Mittelmeergipfel

Schaden und Schande

von Wladimir Struminski

Als Diplomat darf man schon mal übertreiben. Das erklärt die vielen schönen Worte, mit denen diverse Regierungssprecher die Pariser Gründungskonferenz der »Union für das Mittelmeer« lobten – jedenfalls in der Öffentlichkeit. Auch die israelische Diplomatie war bemüht, dem pompösen Ereignis positive Seiten abzugewinnen. »Es war eine erfolgreiche Konferenz«, beteuerte das Jerusalemer Außenministerium. Die Mittelmeerunion, so Außenamtssprecher Arie Mekel, sei »eine gute Idee«. Zudem hätten Ministerpräsident Ehud Olmert und Außenministerium Zipi Livni Gelegenheit gehabt, Israels Politik zu erläutern und Vertreter vieler Staaten zu treffen, zu denen der jüdische Staat keine diplomatischen Beziehungen unterhalte. Aus der Sicht eines Underdogs der Weltpolitik nicht minder wichtig: Es sei deutlich geworden, dass Israel ein integraler Teil des Mittelmeerraums sei. »Diesmal«, freute sich Mekel im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »wurden wir nicht ins Abseits gedrängt«.
Darüber kann man geteilter Meinung sein. So ließen arabische Länder wissen, Projekte mit israelischer Beteiligung seien unerwünscht, etwa die anvisierte Küstenautobahn, die nach europäischen Vorstellungen auch durch Israel führen soll. Auch die Befürwortung des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses und der israelisch-syrischen Gespräche, wie sie in der gemeinsamen Erklärung zum Ausdruck gebracht wird, war für manche arabische Teilnehmer, wie hinter den Kulissen klar wurde, keine Selbstverständlichkeit. Solche Vorbehalte zeigen, wie weit Israel von einer echten Integration in Nahost entfernt ist.
Als besonders beschämend empfanden die Israelis jedoch, wie ihr Ministerpräsident vom syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad vorgeführt wurde. Vor der Konferenz war in Israel heftig über die Frage debattiert worden, ob Assad in Paris zu einem Händedruck mit Ehud Olmert bereit sein würde. War er nicht. Bei Kontakten mit Israel, so Assad, komme es nicht auf Gesten an. Daher stehe ein Händedruck nicht auf der Tagesordnung. Die Israelis mussten am Bildschirm erleben, wie Assad und Olmert während der Konferenz – nur wenige Schritte voneinander entfernt – einer ungeschriebenen Choreografie folgten, um einander bloß nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Schließlich wollte Olmert von Assad nicht vor laufenden Kameras gedemütigt werden. Diese Szene wird man in Israel nicht so schnell vergessen.
Zumindest einen Teil der Schuld an dem Debakel schreibt Itamar Rabinovich, Professor für die Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Tel Aviv und in den 90er-Jahren israelischer Chefunterhändler bei den gescheiterten Friedensgesprächen mit Syrien, der israelischen Regierung zu. Jerusalem habe Assad, bis vor kurzem ein Paria der Weltpolitik, aufgewertet, obwohl dieser nicht zu direkten Gesprächen mit der israelischen Regierung bereit war. Jetzt ernte man Assads Chuzpe. »Was in Paris vorgefallen ist«, so Rabinovich zur Jüdischen Allgemeinen, »war mehr als peinlich. Israel hat echten Schaden davongetragen.«

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

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