hat, als Hilde Domin sich dies eingestehen wollte.

Dennoch hat sie immer einen weiten Bogen um alles Jüdische gemacht.
Ihr Kindheitserlebnis in einer katholischen Kirche muss man durchaus ernst nehmen: Dort hatte der Priester die Juden für den Tod Jesu verantwortlich gemacht und sie ist schreiend vor Schreck aus der Kirche gerannt. Nicht unwesentlich mag auch die Haltung ihres späteren Mannes Erwin Walter Palm dazu beigetragen haben. Er stammte aus einem orthodoxen jüdischen Elternhaus, gegen das er sich abgrenzen wollte, Er lehnte das »jüdische Gemauschel« und die »derbe jüdische« Sprache ab, ja verbot Hilde Domin sogar, jüdische Wörter zu benutzen.

Woran sie sich nicht immer gehalten hat ...
Nein. »Das ist nebbich, entschuldige, wenn ich dieses jüdische Wort benutze. Ich weiß, das magst du nicht«, schrieb sie ihm einmal sinngemäß.

Als Domin aus dem Exil zurückkehrte und sich in Heidelberg niederließ, gab es Protes-te von Neonazis. Warum hat sie das nicht publik gemacht?
Sie scheute die öffentliche Konfrontation, fürchtete, dass das Aufleben des Nazismus in den 60er-Jahren den Juden angelastet werden würde und hatte eine große Angst vor körperlicher Versehrtheit. Die ersten Berichte aus den Lagern hatten sie so geschockt, schrieb sie, dass sie 15 Jahre lang beim Anblick von nackten Menschen immer sofort die Leichenhaufen in den KZs vor Augen hatte. Erst mit den Gedichten von Nelly Sachs konnte sie die vielen Toten endlich bestatten, verwandelte sich Bitternis in Schmerz. Doch die Angst vor antisemitischen Anfeindungen blieb.

Hätte Domin für sich die Klassifizierung »jüdische Lyrikerin« akzeptiert?
Sie hätte in vieler Hinsicht widersprochen, sie wollte nie in die Reihe jüdischer Dichterinnen eingereiht werden. Wir waren 2004 in Neu-Isenburg. Die Lesung war sehr erfolgreich, Hilde Domin in guter Stimmung. Beim Herausgehen fragte sie: »Warum hängt denn mein Konterfei zusammen mit Rose Ausländer und Else Lasker-Schüler?« Als man ihr zur Antwort gab, dass die Lesung in der Reihe »jüdische Dichterinnen« lief, reagierte sie verärgert:»Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht gekommen.« Sie wollte Dichterin sein, keine Exil-Dichterin, keine jüdische Dichterin – was sie ja auch nicht war.

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