Sicherheitskräfte

Schutzlos

von Sabine Brandes

Die Luft in Jerusalem steht. Schon seit Tagen ist das Quecksilber tagsüber nicht einmal unter die 30-Grad-Marke gefallen. Unerbittlich flirrt die Sonne und lässt die Jahrtausende alten Steine leuchten, die der Stadt ihren zweiten Namen geben: die Goldene. Die Frauen und Männer in den beigefarbenen Hemden haben keine Augen für die Pracht. Hochkonzentriert gilt ihre ungeteilte Aufmerksamkeit etwas anderem: den grünen Linienbussen, die sich tagein, tagaus den Weg durch die Straßen und Gassen bahnen.
Die jungen Leute gehören zu einer speziellen Sicherheitseinheit, die den öffentlichen Nahverkehr schützt. Nach Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 ist sie vom Verkehrsministerium eingerichtet worden, um die grauenvolle Anschlagsserie auf die Jerusalemer Linien zu beenden. Wiederholt hatten palästinensische Attentäter Busse in der Innenstadt in die Luft gesprengt. Das Ergebnis waren Dutzende von Toten und eine völlig verängstigte Bevölkerung. Mit der Einheit sollten die Anschläge verhindert und den Bewohnern wieder ein Gefühl von Normalität gegeben werden. Mit Erfolg: Nachdem aus den Fahrzeugen Geisterbahnen geworden waren, die ihren Weg menschenleer von einer Haltestelle zur nächsten zurücklegten, stiegen kurz nachdem die Sicherheitsleute ihre Arbeit aufgenommen hatten, wieder erste Fahrgäste ein. Die Zahl der Terrorattentate sank drastisch und tendiert heute gegen Null. Neben dem direkten Schutz setzt die Einheit auf Abschreckung durch permanente Präsenz an den Haltestellen der Hauptverkehrsadern.
Jetzt aber soll es die Schutzengel an der Straße nicht mehr geben. Das Transportministerium beschloss, die Einheit zum
1. September aufzulösen. Viele der Angestellten hatten ihre Kündigung schon in der Post. Insider sagen, dass diese Entscheidung gegen den vehementen Widerstand von Transportminister Schaul Mofaz und auf Druck des Finanzministe-
riums zustande gekommen ist. Sie werde nicht mehr gebraucht und koste zu viel, lautet die Begründung.
In den Ohren der Jerusalemer klingt das wie blanker Zynismus. »Die, die das beschlossen haben, fahren jeden Tag in ihren gepanzerten Karossen herum und gucken durch abgedunkelte Scheiben. Sie haben keine Ahnung, wie man sich auf der Straße fühlt.« Chanan Kohen ist entsetzt: »Es kann einfach nicht wahr sein. Offensichtlich ist dem Staat das Leben der einfachen Menschen keinen müden Schekel wert.« Diese Leute hätten mit Mut und Einsatzbereitschaft dafür gesorgt, dass der Alltag in Jerusalem wieder erträglich wird, meint Kohen. »Man sollte jedem Einzelnen eine Medaille für besondere Verdiens-te verpassen, statt ihnen zu kündigen.
Das Busunternehmen Egged wie die Polizei haben sich bereits gegen die Auflösung ausgesprochen. Egged-Sprecher Ron Rathner erklärte, dass sich die Kosten der Sicherheitseinheit auf jährlich etwa 80 Millionen Schekel (umgerechnet etwas mehr als 14 Millionen Euro) belaufen, verglichen mit anderen Sicherheitsmaßnahmen ein relativ geringer Betrag.
Die meisten der Sicherheitsleute an den Haltestellen stammen aus Kampfeinheiten der Armee. Einer von ihnen ist Vladi S. (Name geändert). Eigentlich darf er öffentlich keine Stellungnahme abgeben und ist nur dann bereit, Auskunft zu geben, wenn sein Name nicht genannt wird. Er hat schon von der Entscheidung des Ministeriums gehört und ist frustriert. «Unser Job ist wahrlich alles andere als einfach, aber wir sind stolz, ihn zu machen, weil wir die Bürger Israels schützen. Wir riskieren jeden Tag unser Leben und der Dank ist, dass wir jetzt einfach vom Staat abserviert werden.»
Der Mann mit der Pilotensonnenbrille und dem raspelkurz geschorenen Haar macht den Job am Straßenrand seit über einem Jahr. Die meisten seiner Kollegen sind junge Männer, doch es sind auch einige Frauen darunter. Sie stehen in schier unerträglicher Hitze, bei Wind und Regen an den Egged-Haltestellen. Aufmerksam schauen sie sich unter den Fahrgästen um. Kommt ein Bus, stellen sie sich an die Tür und kontrollieren mit geschultem Blick. Was Vladi nach der Kündigung machen soll, weiß er nicht. Bitterkeit tönt in seiner Stimme mit.
Der junge amerikanische Tourist mit dem Rucksack auf dem Rücken hat keine Ahnung, dass es bald keinen direkten Schutz mehr geben wird. Auf die Frage, ob er auch ohne das Sicherheitspersonal in einen Bus steigen würde, tippt er sich an die Stirn. «Niemals. Ich bin doch nicht völlig verrückt. Die Leute hier sind der Grund, weshalb ich überhaupt öffentliche Verkehrsmittel in diesem Land benutze.»
Seit eineinhalb Jahren steige die Zahl der Fahrgäste ständig, weiß der Mann hinter dem Lenkrad einer Innenstadtlinie. «Viele fahren jetzt wieder mit, auch die, die sich lange nicht gewagt hätten: Geschäftsleute, Familien und Touristen.» Und das sei einzig und allein der Verdienst der Sicherheitseinheit. «Diese Jungs und Mädchen sind gut fürs Geschäft, gut für das Ansehen unserer Stadt – aber vor allem gut für unser aller Leben.»

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