Reuven Pedatzur

»Neue Strategie der Abschreckung«

Herr Pedatzur, was ist gegenwärtig die größte Bedrohung für Israels Sicherheit?
pedatzur:: Die Raketen der Hamas und der Hisbollah.

Nicht ein nuklear bewaffneter Iran?
pedatzur: Nein, das ist die vielleicht wichtigste strategische Bedrohung der Zukunft. Dem Raketenhagel aber sind wir jetzt ausgesetzt. Und das Bedenkliche daran ist: Es gibt keine militärische Antwort darauf. Im Augenblick geben wir mehrere Millionen Dollar aus, um ein Raketenabwehrsys- tem zu entwickeln. Leider wird das nicht funktionieren.

Warum nicht?
pedatzur: In Sderot wird es gar nichts nützen, weil es zu nahe am Gasastreifen liegt. Die Vorwarnzeit ist sehr kurz, und wir haben kaum die Möglichkeit die Kassam-Raketen abzufangen, bevor sie einschlagen. Bedenken Sie auch, wie verrückt das ist: Wir versuchen, uns mit einer etwa hunderttausend Dollar teuren Rakete gegen einen selbst gebastelten Flugkörper zu verteidigen, der ein paar hundert Dollar kostet. Es wäre komplett verrückt, ein solches System zu benutzen.

Wie kann die Armee dann auf diese Bedrohung reagieren?
pedatzur: Wir brauchen keine militärische, sondern ein politische Lösung. Wir müssen mit der Hamas über ein Waffenstillstandsabkommen verhandeln. Ich fände es ausreichend, wenn wir uns nur auf eine Waffenruhe von zwanzig Jahren einigen könnten.

Warum sollte die Hamas dem zustimmen? Sie erzielt doch, aus ihrer Sicht, prächtige propagandistische Erfolge mit ihrem Raketenbeschuss?
pedatzur: Sie brauchen einen Waffenstillstand genauso wie wir. Die Situation in Gasa ist so schrecklich. Hamas braucht und will ein Ende der Abriegelungen. Meines Erachtens gibt es durchaus Zeichen für ein Interesse der Hamas an einem Waffenstillstand. Unser Doktrin aber ist, dass wir nicht mit der Hamas sprechen. Ich halte das für einen Fehler, denn es wird uns am Ende nichts anderes übrig bleiben.

Was machen Sie mit der Hisbollah, die Israel ebenfalls mit ihrem Katjuscha-Hagel während des Libanonkrieges von 2006 schwer in Verlegenheit gebracht hat?
pedatzur: Auch hier ist die einzige Lösung ein Abkommen mit Syrien. Wenn wir das haben, können sie die Hisbollah unter Druck setzen, die dann, hoffentlich, ihre Aktivitäten gegen uns einstellen wird.

Aber auch die Hisbollah lebt von ihrem Nimbus, »Widerstand« gegen Israel zu leisten. Ist sie nicht an einem Kriegszustand interessiert?
pedatzur: Ja, sie leben von dieser Rolle. Aber Hisbollah kann sich auch profilieren, ohne Raketen auf uns zu schießen. Sie wurde ein Teil des politischen Systems im Libanon und will es bleiben. Langfristig brauchen sie einen permanenten Zustand des Krieges nicht mehr. Den Krieg können sie auf ihre Propaganda beschränken. Nach dem Motto: Wir müssen Israel bekämpfen, aber ohne Raketen.

Warum sollte Syrien an einem Abkommen interessiert sein?
pedatzur: Syrien besitzt 20.000 oder mehr Raketen, auf die wir militärisch ebenfalls nicht angemessen reagieren. Der Unterschied ist allerdings, dass wir, anders als im Fall der Hamas, über ein Abschreckungspotenzial verfügen. Die Syrer wissen, was passiert, sollten sie uns mit Raketen angreifen. Hier wird es weder auf unserer noch auf deren Seite Fehler geben. Im Übrigen gibt es durchaus Zeichen für eine Verhandlungsbereitschaft mit Israel. Es gibt wohl diskrete Treffen oder wenigstens eine leise Kommunikation hinter den Kulissen.

Welche Rolle spielt die Armee, wenn es für die wichtigsten militärischen Probleme nur politische Lösungen gibt?
pedatzur: Unser Regierungssystem verfügt leider nicht über eine Institution wie beispielsweise den Nationalen Sicherheitsrat in den USA. Das ist unsere Tragödie. Es ist in erster Linie die Armee, die unsere Sicherheitspolitik bestimmt. Wenig überraschend, denn das ist ja ihre Aufgabe, formuliert sie beständig militärische Antworten. Und das funktioniert nicht immer, wie wir wissen. Im Fall Syriens braucht man eine Führung, die sich ganz klar für eine Lösung mit Damaskus entscheidet und das auch durchsetzt. Wobei gar nicht gesagt ist, dass die Armee etwas gegen Verhandlungen mit Syrien einzuwenden hätte.

