Medien

Radikalkur bei Memri

von Peter Nowak

Die Nachrufe waren voreilig. Der Deutschlandfunk hatte Anfang August in der Sendung »Markt und Medien« bereits einen Abschiedsbeitrag über das Berliner Büro des Middle East Media Research Institute (Memri) gesendet. Da wurde in manchen Internetforen schon gejubelt. Denn obwohl Memri mit der Übersetzung von Artikeln und TV-Berichten aus der arabischen und islamischen Welt einen einzigartigen Service bietet, steht die Organisation ständig in der Kritik. Die Überset- zungen seien tendenziös ausgewählt und würden für Kampagnen gegen die arabische Welt genutzt, lautet ein häufiger Vorwurf. Die Kritik wird an der Biographie des Memri-Gründers Yigal Carmon festgemacht, einem ehemaligen Mitglied des israelischen Nachrichtendienstes. Die Memri-Unterstützer wiesen diese Kritik stets zurück und sahen in dem Hinweis auf den israelischen Gründer der Organisation eine Nähe zu antisemitischen Ressentiments.
Die beiden ehemaligen Mitarbeiter des Berliner Memri-Büros Götz Nordbruch und Mirjam Gläser wehren sich auch gegen den Vorwurf, es würde bewußt ein negatives Bild über die arabische Welt gezeichnet. Durch die Übersetzung unterschiedlicher Debattenbeiträge aus dem arabischen Raum werde gerade das Bild »vom einheitlichen Charakter der Araber« widerlegt. Predigten moslemischer Geistlicher würden ebenso bekannt wie Textstellen in palästinensischen Schulbüchern, in denen Israel das Existenzrecht abgesprochen wird.
Etwa 30 Memri-Mitarbeiter übersetzen in Washington, Jerusalem, Tokio und Berlin ihnen wichtig erscheinende Texte in die jeweiligen Landessprachen. Auch deutschsprachige Medien hatten sich in der Vergangenheit häufig dieser wichtigen Quelle bedient. Gerade der aktuelle Nahost-Konflikt hat die Nachfrage nach Debattenbeiträgen aus der Region gesteigert.
Doch ausgerechnet in den letzten Wochen waren die deutschsprachigen Übersetzungen eingestellt worden. Wegen finanzieller Engpässe und einem bei steigenden Kosten sinkenden Spendenaufkommen in den USA mußte das Berliner Büro stark verkleinert werden, heißt es in einer Mitteilung von Memri-Berlin. »Zum Glück konnte die zunächst befürchtete völlige Schließung verhindert werden«, sagte Wahied Wahdat-Hagh der Jüdischen Allgemeinen. Der aus dem Iran stammende Soziologe wird in Zukunft als einziger hauptamtlich für das Berliner Büro arbeiten. Sein Arbeitsgebiet ist die Beobachtung und Übersetzung von Debatten aus dem Iran. Die übrigen Mitarbeiter wurden entlassen. Die spezifisch iranische Facette, die das Berliner Büro seit Jahren einbrachte, wird so endgültig zum Markenzeichen. Es soll das Büro von den anderen Standorten abheben.
Wahied Wahdat-Hagh legt Wert auf Stimmen aus der iranischen Zivilgesellschaft. Auch das paßt ins Programm der Organisation. Denn obwohl Memri Kommentierungen weitgehend vermeidet und darauf setzt, daß mehr Wissen bei den Abnehmern der Texte auch zu einer anderen Wahrnehmung führt, ist die Organisation kein neutraler Beobachter. »Wir räumen oppositionellen Stimmen sicher einen größeren Stellenwert ein, als diese sie im Kontext ihrer Gesellschaften möglicherweise verdienen«, räumte Jochen Müller, der bisherige Leiter des Berliner Büros 2004 in der Jüdischen Allgemeinen ein. »Aber es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß es in dieser Region voller Diktaturen neben den Islamisten auch noch andere Stimmen gibt, die wir zu Wort kommen lassen müssen.«
Gerade in den palästinensischen Autonomiegebieten sei die Gesellschaft durch den engen Kontakt mit Israel offener – und wandlungsfähig. Durch Memri kommen arabische Stimmen in den hiesigen Medien zu Wort, die den ritualisierten Kampf gegen Israel als Stabilisierungsfaktor für die undemokratischen Regime bezeichnen und ihn deshalb ablehnen. Stattdessen fordern sie grundlegende gesellschaftliche Reformen in den eigenen Ländern. Daß es diese Stimmen in der arabischen und islamischen Welt auch gibt, ist deutschen Zeitungslesern wenig bekannt. Daß Memri dies ändern will, dürfte eigentlich kein Grund zur Kritik sein. Daß Memri diese Arbeit weiter auch von Berlin aus tun wird, ebenso.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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