Europäisch-Jüdischer Kongress

»Russische Methoden«

von Tobias KÜhn

Seit Anfang der Woche ist das jüdische Europa gespalten. Nach der Vollversammlung des Europäisch-Jüdischen Kongresses (EJC) am Sonntag in Paris erklärten die Vertreter der jüdischen Gemeinschaften Frankreichs, Österreichs und Portugals, ihre Mitgliedschaft bis auf Weiteres ruhen zu lassen. Anlass war eine Abstimmung darüber, die Amtszeit der EJC-Führung von zwei auf vier Jahre zu verlängern.
Bei der Vollversammlung am Sonntag votierten 51 der 34 Delegierten aus 40 Ländern für die Verdoppelung der Legislaturperiode. Obwohl die Wahl geheim war, gehen Beobachter davon aus, dass hauptsächlich die Vertreter osteuropäischer jüdischer Gemeinden für den Wechsel gestimmt haben. Im Mai 2007 war der russische Geschäftsmann Moshe Kantor für zwei Jahre zum EJC-Präsidenten gewählt worden. Die EJC-Führung einschließlich des Präsidenten soll nun bis Juni 2011 amtieren anstatt bis 2009.
»Das ist undemokratisch«, kommentiert Richard Prasquier, Präsident des Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF), der Dachorganisation der Juden Frankreichs, den Vorgang. Es gebe keinen Grund dafür, dass ein für zwei Jahre bestimmtes Mandat auf diese Weise verlängert werde. »Wenn man für zwei Jahre gewählt ist, kann man nicht einfach zwei Jahre dranhängen, sondern man wählt nach zwei Jahren erneut – mit mehreren Kandidaten.« Man könne nicht im Nachhinein die Spielregeln ändern, sagte Prasquier dieser Zeitung. Er werde prüfen lassen, ob man juristisch gegen die Beschlüsse vorgehen kann. Zwar wolle er den EJC keinesfalls sprengen, doch gibt er zu bedenken, dass niemand von Europa sprechen könne, ohne Frankreich mit der größten jüdischen Bevölkerung mit einzubeziehen.
Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant, sagte der Jüdischen Allgemeinen, er sei schon seit einiger Zeit nicht mehr einverstanden mit der Politik des EJC-Präsidenten. »Wir sind nicht der Meinung, dass er uns vertritt.« Die Abstimmung über die Verlängerung von Kantors Amtszeit sei deshalb nur der »Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte«. Muzicant moniert, dass Kantor schwieg, als Russlands Präsident Wladimir Putin im Herbst in Teheran mit keinem Wort den Holocaust erwähnte. Geärgert hat sich Muzicant zudem über den Vorstoß des EJC-Präsidenten, am 27. Januar nicht nur der Schoaopfer zu gedenken, sondern an diesem Tag auch an andere Ereignisse zu erinnern. Muzicant: »Dieser EJC ist nicht mehr unser Kongress.«
Man brauche einen europäischen Kongress, der die europäischen Normen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie beachtet, fordert Muzicant. Es gebe zwischen West- und einigen Osteuropäern gravierende Unterschiede im Verständnis darüber, wie man einen europäischen Kongress führt. »Die jüdischen Gemeinden haben die europäische Entwicklung verschlafen«, sagt Muzicant. Was die jüdische Gemeinschaft Europas brauche, sei ein europäischer jüdischer Kongress, der sich an die EU anlehnt, an ihre Grenzen und Machtverhältnisse. »Da sind die Franzosen, Deutschen, Engländer, Italiener, Polen, Ungarn und andere gefragt, aber eben nicht unbedingt die Russen, Moldawier und Ukrainer. Wir können im EJC nicht mit Methoden leben, wie sie jetzt in Russland gang und gäbe sind.«

(Mitarbeit: Lars Weber)

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026