Die Armee ist nicht in der Lage, das Sicherheitsproblem zu lösen, obgleich sie das vorgibt?
pedatzur: Nein. Wir sehen das ja mit den Kassam-Raketen. Das Problem haben wir seit mehr als sieben Jahren und sind nicht in der Lage, es zu lösen. Nur hat die Armee einen besonderen Status, wir vertrauen immer noch darauf, dass sie wirklich einlösen kann, was sie verspricht. Sie ist eben die heilige Kuh unserer Gesellschaft.

Ist »Zahal« tatsächlich immer noch die beste Armee des Nahen Ostens oder gar der Welt, wie oft behauptet wird?
pedatzur: Ich kann das nicht mit Gewissheit beantworten. Aber im letzten Libanon-krieg wurde ja deutlich, dass wir ein Problem haben. Wir haben fast nichts von dem liefern können, was unsere Armee versprochen hatte.

Gibt es nach dem Untersuchungsbericht des Winograd-Komitees, der ja diese Mängel während des Libanonkrieges recht schonungslos offenlegte, eine Art Umdenken in der Armee?
pedatzur: Einige Offiziere stellen schon sehr kritische Fragen zum Zustand unserer Armee. Aber die Kommandoebene beharrt darauf, dass alles in Ordnung ist. Und dass alles, was es zu kritisieren war, korrigiert wurde und jedermann glücklich sein kann. Aber das ist leider eine Illusion.
Ist die Armee vorbereitet auf eine Bedrohung durch einen nuklear bewaffneten Iran?
pedatzur: Zunächst: Sollte der Iran nukleare Waffen erwerben können, dann sind wir tatsächlich mit einer völlig neuen Situation im Nahen Osten konfrontiert und mit der ersten, ganz entscheidenden strategischen Bedrohung für Israel. Hier haben wir verschiedene Optionen. Eine davon wäre eine Mili- täraktion gegen den Iran, bevor er sich atomar bewaffnen kann. Ich hoffe sehr, dass sich unsere Regierung nicht dafür entscheiden wird.

Warum nicht?
pedatzur: Die Erfolgsaussichten sind aus zwei Gründen schlecht: Erstens verfügen wir nicht über ausreichende Informationen, wo sich die iranischen Nuklearanlagen befinden. Zweitens wissen wir wenigstens, dass die wirklich wichtigen Anlagen unterirdisch angelegt sind und wir sie daher nicht zerstören können. Wir sind in der Lage, einige Ziele zu treffen. Aber das würde das Programm höchstens minimal verzögern.

Was wären die anderen Optionen?
pedatzur: Wir könnten mit den Iranern reden, was sicherlich nicht von allzu großem Erfolg gekrönt wäre. Wir könnten Atombunker für unsere Bevölkerung bauen, was ein ganz falsches Zeichen und völlig verrückt wäre. Ich bin ziemlich sicher, dass man das nicht tun wird. Wir könnten uns auf unser Verteidigungssystem »Arrow« verlassen, was ebenfalls ein Fehler wäre.

Warum?
pedatzur: Weil es kein hundert Prozent sicheres Abwehrsystem gibt. Wenn auch nur eine einzige nuklear bestückte Rakete durchkäme, hätte dies für ein kleines Land wie Israel schwerste Konsequenzen. Ebenso wenig können wir uns auf den Abwehrschirm der USA verlassen. Aus den eben genannten technischen Gründen. Und weil wir auch nicht wissen, ob die Amerikaner uns eine Verteidigungsgarantie geben wollen.

Was bleibt dann noch?
pedatzur: Wir brauchen eine neue Strategie der Abschreckung. Bislang haben wir uns nicht klar über unser Nuklearpotenzial geäußert. Das sollten wir ändern. Wir sollten sagen: Ja, wir haben Nuklearwaffen, und wir sollten klar über unser Zweitschlagmöglichkeiten informieren und den Iranern ganz klar deutlich machen, was ein Zweitschlag in deren Land anrichten könnte, sollten sie einen nuklearen Angriff gegen uns wagen. Es versteht sich von selbst, dass wir einen solchen Schritt nur in Zusammenarbeit mit den USA unternehmen würden.

Das Gespräch führte Sylke Tempel.

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