Hisbollah

Reisewarnung

von Wladimir Struminski

Zwi ist ein stolzer Israeli und ein guter Zionist. Nach dem Studium kehrte er dem heimatlichen Großbritannien den Rücken und wanderte nach Jerusalem aus. Dennoch ist er dankbar, dass er neben dem israelischen auch einen britischen Pass hat. Als Geschäfsmann ist Zwi – seinen englischen Vor- und Nachnamen will er aus Gründen der persönlichen Sicherheit nicht veröffentlicht wissen – rund um den Globus unterwegs. Wenn er in Paris, Berlin, Istanbul oder Buenos Aires an die Hotelrezeption tritt, gibt er sich nicht als Israeli, sondern als Untertan ihrer britischen Majestät zu erkennen. »Es ist sicherer, und ich möchte nicht als Terroropfer in die Zeitung kommen«, zuckt Zwi mit den Schultern.
Wie ihm geht es vielen Israelis: Sobald sie den Ben-Gurion-Flughafen verlassen haben, kommt der ausländische Pass, den Hunderttausende Bürger des Judenstaates ihr Eigen nennen, zum Vorschein. Und wer nur Israeli ist, versucht zumindest, im Ausland nicht aufzufallen.
Wohlgemerkt begleitet die Furcht vor Überfällen palästinensischer Terroristen israelische Touristen seit Jahrzehnten. Dieser Tage aber hat die Angst eine neue Di-
mension: Nach Erkenntnissen israelischer Nachrichtendienste plant die libanesische Hisbollah nämlich die Entführung von Israelis in Drittländern. Mit den Kidnappings will sich die Schiitenmiliz für die im Februar in Damaskus erfolgte Liquidierung ihres Kommandeurs Imad Mughnije rächen, für die sie Israel verantwortlich macht. Auch Angriffe auf israelische Botschaften und andere offizielle Vertretungen gelten als möglich, doch werden Diplomaten gut beschützt, während Touristen »weiche« Ziele sind. Zudem glauben die Hisbollah-Strategen, durch die Entführung von Israelis die Freilassung von Terroristen erzwingen zu können. Eine solche Aktion, so Brigadegeneral Elkana Har-Nof von dem im Ministerpräsidentenamt angesiedelten Antiterrorbüro, wäre aus Sicht der Hisbollah »besonders erfolgreich«. Deshalb legen israelische Sicherheitsdienste Überstunden ein. »Es gibt nicht wenig Warnungen, und wir konnten einige Entführungen vereiteln«, bekräftigte jüngst Verteidigungsminister Ehud Barak und ermahnte seine Landsleute zu verstärkter Vorsicht. »Israeli zu sein«, konstatierte der Ressortchef im Hinblick auf die möglichen geopolitischen Konsequenzen einer Entführung, »ist eine große Verantwortung.«
Konkret empfiehlt die israelische Ab-
wehr israelischen Auslandsreisenden Verhaltensweisen, wie sie sonst bei Geheim-agenten üblich sind. »Geben Sie sich nicht ohne Not als Israelis zu erkennen«, heißt es in den amtlichen Sicherheitsempfehlungen. Um Entführungen zu verhindern, sollten Bürger des jüdischen Staates unerwartete Einladungen ebenso wie Geschäfts-
termine an abgelegenen Orten, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit, ablehnen. Zu kurzfristig anberaumten Begegnungen begibt man sich, so ein weiterer Tipp, am besten mit einem vertrauenswürdigen Begleiter. Der Einstieg in ein Taxi, das nicht telefonisch bestellt wurde oder unaufgefordert hält, bedeute ein zusätzliches Risiko.
Besonders gefährdet sind Armeeoffiziere und andere Mitarbeiter des Sicherheitsestablishments, und zwar auch dann, wenn sie bereits in Pension sind. Wie bekannt wurde, hat das Verteidigungsministerium mehrere ehemalige Generäle zur Rückkehr nach Israel aufgefordert. Auf der Risikolis-te stehen aber auch Flugbesatzungen der israelischen Luftfahrtgesellschaft EL AL. Sie an Airports auszuspähen, fällt Informanten der Hisbollah leicht. Auch der Aufenthalt in bestimmten Weltregionen bedeutet erhöhtes Risiko. Dazu gehört unter anderem Westafrika, wo die Hisbollah nach israelischen Erkenntnissen über aktive Terrorzellen verfügt. Als vor einigen Wochen Ehud Avni, ein israelischer Baumanager, in Nigeria entführt wurde, stockte seinen Landsleuten der Atem. Zum Glück wurde der 60-jährige Experte nicht von Terroristen, sondern von lokalen Gangstern entführt, die sich ein sattes Lösegeld erhofft hatten, Avni aber nach einigen Tagen wegen seiner schlechten Gesundheit laufen ließen.
Auch Normaltouristen nehmen sich heute besonders in Acht. »Wir werden noch vorsichtiger sein als sonst«, meinte der Student Roni Peretz aus dem Kibbuz Evron bei einer Passagierbefragung in Ben-Gurion. Peretz und seine Freunde waren nach Indien unterwegs. Auch der Orthopäde Gerschon Volpin erklärte vor seinem Flug zu einer Konferenz in Hongkong, die Warnungen des Ministerpräsidentenamtes ernst zu nehmen. Allerdings werden sich nicht alle Globetrotter – allein in diesem Jahr werden dreieinhalb Millionen Auslandsreisen von Israelis erwartet – an die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen halten. Als ein eklatantes Beispiel nennt das Antiterrorbüro Reisen auf die ägyptische Sinai-Halbinsel. Dabei heißt es in den offiziellen Sicherheitshinweisen, die auf dem Sinai agierenden Terrorgruppen könnten eine Entführung von Israelis »jederzeit ausführen«.

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